Heute: Schmuck und Zier

Mit Grüßen an zwei großartige Frauen namens Ava

Wer ist Ava? Wenn uns zu dem seltenen weiblichen Vornamen überhaupt etwas einfällt, ist es Ava Lavinia Gardner, die vor 20 Jahren starb. Sie war ein paar Jahre lang mit Frank Sinatra verheiratet. Die Gardner, ein Glamour-Star, dessen Schönheit in Filmen und auf unzähligen Fotografien erhalten bleibt. Sie wurde 67 Jahre alt.

Die erste bekannte Dichterin deutscher Sprache nannte sich Ava. Sie war mit einem Mann verheiratet, von dem wir nichts wissen, hatte zwei Söhne, von denen wir fast nichts wissen, und starb im Jahr 1127. Sie wurde, wenn die Gelehrten richtig vermuten, 67 Jahre alt.

In der Literaturgeschichte wird sie für gewöhnlich als Frau Ava geführt, es gibt einen nach ihr benannten Preis und vier Werke, die in Handschriften überliefert sind, darunter ein Schrecken einflößendes, 405 Zeilen langes Gedicht über das Jüngste Gericht. Jede Zeile enthält ein Reimpaar, wobei Frau Ava sich nicht selten auch mit unreinen Reimen oder schlichten Ähnlichklängen zufrieden gab. Der Endreim war vor knapp 800 Jahren noch etwas ziemlich Neues, und ob da  nach der letzten betonten Silbe eines Wortes alles gleich lauten sollte, damit man von Reim sprechen konnte, das war noch von keinem Vorbild, geschweige denn von einem Kritiker, entschieden worden.

Am elften Tag wird Gold zu Asche

Als Ava, gestützt auf schwer zugänglichen Lesestoff, denn damals war ja jeder Lesestoff, weil nur in Handschriften verbreitet, schwer zugänglich, als sie damals ihr Jüngstes Gericht schrieb, war sie eine verwitwete, gebildete Frau, die sich an ihrem Lebensabend – wenn die Vermutungen der Altgermanisten stimmen – als Klausnerin in den Bereich des niederösterreichischen Klosters Melk zurückgezogen hatte, um sich auf ein gottgefälliges Ende vorzubereiten, betend und schreibend. Die Schrecken des Jüngsten Gerichts schildert sie, auf ältere Vorbilder zurückgreifend, als eine Abfolge von 15 Tagen mit immer schrecklicher werdenden Heimsuchungen und, schließlich, der Erlösung all jener, die Gottes Geboten gefolgt sind, den Nächsten und den Feind geachtet, Gerechtigkeit geübt, den Armen Almosen gegeben und ein Leben in Liebe gelebt haben.

Lesen wir, was sie zum einleften, zum elften Tag aufgeschrieben hat:

An dem einleften tage,  des sul wir unsich wol gehaben,
sô zergêt vil sciere,  da diu werlt mit ist gezieret:
golt unde silber  unde ander manech wunder,
nusken unde bouge,  daz gesmîde der frouwen,
goltvaz unde silbervaz,  chelche unde chirchscaz.

sô muoz daz allez zergân,  daz von listen ist getân.
nu wizet, daz iz wâr ist,  iz zergêt unde wirt ein valewisk.

Aus dem Mittelhochdeutschen bairisch-österreichischer Prägung in unbeholfenes Neuhochdeutsch übersetzt, heißt das: Am elften Tag, darauf können wir uns gefasst machen, geht zugrunde, womit die Welt sich ziert, Gold und Silber und andere schöne Sachen, Spangen und Armringe, das Geschmeide der Frauen, Gold- und Silbergefäße, Kelche, Kirchenschätze. Alles, was mit Kunst gefertigt wurde, muss vergehen, ja, das alles wird zu Staub und Asche.

Frauenzimmerlich - na und?

Wilhelm Scherer, ein verdienter Pionier der Germanistik im 19. Jahrhundert, würdigte Frau Ava in einem schnoddrigen Siebenzeiler, dessen Kernsatz lautet, sie habe „in frauenzimmerlichem Stil (die Sätze meist durch sô angereiht), mit frauenzimmerlicher Gesinnung“ geschrieben. Denn „unter dem Vorzeichen des jüngsten Tages unterlässt sie nicht zu erwähnen, dass auch Spangen und Armreife, das Geschmeide der Frauen zu Grunde gehen“.

Das ist Scherers ganze Kritik am Werk einer Frau, der wir ein rares Sprachdenkmal danken, einer Dichterin, die biblische (menschliche) Geschichte und Wahrsage ins Idiom des Volkes zu bringen versuchte. Was ist frauenzimmerlich daran, dass viele ihrer Sätze mit sô beginnen? Sô bedeutete damals soviel wie „und dann“ oder „daraufhin“. Und ist es nicht großartig, wenn eine schreibende Person, egal ob Mann oder Frau, den Hinweis gibt, dass bei einer Katastrophe wie dem Jüngsten Gericht auch Schmuck kaputt geht, an dem unser Herz hängt?

