Heute: Zwei harmlose Buchstaben...

...die es in sich haben

Von Alfred Welti

Liebe Leser, heute bin ich mal wieder richtig zu. So zu, dass Sie zu Recht mutmaßen dürfen: Der zue Welti bringt‘s wieder mal zu nichts. Da macht es auch gar keinen Sinn, ihn zu Disziplin zu ermahnen. Er hat sich, wieder mal, zu viel vorgenommen.

Stimmt schon. Wer sich über das unschuldig daherkommende Wörtchen zu Gedanken macht, wird leicht ein bisschen kirre, denn es hat, so klein es ist, so viele Aufgaben, dass man leicht den Überblick verliert, zumal, wenn man die zahllosen Zusammensetzungen mit zu unter einen Hut zu bringen versucht. Es kann Ihnen also, wie mir, passieren, dass Sie unvermittelt eine heftige Abneigung gegen das Wort zu entwickeln, aber selbst der heftigste Schwur, das Wort künftig zu meiden, führt zu nichts, wir können einfach (von wegen einfach!) nicht darauf verzichten.

Da ich aber, wie gesagt, zu bin, versuche ich erst gar nicht, Herkunft und Gebrauch dieser verflixten Silbe systematisch zu ergründen. Erst einmal gebe ich preis, warum ich überhaupt darauf gekommen bin, mir über zu Gedanken zu machen. Das war, als mir eine psychologisch versierte Kollegin sagte, das Wort zuhören sei – im Bezug auf Gespräche zwischen Psychologen und ihren Klienten – nicht gut, weil zu so etwas wie verschlossen bedeute, und verschlossen dürfe man bei solchen Gesprächen nicht sein. Nicht zu, sondern offen müsse man sein.

Hast schon Recht, sagte ich, aber zu bedeutet mehr als verschlossen, glaub mir. Welches Verb verwendest du denn anstelle von zuhören? Anhören, war die Antwort. Ich stimmte zu, um Streit zu vermeiden, und nahm mir vor, das Wort etymologisch abzuklopfen ­– ein Vorhaben, das zu meiner, hoffentlich temporären,  Zu-Phobie führte.  Zur Zeit hält die Phobie noch an, und deshalb mache ich diesen Beitrag auch rasch zu, eine Bemerkung, die der psychologisch versierten Kollegin Recht zu geben scheint, aber eben nur scheint.

Wir weichen, um zum schnellen Schluss zu kommen, aufs Englische aus, und finden dort, ohne teutonische Lautverschiebung, das vertraute Wörtchen too. Es bedeutet, wie alle wissen, auch und trägt dazu bei, die Bedeutungsfülle von zu zu erklären. Zu ist etwas Additives: Ich komme zu dir. Ich stelle das Buch zu den anderen. Wir gehören zusammen. Wenn wir eine Tür zumachen, dann kommen Türblatt und Türstock zusammen. Wenn wir zu viel essen, führt das zur Zunahme. Wir schauen zu, wir hören zu, das meint, wir gesellen uns dazu, wenn’s was zu sehen oder zu hören gibt. Zu, liebe psychologisch zu und zu versierte Kollegin, falls Sie mir noch zuhören, hat ursprünglich wenig mit Verschließen zu tun und viel mit Vereinigung, Zusammenbringen. 

Jetzt auch noch zu erklären, warum der Infinitiv im Englischen ohne to überhaupt nicht auskommt und im Deutschen oft nicht ohne zu, warum zuviel "mehr zum Vielen", also ein Übermaß, bedeutet, ist mir einfach zu viel. Ich bin, wie anfangs beklagt, einfach zu. Bis heute ist zu kein rechtes Eigenschaftswort geworden. Der doofe Welti – das kann man sagen und schreiben, zu Recht. Der zue Welti, das hört sich bis auf Weiteres falsch an.

 


 


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