Heute: Tshabalala

Ein Lob, eine Lüge und ein Platzverweis

54. Minute im ersten Spiel der WM, Soccer City, Johannesburg. Was für ein Schuss, dieser erste Treffer des Turniers. Aus vielleicht zwölf Metern herrlich ins rechte obere Eck des mexikanischen Tors getreten. Tshabalala heißt der Torschütze mit seinem bildschönen Kraushaar-Pferdeschwanz. Tshabalala!!! Wenn das kein Goalgetter-Name ist! Geballert wie Tshabalala...

Sehr geehrter Herr Tshabalala, was immer Ihr Name bedeutet (vielleicht kann mir ein kundiger Wortwechsel-Leser ja erklären, was Tshabalala heißt), ich präge hiermit für Tore dieses Kalibers den Begriff Tshabalala-Treffer.

Tshabalala!

Für jenes Spiel von 90 Minuten, das nach den Regeln der FIFA ausgetragen wird,  gibt es drei gängige Bezeichnungen. Die eine heißt football und ging als ordentliche Lehnübersetzung ins Deutsche, als Fremdwort football mit identischer Orthographie ins Französische ein, in phonetischer Schreibweise, fútbol, in andere romanische Sprachen, etwa ins Spanische, wo dann auch so schöne Adjektive wie futbolistico entstehen durften.

Die andere lautet calcio, was wörtlich soviel wie Fußtritt heißt. Sie ist in Italien zuhause, wo (vor allem in Florenz) schon im 16. Jahrhundert ein Fußball gespielt wurde, der allerdings mehr dem Rugby als jener Sportart ähnelte, die – Bezeichnung Nummer drei – gerne auch soccer genannt wird. In den USA ist football Rugby auf Yankee-Art, soccer dagegen der FIFA-Fußball. Für die australischen Fußballer las ich neulich den lustigen Spitznamen socceroos. Am Sonntag spielen die deutschen Schwälbchen gegen die socceroos, und dann soll dieser Kolumnenstummel um ein paar andere seltsame Wörter aus der Welt der Leibesübungen ergänzt werden.

Hier, zu Ehren von Tshabalala sowie sechs schreibenden Kollegen (allesamt sportlich und sprachlich voll durchtrainiert), denen ich jüngst ohne Erfolg die Soccer-Frage gestellt habe, erzähle ich nur noch die seltsame kleine Geschichte, wie es zu dem Wort soccer kam. Die britischen Studenten, die dem ursprünglich sehr sehr wilden Ballspiel im 19. Jahrhundert jene Regeln gaben, die für FIFA-Fußball im Großen und Ganzen bis heute gelten, beschlossen nämlich, ihren Sport nicht mehr mit grob genagelten Schuhen, sondern nur noch mit Socken an den Füßen zu treiben, um einander nicht mehr so häufig hospitalreif zu  treten. Das neu definierte Spiel, auf Rasen statt auf steinigen Straßen, nannten sie dann socks ball, ein Wort, das sich zu soccer abschliff…

Gelogen?

Stimmt!

Es stimmt, dass es gelogen ist. Welti fliegt vom Platz, aber nicht ehe er sich bei den WWW-Referees und den Kollegen entschuldigt hat und mit der Wahrheit herausrückt:

Rugby football, an der Eliteschule von Rugby entwickelt, wurde kurz rugger genannt. Als sprachliche Parallele dazu entstand soccer, und das kommt vom dritten, vierten und fünften Buchstaben des Wortpaares Association Football, wobei die Association jener Verband war, der sich auf die bis heute (im Großen und Ganzen) geltenden Regeln verständigte. Nach diesen Regeln hat der fabelhafte südafrikanische Kicker Tshabalala (Betonung auf der letzten Silbe) seinen Tshabalala-Treffer erzielt.


 


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Mein fremder Freund: Ob der Islam zu Deutschland gehört, steht dahin. Sicher jedoch ist, dass jeder von uns einen Menschen kennt und mag, der einer fremden Kultur entstammt. Anlass genug, ihn in einer kleinen Portraitfolge aus dem ominösen Migrationshintergrund treten zu lassen, eh ihn Sarrazin abschafft. Ein ähnliches Ziel haben sich die Fotografen Wim Woeber und Ralph Wentz vorgenommen, der Porträts aus der Kölner Keupstraße wir im Rahmen unserer Serie zeigen.


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