Wir könnten jetzt, mit Hinweis auf viele kraftvolle Stellen in Frau Avas Versen, noch so manchen Absatz lang mit Wilhelm Scherer, dem hochgemuten Philologen und Träger rotgoldener Uhrketten, ins Gericht (wenn auch nicht ins Jüngste) gehen, widmen uns im Folgenden aber einem schlichteren Thema, zu dem soeben das Stichwort fiel. Schmuck, ein Begriff, dessen Laufbahn durch die Jahrhunderte es verdient, unter dem Blickwinkel des Wortwechsels betrachtet zu werden.

Schmatz auf Schmatz, Schmuck auf Schmuck

Schmuck, als Gegenstand und als Eigenschaft, gäbe es nicht ohne das Verb schmiegen. Es ist, wie uns das Grimmsche Wörterbuch belehrt, als Verbalsubstantiv daraus hervorgegangen. Mittelhochdeutsch smiegen bedeutete: in etwas eng Umschließendes drücken, sich zusammenbiegen, ducken. Smücken oder smucken intensivierte den Vorgang und meinte: sich in etwas hineindrücken. Es bedeutete auch: etwas oder, noch schöner, jemanden an sich drücken. Das verstand man auch im Neuhochdeutschen noch eine Zeitlang so. Hier ist der gute Rat, den Georg Rudolf Weckherlin (1584 bis 1653) einem Bräutigam gibt:

„wan du nu so nah bey dem platz,                                                                     solt du küsz auf küsz, schmatz auf schmatz,                                               schmuck auf schmuck, lieb auf lieb losz schieszen.

Schmuck hieß, in diesem süßen Zusammenhang, enge Umarmung und Liebkosung, aber da hatte das Wort schon einen weiten Weg hinter sich. „Sich in ein kleit smücken“ hieß zunächst einfach sich anziehen, sich reinzwängen, dann: sich (weil eng und passend) schön anziehen, also: sich mit sexy Fummeln herausputzen. Später verallgemeinerte sich die Anwendung und bedeutete alles, was den Menschen ziert, zum Beispiel auch Halsketten, Gemmen, Haarspangen, Armreife, Ringe.

Zu Frau Avas Zeiten gab es natürlich Schmuck, geschmückt haben sich die Menschen, seit es sie gibt, aber Schmuck hieß nicht Schmuck. Wie wir oben lesen konnten, sagt die erste bekannte Dichterin deutscher Sprache nicht „gesmiget“, sondern „gezieret“.

Althochdeutsch „ziari“ heißt Schönheit, Pracht, Schmuck (im heutigen Sinn). Das Wort hat eine erlauchte gemeinsame indogermanische Ahnentafel mit vielem, was hell ist, was scheint, glänzt, prunkt, leuchtet  - und herrscht. Verwandt sind zum Beispiel griechisch Zeus, das lateinische dies für Tag und deus für Gott.

Die Dichterin stellt sich vor

Geben wir, weil eben von Gott die Rede ist, der frommen Dichterin Gelegenheit, sich selbst vorzustellen. Sie tut dies ergreifend in den letzten Versen ihres Jüngsten Gerichts, einer Art Nachwort.

Dizze buoch dihtôte  zweier chinde muoter.

diu sageten ir disen sin.  michel mandunge was under in.
der muoter wâren diu chint liep,  der eine von der werlt sciet.
nu bitte ich iuch gemeine,  michel unde chleine,
swer dize buoch lese,  daz er sîner sêle gnâden wunskende wese.
unde dem einen, der noch lebet  unde der in den arbeiten strebet,

dem wunsket gnâden  und der muoter, daz ist AVA.

 

Dieses Buch hat die Mutter zweier Kinder gedichtet, die ihr dies gedeutet und guten Rat gegeben haben. Die Mutter hatte die Kinder lieb. Eines von ihnen schied aus der Welt, und so bitte ich euch alle, die ihr dies lest, groß und klein, dass ihr für seine Seele Gnade erbittet. Und dem Sohn, der noch in des Lebens Mühsal kämpft, wünscht ihm Segen - auch seiner Mutter, die Ava heißt.

Liebe Frau Ava, wir machen das, so gut wir können, und dass wir Sie, in dankbarem Gedenken, dabei mit den Zügen von Ava Lavinia Gardner schmücken, das möchten Sie uns, selig, wie Sie sicher sind, nicht übel nehmen. 


 


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Mein fremder Freund: Ob der Islam zu Deutschland gehört, steht dahin. Sicher jedoch ist, dass jeder von uns einen Menschen kennt und mag, der einer fremden Kultur entstammt. Anlass genug, ihn in einer kleinen Portraitfolge aus dem ominösen Migrationshintergrund treten zu lassen, eh ihn Sarrazin abschafft. Ein ähnliches Ziel haben sich die Fotografen Wim Woeber und Ralph Wentz vorgenommen, der Porträts aus der Kölner Keupstraße wir im Rahmen unserer Serie zeigen.


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