Mein Streit mit Uli Hoeneß

Traum oder Trauma?

Von Wolfgang Michal

Ich hatte den Auftrag bekommen, eine Reportage über den FC Bayern zu schreiben. Karl-Heinz Rummenigge, Uli Hoeneß und ich standen auf dem Rasen der völlig leeren Allianz-Arena. Rummenigge blickte sich um und legte einen vergilbten Zettel auf eine Tischtennisplatte vor uns. Es war ein Scheck aus der DDR. Hoeneß deutete auf den Zettel und sagte: In den schwierigen Anfangsjahren mussten wir uns über die DDR finanzieren, da sehen Sie, wie ehrlich wir sind. Rummenigge verschränkte die Hände vor seinem Schoß als stände er in einer Freistoß-Mauer und nickte. Ehrlicher, sagte ich, wäre es gewesen, wenn Sie den Scheck veröffentlicht hätten, als sie ihn bekommen haben. Da platzte es aus Uli Hoeneß heraus: Wäre, würde, könnte, sollte!! schrie er mit hochrotem Kopf. Das seien haltlose Spekulationen. Was ich überhaupt wolle, ich sei doch in meinem Beruf total fehl am Platz, ich würde hier keine Schnitte mehr kriegen. Niemand würde mehr mit mir reden. Ob das bedeute, dass ich jetzt Stadionverbot hätte, schrie ich zurück, und Hoeneß schrie noch lauter: Das heißt Hausverbot!! Und ich schrie aus Leibeskräften: Das können Sie alles morgen in der Zeitung lesen!!!  

Dabei wälzte ich mich so wild im Bett, dass meine Frau mich wecken musste. Wir rätselten, was der Traum wohl bedeuten könnte und wodurch er veranlasst sei.

Ich hatte am Vorabend den Streit zwischen dem Feuilletonisten Claudius Seidl und dem Reporter Stephan Lebert gelesen. Seidl hatte den Reportern anlässlich der Verleihung der Henri Nannen-Preise „Preisträgerprosa“, also Möchtegern-Literatur vorgeworfen. Und Lebert hatte auf sehr charmante Weise zurückgekeilt, Seidl sei ja bloß neidisch, weil er keine Reporter-Preise gewinne.

Dabei fiel mir ein, dass ich vor einigen Monaten selbst eine heftige Attacke gegen die zeitgenössische Reportage geritten hatte. Der Titel des Textes lautete: „Die Reportage der Unterhaltungsindustrie ist eine deprimierend folgenlose Veranstaltung“. Allerdings hatte ich mich nicht getraut, den Text zu veröffentlichen. Er war zu polemisch. Er war ungerecht gegen all die guten Reporter, die es gibt. In einem Wort: Er war un-reporterisch. Und ganz sicher hätte er mir den Vorwurf eingebracht, nur neidisch zu sein, weil ich keine Reporterpreise gewinne.

Ich finde ja, Seidls böses Wort von der „Preisträgerprosa“ kann man nicht so einfach von der Tischtennisplatte wischen. Meinen Vorwurf der Folgenlosigkeit finde ich allerdings noch viel wichtiger. Beides hat möglicherweise miteinander zu tun. Die Kunstform Reportage hat sich ganz und gar auf die Kunst zurückgezogen. Ihre komplementäre Eigenschaft, die Kampfform, ist verloren gegangen.

Aber im Träume interpretieren war ich schon immer ganz schlecht.


 


Mit ... teilen: 



Artikel empfehlen
Mein fremder Freund: Ob der Islam zu Deutschland gehört, steht dahin. Sicher jedoch ist, dass jeder von uns einen Menschen kennt und mag, der einer fremden Kultur entstammt. Anlass genug, ihn in einer kleinen Portraitfolge aus dem ominösen Migrationshintergrund treten zu lassen, eh ihn Sarrazin abschafft. Ein ähnliches Ziel haben sich die Fotografen Wim Woeber und Ralph Wentz vorgenommen, der Porträts aus der Kölner Keupstraße wir im Rahmen unserer Serie zeigen.


NEU

Streit
18.04.2012

Leidenschaften
17.06.2012

Abwesenheitsnotiz
18.11.2011

Kopkas Tagebuch
19.12.2011

Wiese und Weltall
17.12.2012

Bel Etage
11.06.2012

KrossMedia
12.03.2012