Ich hör' gleich auf, mein Engel

Aber erst erzähle ich was über Metaphern

Von Alfred Welti

Wir machen mal, obwohl es regnet und windig ist, das Fenster für eine Weile auf und geben gleich zu Beginn zu, dass wir, bautechnisch gesehen, ganz schön aufgeschmissen wären, wenn uns die Römer nicht auf die Sprünge geholfen hätten. Sehen wir mal von der Wand ab, die wir Germanen aus Zweigen gewunden und ein bisschen mit Lehm verschmiert haben ­- die Latein sprechenden Imperialisten haben unseren Wortschatz ordentlich bereichert mit Wörtern wie Straße,  Mauer,  Kalk, Mörtel, Ziegel, Keller, Kammer, Pforte oder Pfeiler, die inzwischen alle hübsch deutsch klingen.

Und eben auch Fenster, das im Lateinischen fenestra heißt und von den Römern aus weiß der Himmel welcher Sprache entnommen wurde, die Etymologen tippen aufs Etruskische.  Fenster für die Öffnung, durch die wir Luft und Licht ins Haus kommen lassen, hat sich in vielen germanischen Sprachen durchgesetzt,  althochdeutsch hieß es fenstar, altenglisch fenester, und neuenglisch heißt es window.

Na, könnten wir spotten, die Angeln, Sachsen und Jüten, als sie erst einmal auf der Insel Fuß gefasst hatten, konnten sich in ihren Kleinkönigtümern ja alles leisten und auf dem von den römischen Besatzern hinterlassenen Wort so lange herumkauen, bis es ihre barbarischen Münder wie porridge verklebte: Aus fenestra wurde window.

Falsch, falsch, völlig falsch. Die Angelsachsen, unter denen sich reichlich Abkömmlinge nordeuropäischer Abenteurer -  grob gesprochen: Wikinger - tummelten, ließen denRömer-Begriff fenester auf ihre angeboren konservative Art einfach liegen und hielten sich an das eingeschleppte Wort vindauga, das wir auf Anhieb aus dem Altisländischen übersetzen können: Windauge. Auch die Dänen widersetzten sich dem römischen Diktat und blieben beim Windauge, das bei ihnen heute  als  vindue ins Freie blickt.

Wir Deutschen dagegen ließen unser althochdeutsches augatora (Öffnung in Form eines Auges) willfährig fahren und beugten uns der Terminologie der Eroberer und ihrer bewundernswerten bautechnischen Überlegenheit (man sehe sich nur die Porta Nigra in Augusta Treverorum an, dem heutigen Trier, ein Prestigebau, der nie so recht gebraucht und auch nicht ganz gebrauchsfertig wurde, aber bis heute Eindruck macht - man denkt unwillkürlich an den Stuttgarter Megabahnhof).

Wir bleiben beim Windauge, das dem Haus ein Gesicht gibt, und wenigstens einer von uns staunt über die Sprachkunst von Leuten, die eigentlich was anderes zu tun hatten, als Metaphern zu erfinden, nämlich säen, ernten, fischen, jagen, Rinder, Pferde, Schafe, Hühner und Tauben züchten und füttern, Häuser winden (und, mit römischem Beistand, sogar mauern), Schiffe und Zimmer zimmern, Nebenbuhler auf Abstand halten, Erben zeugen, England erobern. Denen fiel, bei all der Arbeit, für eine Wandöffnung, durch die Licht  und Luft ins Haus kam, ein so poetisches Wort wie Windauge ein - eine, wie unsere Sprachexperten sagen, tote Metapher. Tot deshalb, weil heute  kein Mensch mehr an den Wind und ans Auge denkt, wenn er window sagt.

Der Begriff Metapher ­, den schon der Denker Aristoteles als rhetorische und poetische Figur hin- und herwendete, wurde uns in der Schule mehr oder weniger nahe gebracht, als es um Gedichte ging. Und es stimmt schon, die Dichter sind große Metaphernkonsumenten und –produzenten. Aber wir selber, als Lohn-, Geschäfts- und Liebesbriefschreiber, als Mailversender, somit Alltags- und Umgangssprachler, verwenden fast genau so viele Metaphern (Übertragungen) wie die Poeten und ­– siehe Windauge – fast so gute.

Ein kluger Mann hat gesagt, unsere Sprachen seien Friedhöfe  toter Metaphern, womit er erstens selbst eine Metapher verwendet und zweitens Recht hat. Sagen wir Tischbein, denken wir so gut wie nie daran, dass Bein zuallererst Knochen bedeutete, und zwar Knochen aller Art, zum Beispiel das Nasenbein, und erst später auf unsere unteren Extremitäten angewandt wurde. So haben wir es beim Tischbein mit einer Zweifachmetapher zu tun, denn Ober- plus Unterschenkel (plus oder minus Fuß) als Bein zu bezeichnen, war ja auch schon eine (pars-pro-toto-)Metapher.

Sagen wir: mein Herz, kann das mindestens dreierlei bedeuten: unsere Blutpumpe oder unser, sagen wir der Einfachheit halber: Gemüt. Oder die- oder derjenige, an der oder an dem unser Herz hängt, und sei es ein Mops. Auch der Mops wird gerne metaphorisch Gassi geführt, wobei das tertium comparationis, das Vergleichselement,  das Runde ist.

Das Runde – ich verspreche, demnächst wieder mal einen Wortwechsel komplett ohne Fußball zul liefern ­– muss ins Eckige: zwei Metaphern.  Sagt der Sportreporter: das Leder, verwendet er eine Metapher, ob’s uns gefällt oder nicht. Weicht er auf Kugel aus, weil er schon so oft Ball gesagt hat, dann verwendet er eine M…

Schon gut, mein Engel, ich höre jetzt gleich auf. Nebenbei bemerkt, ist Engel auch eine Metapher (eine doppelte sogar, wenn man bedenkt, dass das schöne Wort früher einfach mal Bote bedeutete). Nimmt man’s genau, und damit höre ich jetzt wirklich auf, ist aufhören auch eine (mausetote) Metapher. Mit hören hatte es mal was zu tun, etwa dies: Ich höre dein Gebot und gebe hiermit (folgsam) auf.


 


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Mein fremder Freund: Ob der Islam zu Deutschland gehört, steht dahin. Sicher jedoch ist, dass jeder von uns einen Menschen kennt und mag, der einer fremden Kultur entstammt. Anlass genug, ihn in einer kleinen Portraitfolge aus dem ominösen Migrationshintergrund treten zu lassen, eh ihn Sarrazin abschafft. Ein ähnliches Ziel haben sich die Fotografen Wim Woeber und Ralph Wentz vorgenommen, der Porträts aus der Kölner Keupstraße wir im Rahmen unserer Serie zeigen.


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