Heute: Nun trauert mal schön...

... über Platz drei, ihr Helden

Willkommen beim Wortwechsel. Die Weltmeisterschaft hat den Spielern des Deutschen Fußballbundes so viel Ansehen gebracht, dass unser Landsmann Mesut Özil bei den Vertragsverhandlungen mit Werder Bremen ordentlich zocken kann. DFB-Präsident Dr. jur. Theo Zwanziger, ehemals Spieler des VfL Altendiez, kann nicht so gut zocken und verspürt, irgendwie, Sehnsucht nach dem Privatleben, was man, irgendwie, verstehen kann, wenn man abzuschätzen versucht, wieviel Selbstachtung ihm bei seinem Kotau vor Bundestrainer Joachim Löw, irgendwie, abhanden gekommen sein dürfte.

Ein rustikal getretener Ball - arme Landwirte

Nein, wir wollen jetzt nicht die WM nachkarten, nur schnell zwei Wörter abarbeiten, die mir bei den Fernseh-Übertragungen aufgefallen sind. Das eine heißt rustikal. Einige unserer Kommentatoren verwendeten es häufig, es sollte wohl ausdrücken, dass sich der eine oder andere (meistens der andere) entweder ziemlich grob oder ziemlich schlicht verhielt.

Rusticus arat, der Bauer pflügt, war in meinem Lateinunterricht einer der ersten kompletten Sätze, und das ist 53 Jahre her. Rusticus heißt der Bauer, rus das Feld oder das Land, und das deutsche Fremdwort rustikal hieß für mich bisher soviel wie bäuerlich, ländlich. Jetzt, nach der WM, weiß ich, dass rustikal, irgendwie, auch grobschlächtig oder primitiv oder schlicht oder gar unfair heißen kann, unsere Kommentatoren wissen sich eben auszudrücken. Übrigens  kriegen die Landwirte immer was ab, sogar das schöne Wort Bauer wird gelegentlich abwertend verwendet, und das Wort Tölpel soll gleichbedeutend mit Dörfler sein. Der aktuelle Herkunftsduden hält sich da aber, anders als die Vorgänger-Ausgabe, politisch korrekt  bedeckt.

Mal den Kopf hängen lassen

Das zweite Wort, das, für eine Veranstaltung, die auf Spielplätzen und nicht auf Friedhöfen stattfand, recht oft verwendet wurde, lautete Trauer. Die deutschen Spieler, mein Idol Bastian Schweinsteiger hat es mir bestätigt, empfanden Trauer, weil sie nicht ins Finale kamen und auf Platz drei landeten.  Das Wort Trauer haben, in diesem Zusammenhang,  auch Berichterstatter in Presse, Funk und Fernsehen verschwenderisch verwendet, ich musste mich, irgendwie, dran gewöhnen.

Nach einer verpatzten Meisterschaft verspürt man vielleicht  Ärger, im schlimmsten Fall Kummer, natürlich Enttäuschung oder, um die in meinen Ohren hässliche Abkürzung zu benutzen, Frust. Aber Trauer? Trauer meinte ich bisher nur zu empfinden, wenn mir ein lieber, ein wertvoller, ein geachteter Mensch verloren ging. Trauer nach einem verlorenen Spiel? Spiel!

Ich suchte, nach dem Trauer-Geplärre zur WM, Argumentationshilfe bei den Sprachgelehrten und fand mich so gut wie widerlegt. Das Verb trauern bedeutet, etymologisch gesehen, nicht viel mehr als den Kopf hängen lassen - was unsere Nationalspieler, nach ihrem ziemlich nationalen Gekicke im Halbfinale, ja mal machen durften. Steinschweiger, mein Idol, hat somit, anders als bei seinen rustikalen Bemerkungen über die argentinische Nation und deren Fußballer, wenigstens ein wenig Recht, allerdings nur, was das Verb betrifft, aus dem sich erst ziemlich spät das Substantiv Trauer bildete – und dessen Bedeutung engte sich ziemlich schnell auf die Trauer um Verstorbene ein.

