Heute: Fair heißt schön...

...und schön fair sollten wir bleiben, Herr Schweinsteiger

Ob das klug war, Bastian Schweinsteiger, hochverehrte Stütze des DFB-Teams? Ob das klug war, der argentinischen Auswahl vor dem WM-Viertelfinalspiel am Samstag vorzuwerfen, sie sei sicher nicht eine der fairsten Mannschaften. Und auch noch nachzulegen nach dem Motto: So sind sie halt, die Argentinier.  Die Argentinier! Ich stelle mir vor, wie der Beschwörer, Knutscher und Zauberer Diego Maradona seinem Team Ihre Worte vorbellt, um sie aggressiv zu machen. Diese Verleumder müssen wir schlagen! Die Nation dürstet nach Revanche! Wenn es erlaubt wäre, Herr Schweinsteiger, müsste man Ihnen raten, sich zum Spiel, bei dem wir Ihre Kicker-Kunst natürlich nicht missen wollen, zu kleiden wie ein amerikanischer Football-Spieler.

Ist es fair vorauszusagen, man müsse sich auf unfaire Gegner einstellen? Nein, es ist unsouverän, es ist Psychokrieg. Es ist weder passend noch schön, und damit nimmt Ihr getreuer Fan, der sich am Samstag um Ihre Knochen sorgen wird, die Kurve zur sportlichen Karriere des Wortes fair, das wir, mit Dutzenden anderer Sportbegriffe, im 19. Jahrhundert von den englischen Fußball-Erfindern geschenkt bekommen haben.

Aber ehe ich damit anfange, stelle ich, apropos Engländer, noch ganz zaghaft eine Frage: Wäre es nicht der Inbegriff der Fairness gewesen, wenn der Torhüter Manuel Neuer, nachdem er den zweiten Treffer der Insel-Kicker aus dem Kasten geangelt hatte, zum Schiedsrichter gegangen wäre und bekannt hätte, dass der Ball drin war? Kann man wohl nicht verlangen, aber…

Jetzt aber zum englischen Wörtchen fair, später dann zu seinen Ahnen und seinen teils schönen, teils passenden deutschen Verwandten (ja, es gibt welche, und eins davon benutzen wir so gut wie jeden Tag). Die Angeln, Jüten und Sachsen brachten, als sie sich auf der Insel breitmachten, das Wort als faeger mit, und damals bedeutete es soviel wie schön, zierlich oder fein. Im Althochdeutschen lautete das Wort fagar und hieß dasselbe.

Das Wort schön, verwandt mit schauen, gab es damals auch schon, althochdeutsch hieß es sconi und bezeichnete Dinge, die den Blick auf sich zogen, also ansehnlich waren. Fagar rettete sich eben noch ins Mittelhochdeutsche, und dann war Schluss damit, schön lief ihm den Rang ab, während altenglisch faeger sich tapfer hielt und bis heute nicht nur sportlich, gerecht oder korrekt bedeuten kann, sondern (neben dem von den Franzosen geerbten beautiful)  nach wie vor schön („My Fair Lady“) und überdies  blond. (Die Fairness erlaubt an dieser Stelle keinen Blondinenwitz.)  

Über die Jahrhunderte schleppte das Wort auch noch eine Urbedeutung mit, die sich, WWW-vereinfachend, auf die Gleichung bringen lässt: Was sich fügt, ist angemessen (und somit schön). Gründlich, wie sie sind, haben die Etymologen die indogermanische Stammsilbe der Wortfamilie rekonstruiert und sind auf pak- gekommen, was soviel wie festmachen, fügen, binden, flechten bedeutete.  Hierher gehören dann so wichtige Begriffe wie pax (der Friede als ein durch Vertrag festgemachter Zustand) und Pakt, aber auch so nützliche deutsche Wörter wie Fach, das althochdeutsch ­ - fah - auch für ein Stück Wand oder Mauer stand; das Fachwerk erinnert daran. Gemeint war immer etwas, das passt. Russisch paz heißt Fuge oder Nute.

Fair, Bastian Schweinsteiger, heißt nützlich, und es heißt schön. Ihr Spiel im Match gegen das englische Team war beides.

Monday’s child is fair of face,/Tuesday’s child is full of grace,/Wednesday’s child is full of woe,/ Thursday’s child has far to go,/ Friday’s child is loving and giving,/ Saturday’s child works hard for a living,/ And the child that is born an Sabbath day/Is bonny and blithe, and good and gay.

Der englische Kinderreim, hübsch, aber reiner Aberglaube, preist unter anderem, wie schön (fair) die Gesichter der Montagskinder seien, außerdem den Frohsinn der Sonntagskinder. Vier andere kommen noch einigermaßen gut weg, nur den Mittwochskindern sagt der Achtzeiler woe - Jammer und Kummer - voraus. Das ist unfair und auch noch falsch. Beweis: Der 1. August 1984, an dem das bayrische Glückskind Bastian Schweinsteiger zur Welt kam, fiel auf einen Mittwoch.

Und am Samstag wäre ein Sieg recht, fair and square, wie die Angelsachsen sagen, also ohne Wembley- oder Bloemfontein-Tor: ein anständiger Sieg.


 


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Mein fremder Freund: Ob der Islam zu Deutschland gehört, steht dahin. Sicher jedoch ist, dass jeder von uns einen Menschen kennt und mag, der einer fremden Kultur entstammt. Anlass genug, ihn in einer kleinen Portraitfolge aus dem ominösen Migrationshintergrund treten zu lassen, eh ihn Sarrazin abschafft. Ein ähnliches Ziel haben sich die Fotografen Wim Woeber und Ralph Wentz vorgenommen, der Porträts aus der Kölner Keupstraße wir im Rahmen unserer Serie zeigen.


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