Heute: Lesen oder glotzen?

In WM-Zeiten am besten beides zugleich

Aus drei Gründen würde ich heute lieber keine Kolumne ins Netz stellen. Erstens, weil ich sie noch schreiben muss. Zweitens, weil ich lieber Fußball-WM gucke, darüber später. Und drittens, weil mich das Schreiben, wie das Turnier in Südafrika, vom Lesen abhält.

Vor ein paar Tagen habe ich mir, einer Empfehlung des Norddeutschen Rundfunks folgend, das Buch „Nichts, was man fürchten müsste“ von Julian Barnes gekauft und finde es blendend.

So gibt es wenigstens einen Grund, doch einige Zeilen abzuliefern, nämlich den, meine Begeisterung über dieses Buch weiterzugeben, das wahnsinnig spannend, unterhaltend und sehr gelehrt ist, ohne dass einen der Überfluss an Gelehrsamkeit irgendwie ärgern würde, weil der Überfluss mit grandiosem Gespür und vergnügt verteilt wird.

Jeder gute Roman, hat mir einmal ein durchtrieben einfühlsamer Kollege gesagt, handelt von zwei Dingen: Tod und Sexualität. Nun ist Julian Barnes‘ Buch gar kein Roman, sondern ein von hundert kleinen Geschichten durchzogener Riesenessay, aber es handelt, natürlich, von beidem. Es ist keine Autobiographie, Barnes streut aber viele autobiographische Schnipsel ein, die so überzeugend und dabei unprätentiös daherkommen, dass man ihm von Herzen glaubt - wiewohl er immer wieder daran erinnert, wie sehr Erinnerungen trügen können. Dazu zitiert er, sozusagen als Warner, gelegentlich seinen Bruder, einen gestandenen Philosophen. Seine spitzfedrigen Dispute mit dem skeptischen Widerpart aus der eigenen Familie lohnen allein die Lektüre.

„Nichts, was man fürchten müsste“ ist ein Buch über die letzten Fragen, die da sind: Gibt es ein Leben nach dem Tod? Und, mit bewundernswertem, selbst gläubige Menschen nicht verletzendem Humor vorgetragen, die Frage nach der Existenz Gottes. Der Eingangssatz des Buches lautet, so schlicht wie genial: „Ich glaube nicht an Gott, aber ich vermisse ihn.“

Er sehe, trotzt Julian Barnes der Sinnlosigkeit unserer Existenz, „das Leben manchmal als überschätzten Zeitvertreib an; doch ich habe mir nie gewünscht, nicht mehr ich selbst zu sein, mich nie nach Vergessenheit gesehnt. Ich bin nicht so von der Nichtigkeit des Lebens überzeugt, dass die Aussicht auf einen neuen Roman oder einen neuen Freund (oder einen alten Roman oder einen alten Freund) oder auf ein Fußballspiel im Fernsehen (oder auch nur die Wiederholung eines alten Spiels) mein Interesse nicht wieder neu entfachen kann.“

Inzwischen sind zweimal 45 Minuten plus Pause vorüber, die ich, getreu dem Rat des Briten Barnes, verwendet habe, um mich an einem Fußballspiel im Fernsehen zu erfreuen. Es war die Partie Deutschland gegen Serbien in Port Elizabeth. Zwei der serbischen Spieler haben sich mehrmals bekreuzigt - der Torhüter, nachdem er den von Podolski geschossenen Strafstoß gehalten hatte, und einer der Feldspieler, nachdem er ausgewechselt worden war. Es ging gut für die Serben, und in so einen Zusammenhang stellt Barnes, schlauer, als ich es hier schildern kann, ein Zitat aus den Aufzeichnungen des großen Philosophen Wittgenstein: „Glaube du! Es schadet nicht.“

Sollte es doch einen Gott geben, so lenkt er, wie eben gesehen, gelegentlich auch die Gelb-Rot-Entscheidungen von Schiedsrichtern, jedenfalls verteilt er, so es ihn gibt, Karten und Gaben höchst ungerecht, was schon dadurch bewiesen ist, dass er diesem Briten Barnes ein Füllhorn an Denk- und Schreibtalent zugeschanzt hat und mir außer einem Fass voll Neid gerade mal soviel Lust am Lesen, dass ich Barnes‘ Buch samt der überragenden Leistung der deutschen Übersetzerin Gertraude Krueger bewundern kann.

Neid beiseite. So großartige Bücher zu lesen, das ist - neben dem Traumschuss des Slowenen Birsa zum eins zu null gegen die USA in der 13. Minute (ich verfolge das Match so nebenher) - eine der zweitschönsten Sachen im Leben.

Da passt es, dass lesen und seine englisches Pendant to read , zwei germanischstämmige Verben, sich in ihrer Herkunft so fein ergänzen. To read entwickelte sich aus altenglisch raedan, was ziemlich genau dem althochdeutschen ratan entsprach. Beides bedeutete Rat geben, aber mitunter eben auch raten im Sinne des Versuchs, etwas zu deuten, zum Beispiel Runen. Und bis auf unsere Tage besteht Lesen ja nicht immer nur aus Verstehen, sondern auch aus Raten (was der Autor uns sagen will oder was wir daraus machen).

Lesen, althochdeutsch und altenglisch lesan, bedeutete zusammentragen oder sammeln (die Weinlese erinnert daran) oder aussuchen (dabei hat mir diesmal der Rezensent des Norddeutschen Rundfunks geholfen). Schon vor gut einem Jahrtausend begann man das Verb zu nutzen, um das Entziffern von Geschriebenen zu bezeichnen.

Ich wiederhole meine Empfehlung, die beiden Fähigkeiten, to read und lesen, einzusetzen, um die Worte aus dem feinen Buch des fröhlichen Skeptikers und Fußballfreunds Julian Barnes aufzulesen.


 


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Mein fremder Freund: Ob der Islam zu Deutschland gehört, steht dahin. Sicher jedoch ist, dass jeder von uns einen Menschen kennt und mag, der einer fremden Kultur entstammt. Anlass genug, ihn in einer kleinen Portraitfolge aus dem ominösen Migrationshintergrund treten zu lassen, eh ihn Sarrazin abschafft. Ein ähnliches Ziel haben sich die Fotografen Wim Woeber und Ralph Wentz vorgenommen, der Porträts aus der Kölner Keupstraße wir im Rahmen unserer Serie zeigen.


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