Willkommen in Franfurt, ihr Stoffel

Damit sollten wir unsere wunderbaren Spieler jetzt endlich in Ruhe lassen und zu dem oben notierten, eigentlichen Thema dieses Traktats kommen: Willkommen beim Wortwechsel. Bei diesem Stichwort müssen wir Fans uns jetzt allerdings noch rasch darüber beschweren, dass uns unsere Kicker düpiert haben, als wir sie auf dem Frankfurter Flughafen willkommen heißen wollten und sie sich durch die Hintertür verdrückten. In Dingen der Lebensart können die Jungs wohl noch etwas zulegen, vielleicht auch der schöne Jogi.

Warum heißt willkommen eigentlich willkommen?, fragte mich neulich eine Wortwechsel-Leserin. Hätte sie mir eine Mail geschickt, hätte die Antwort natürlich gleich gelehrt gewirkt, denn ich hätte vorher nachgesehen. Da sie mich aber Aug in Aug ins Verhör nahm, musste ich auf der Stelle klugsch…  wätzen. Ich wich aufs Englische aus und sagte in etwa: Bei welcome siehst du, wo’s herkommt. Das englische Adverb well, in Zusammensetzungen  wie welcome und welfare und Welti (haha) um ein L erleichtert, bedeutet soviel wie gut oder wohl: Welcome bedeutet demnach nichts anders als „Gut gekommen“, will sagen: Gut, dass du gekommen bist  – und bei willkommen verhält sich das genau so. Nebenbei, die Italiener mit ihrem benvenuto und die Franzosen mit ihrem bienvenue machen‘s ähnlich, die Chinesen ein bisschen anders,  sie sagen huanying ­ - jubelnd entgegengehen.  Reicht das?

Der Kommentar der Leserin, in diesem Fall Hörerin, geriet zu einem langgezogenen „Na ja..“  Was könnte einen stärker ermutigen als eine so windelweiche Interjektion. Also, jetzt mal sorgfältig nachschlagen, damit alles Hand und Fuß kriegt.  Nehmen wir an, will in willkommen hängt mit der Wortsippe von wollen zusammen, dann kommen wir fürs erste weiter weg vom bequemen well und erinnern en passant daran, dass wollen unter den Verben zur Klasse der Präteritopräsentia zählt (Weltiswortwechsel vom 21. 2. 2010), was in diesem Zusammenhang keine tragende Rolle spielt. Aber mal anklicken schadet ja nicht.

Wollen, wohl, Wohl, Wille, willig, auch die Wollust (oder schreiben unsere orthographischen Kardinalstaatsräte das jetzt mit drei L?) dazu noch wählen und Wahl - all diese Wörter haben, wenn wir den Indogermanisten vertrauen, den gemeinsamen Urahn uel-,  auch das lateinische velle (wollen) gehört zur alten Verwandtschaft. Und jetzt, liebe Leserin, wird alles ganz einfach. Wohl bedeutet eigentlich: so, wie man’s will, nach Wunsch, und das ist dann auch gut.

Aber warum, wirft meine Leserin jetzt ein, heißt es dann willkommen und nicht wohlkommen? Naja, sage ich, schon um ihr den matten Applaus heimzuzahlen. Najaaaa, das althochdeutsche willichomo, das soviel hieß wie „nach Willen (also gern gesehener) Gekommener“, wurde allmählich formelhaft gebraucht  –  und Sprachformeln, wie viele Sitten und Gebräuche, halten sich lange, oft länger als nötig. Jedoch, im Fall von willkommen kann man wohl  blendend damit leben.


 


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Mein fremder Freund: Ob der Islam zu Deutschland gehört, steht dahin. Sicher jedoch ist, dass jeder von uns einen Menschen kennt und mag, der einer fremden Kultur entstammt. Anlass genug, ihn in einer kleinen Portraitfolge aus dem ominösen Migrationshintergrund treten zu lassen, eh ihn Sarrazin abschafft. Ein ähnliches Ziel haben sich die Fotografen Wim Woeber und Ralph Wentz vorgenommen, der Porträts aus der Kölner Keupstraße wir im Rahmen unserer Serie zeigen.


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