"Die Formen lösen sich auf"

Ein Vortrag von Gabriele Fischer bei der Typographischen Gesellschaft München

(Foto: Stefan Geist)

Gabriele Fischer live (Foto: Stefan Geist)

Der Münchner an sich ist ja pressetechnisch in gewisser Hinsicht ein bisschen unterprivilegiert. Zwar haben wir natürlich die beste Tageszeitung, da macht uns keiner was vor. Aber was Zeitschriften angeht, oh, oh, da tummeln sich in unserer kleinen Stadt  doch überwiegend entweder kleine tapfere  oder aber eher belanglose Magazine.

Hamburg dagegen! Große weite Print-Welt! Richtiger Magazinjournalismus! Innovationen, Indiskretionen, Investigationen! Neidisch schaut der gemeine Münchner gen Norden, und deshalb ist es kein Wunder, dass er in Scharen angelaufen kommt, wenn einer dieser Erleuchteten sich mal in den tiefen Süden begibt. So wie kürzlich Gabriele Fischer bei der Typographischen Gesellschaft München. Klar, für die Typo-Freaks ist brand eins mit seinem minimalistischen Layout immer noch „ich sach ma‘: ‘sowas wie ne Ikone“. Und zweitens hat die tgm einen umtriebigen Vorsitzenden, der zu seinen Vorträgen alles einlädt, was nicht bei drei aufm Baum ist. Und was die brand eins-Gründerin zu sagen hatte, war nicht nur in inhaltlicher Hinsicht aufschlussreich, sondern auch in formaler.

Erkenntnis 1: Das Publikum will echtes Leben. Immer noch unschlagbar. Digitalität hin, Virtualität her: Man will sehen: Gibt’s die wirklich? (Antwort: ja) Sieht die in echt tatsächlich so aus wie auf dem bescheuerten Foto im Editorial? (nein, besser) Wie redet die so? (druckreif und manchmal sehr pointiert) Hat sie was zu sagen? (ja)

Erkenntnis 2: Wenn Du eingeladen wirst, weil Du bekannt bist, will der Veranstalter Dich aus diesem Grund. Das Publikum auch. Als Kreativer bist Du es aber Deinem Ruf schuldig, nicht ständig dieselbe Platte abspielen zu wollen – oder zumindest so zu tun. Wie löst man das? Gabriele Fischer wählte den klassischen Weg und erklärte, nicht über brand eins sprechen zu wollen, was sie dann natürlich doch tat, und alle waren zufrieden.

Erkenntnis 3: Ein Vortrag muss in Deutschland mindestens eine Stunde dauern. Gabriele Fischer war nach einer Dreiviertelstunde fertig und wollte aufhören, aber das Publikum ließ sie nicht. Als der Gastgeber vorschlug, die Diskussion an der Bar fortzusetzen, regte sich Widerspruch wie im Studentenparlament. Man hatte schließlich Eintritt bezahlt! Die Große Vortragende nahm’s mit Humor und erzählte einfach weiter.  

Und worum ging’s jetzt überhaupt? Um das, was das Publikum mindestens ebenso umzutreiben schien wie sie selber: die neue Unübersichtlichkeit, die fundamentalen Veränderungen, die das Arbeitsleben in den vergangenen Jahren durchgemacht hat und die uns noch bevorstehen. Ihre zentrale These, zunächst wenig überraschend: Wir sind längst beim Übergang von der Industrie- zur Wissens-Gesellschaft, aber unsere Wirtschaft ist darauf noch viel zu wenig eingestellt. Dazu zeigte sie einen der berühmten brand eins-Titel, die mit ihrer aphoristischen, zuweilen fast glückskeksartigen Lakonie ja längst zu einem eigenen Stilmittel avanciert sind, nämlich  „Wissen ist der erste Rohstoff, der sich bei Gebrauch vermehrt…“ – mit der Unterzeile „…aber wir können damit nicht umgehen.“ Hier setzt Gabriele Fischer an: „Wir sind immer noch dabei, das Problem zu lösen, wie wir das Wissen organisieren“. Vieles im Wirtschaftsleben sei immer noch nach den Maßgaben der verschwindenden Industriegesellschaft organisiert; etwa die allgemeine Zeittaktung, bei den Schulzeiten angefangen. Neue Formen wie Schwarmintelligenz, Crowdsourcing etc hält sie zwar für interessant, aber überschätzt. Klar sei jedenfalls, dass starre Hierarchien in der Wissensgesellschaft immer weniger funktionierten. „In vielen Unternehmen sind die wichtigsten Leute nicht mehr die Chefs, sondern irgendwelche Spezialisten, oft Freie und Selbständige“. Mit den Hierarchien aber lösten sich auch die etablierten Formen auf. Inhalte werden künftiger wichtiger sein als die Form; das hat man auch anderswo schon mal gehört, aber bei Gabriele Fischer klingt es immer wieder originell. „Und vielleicht werden wir uns sogar von der Idee verabschieden müssen, dem allen unbedingt einen Namen geben zu müssen.“

Und eine ganz spezielle Weisheit, die künftig wohl mehr denn je notwendige Flexibilität der Lebensplanung betreffend, gab’s zum Schluss auch noch: „Es gibt zwei wesentliche Lebensentscheidungen; das eine ist Selbstmord, das andere sind Kinder. Dazwischen gibt es wenig, was Sie nicht revidieren können.“

 


 


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Mein fremder Freund: Ob der Islam zu Deutschland gehört, steht dahin. Sicher jedoch ist, dass jeder von uns einen Menschen kennt und mag, der einer fremden Kultur entstammt. Anlass genug, ihn in einer kleinen Portraitfolge aus dem ominösen Migrationshintergrund treten zu lassen, eh ihn Sarrazin abschafft. Ein ähnliches Ziel haben sich die Fotografen Wim Woeber und Ralph Wentz vorgenommen, der Porträts aus der Kölner Keupstraße wir im Rahmen unserer Serie zeigen.


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