Heute: Die Sportschau

Mit herzlichem Dank an die englischen Kicker-Pioniere

Wer hat’s erfunden? Intonieren wir die Frage mit südalemannischem, also schweizerischem Timbre, kommen wir als erprobte Werbefernseher sofort auf Ricola, das angeblich köstliche Kräuterbonbon aus eidgenössischer Produktion. In WM-Zeiten fragen wir natürlich lieber, wer den Fußball erfunden hat, und da kommt die Schweiz nicht ganz so gut, aber auch nicht richtig schlecht weg, wie wir, noch in der ersten Hälfte dieser Partie, erleben werden.

Erfunden wurde das Fußballspielen natürlich in dem Land, wo auch das Schießpulver, das Porzellan und, vom Kaugummi abgesehen, so ziemlich alle Errungenschaften der zivilisierten Welt erfunden und die schönsten Pfingstrosen der Welt gezüchtet wurden, in Zhongguo, dem Reich der Mitte. Wikipedia belehrt uns: „Im zweiten Jahrtausend v. Chr. wurde in China ein fußballähnliches Spiel ... ausgetragen. Über die damaligen Regeln des Spiels ist nichts bekannt. Jedoch gilt als sicher, dass es als militärisches Ausbildungsprogramm zum Training der Soldaten durchgeführt wurde. Im Laufe der Zhou-Dynastie breitete sich das Sportspiel auch im Volk aus, und man versuchte durch Regeln, Gewalt und Rauigkeit einzugrenzen. Der Ball war aus Lederstücken zusammengenäht und mit Federn und Tierhaaren ausgestopft. In der Qin- bis zur Sui-Dynastie wurde das Fußballspiel immer beliebter. Zwischen den Jahren 220 und 680 wurden der luftgefüllte Ball erfunden und erstmals Fußballregeln (Tore, Torhüter und Spielführer) festgehalten. Etwa 100 Jahre später geriet das Spiel jedoch wieder völlig in Vergessenheit."

Ein Fläschchen Schlappner-Bier

Sehr sehr schade, aber ungefähr 1300 Jahre später, nämlich Anfang der Neunziger des 20. Jahrhunderts, brach ein Mann mit Pepita-Hut und NPD-Beziehungen auf, um den Schaden, teilweise, zu beheben. Klaus Schlappner aus dem pfälzischen Lampertheim landete in China, wurde Nationaltrainer und im Lande so populär, dass eine nach ihm benannte Biersorte eine Zeitlang in die Kehlen chinesischer Fußballfans rann. Aus solchen Kehlen kam sein Name 劳斯·施拉普 (Kelaosi Shilapuna) dann mitunter etwas glucksend, aber höchst anerkennend. Seither geht es mit Chinas Fußball kontinuierlich aufwärts, auch mit den Wetten, dem eigentlichen Nationalsport der Chinesen.

Wir widmen uns, nach diesem Weitschuss in den fernen Osten, wieder der Frage, wer’s erfunden hat, und konstatieren so gut wie unwidersprochen, dass es die Engländer waren, deren Torhüter jetzt beim WM-Spiel gegen die USA so denkwürdig schusselig war, dass einem nicht nur der Goalkeeper und das Team, sondern ganz England Leid tat – wir konstatieren, dass es die Engländer waren, die den Fußball, so, wie wir ihn spielen und bewundern, erfunden haben. 1863 wurde in London die Football Association gegründet, die das Regelwerk der Kicker anlegte, 1866 die Abseitsregel einführte und 1871 allen Feldspielern das Handspiel verbot. Hinfort durfte nur noch der Torwart mit den Händen hinlangen. Am 13. Juni, im Match gegen die schön spielenden Socceroos aus Australien, hätte Manuel Neuer allerdings wahrscheinlich die Hände kaum gebraucht. Die Schwälbchen aus Deutschland kassierten eine gelbe Karte wegen einer Schwalbe und brachten vier hits ins gegnerische goal, ein guter score.

Ein Engländer, zehn Schweizer

Wo bleiben nun die Ricola-Erfinder? Die Schweiz war, auf dem europäischen Kontinent, das erste Land, in dem sich der Fußball nach britischer Art durchsetzte. Betuchte junge Engländer, die rund um den Genfer See an Privatschulen studierten, brachten dort um 1860 die Sportart in Mode. Von Lausanne aus verbreitete sie sich in der Schweiz, dann nach Frankreich. Stade Helvétique Marseille wurde 1909 französischer Meister, im Team standen ein Engländer und 10 Schweizer.

Bei so viel britischem Einfluss müssen wir uns nicht zu wundern, dass renommierte eidgenössische Vereine englische Namen wie Grasshoppers Zürich oder Young Boys Bern im Schild führen, und auch nicht, dass goal, wörtlich Ziel, bei Deutsch sprechenden Nachbarn wie den Österreichern (die zum Eckstoß gerne corner sagen) immer noch das treffende Wort für einen geglückten Torschuss ist. Die Spanier sagen golear fürs Toreschießen.

Lieber Herr Netzer, nach soviel Fußball-Historie sind wir des Redens über Fußball beinahe ebenso überdrüssig wie Sie und kommen im Wesentlichen nur noch auf einen Punkt zu sprechen, nämlich auf den bemerkenswerten Werdegang des Wortes Sport.  Schmallippig wie Sie, artikulieren wir nahezu unhörbar ein lateinisches Wort, nämlich deportare, und bringen unser Staunen mit einem kaum wahrnehmbaren Zucken des Sakkos zum Ausdruck.

Deportare heißt wegbringen. Als sich das Lateinische in Europa verbreitete (die böse Vokabel lautet: vulgarisierte), bekam deportare die Nebenbedeutung „sich zerstreuen, vergnügen“ ‑ halt das, was einen von Müh und Arbeit und Zuhause wegbringt, also Jux und Tollerei. Im Französischen blieb deportare hängen als se desporter, und aus dem Französischen haben es die Engländer als disport übernommen, immer noch in der Bedeutung von Zerstreuung und Spaß.

Hey diddle diddle,/ the cat and the fiddle,/ the cow jumped over the moon./ The little dog laughed to see such sport,/ and the dish ran away with the spoon.

Dieser wunderbar absurde englische Kinderreim, an die vierhundert Jahre alt, weist uns aufs Netteste darauf hin, dass sport auch im Englischen einst Klamauk oder Zeitvertreib bedeutete. Dass Engländer, Weltmeister in der Disziplin der Wortverkleinerung, dann per Kurzpass die Buchstaben d und i weggekickt haben, sehen wir ihnen gerne nach, ja, wir danken ihnen aufrichtig, dass sie aus dem Jux eine ernste Angelegenheit gemacht haben. Wir danken ihnen für den s-port, den wir zum Schport, ja zum Spocht werden ließen. Geradezu gierig haben wir Dutzende von Wörtern, die damit zusammenhängen, gleich mit importiert, zum Beispiel fair, foul, stoppen und training.

So mancher deutsche Turnverein (TV) mutierte in Kaisers Zeiten zum Turn- und Sportverein (TSV, TuS), woraus wir nebenher lernen, dass in den Köpfen der Deutschen Turnen und Sport nicht exakt dieselbe Sache waren. Turnen war was Hehres, Nationales, Sport eine, naja, eher ausgelassene Variante der Leibesübung (an die noch so mancher VfL erinnert).

Das Verb turnen, nach Überzeugung unseres Turnvaters Friedrich Ludwig Jahn (dem bis heute ein Fußballverein im schönen Regensburg namentlich, aber leider nur leidlich Ehre erweist) eine urdeutsche Vokabel, kommt, wir ahnen Schlimmes, natürlich auch aus welschen Landen. Der Urahn des Wortes ist lateinisch und lautet tornare.


 


Mit ... teilen: 



Artikel empfehlen
Mein fremder Freund: Ob der Islam zu Deutschland gehört, steht dahin. Sicher jedoch ist, dass jeder von uns einen Menschen kennt und mag, der einer fremden Kultur entstammt. Anlass genug, ihn in einer kleinen Portraitfolge aus dem ominösen Migrationshintergrund treten zu lassen, eh ihn Sarrazin abschafft. Ein ähnliches Ziel haben sich die Fotografen Wim Woeber und Ralph Wentz vorgenommen, der Porträts aus der Kölner Keupstraße wir im Rahmen unserer Serie zeigen.


NEU

Streit
18.04.2012

Leidenschaften
17.06.2012

Abwesenheitsnotiz
18.11.2011

Kopkas Tagebuch
19.12.2011

Wiese und Weltall
17.12.2012

Bel Etage
11.06.2012

KrossMedia
12.03.2012