Heute: Ein paar Bissen Brot

Genau das Richtige für Ladies und Lords

Heute back ich, morgen brau ich, übermorgen hol ich der Königin ihr Kind. Ach wie gut, dass niemand weiß, dass ich Rumpelstilzchen heiß.

Aufs Thema bezogen, ist dies die erste von etlichen Abschweifungen. Zwar geht es tatsächlich um Backwerk sowie, am Rande, auch ums Brauen, aber eigentlich wollen wir heute mal einen Laib Brot anschneiden. Das Zitat aus dem von den Brüdern Grimm aufgezeichneten Märchen stelle ich, ehrlich gesagt, nur deshalb an den Anfang, weil es den herrlichen, von besorgten Sprachschützern als  Genitiv-Killer geschmähten Possessiv-Dativ „der Königin ihr Kind“ enthält. Und weil wir damit auch schon zum Hochadel abschweifen, verspreche ich, dass nachher in höflicher, genitivistisch korrekter Form über den arterhaltenden, knetenden Broterwerb kundiger Ladys berichtet wird.

Hartes Brot zum Brechen, Beißen, Kauen

Dem Wort Brot seine Herkunft, nein, die Allotria wollen wir ja lassen... die Herkunft des Wortes Brot zu erklären, ist für Etymologen ein hartes Brot. Die Märchenaufschreiber und Germanisten Jacob und Wilhelm Grimm bringen Brot in dem von ihnen begonnenen Wörterbuch recht überzeugend damit zusammen, was beispielsweise Jesus tat, als er mit seinen Jüngern tafelte: Er brach das Brot. Brot sei das, was man bricht, Brot brechen habe im Gotischen wohl briudan braud, im Angelsächsischen breodan breád und im Althochdeutschen priotan prot geheißen, die Verwandtschaft zwischen Verb und Substantiv sei unverkennbar.

Brechen sei das Stichwort, egal ob mit den Händen oder den Zähnen, steht in dem von Jacob Grimm verantwortete zweiten Band, der 1860 erschien, kurz nach dem Tod des jüngeren Bruders Wilhelm. Was im Grimmschen Wörterbuch nicht so oft vorkommt - beim Eintrag Brot lässt der Verfasser die Formulierung „ich denke“ einfließen, will sagen: Er war sich nicht so sicher, als er einen Zusammenhang mit dem Wort brauen verwarf. Aber er verwarf ihn.

Inzwischen hatten die Etymologen anderthalb Jahrhunderte Zeit, über dem Wort Brot zu brüten, und siehe, sie kehrten zum Brauen zurück, jedenfalls behauptet das Herkunftswörterbuch des Dudens ohne Wenn und Aber, dass Brot mit Brauen zusammenhänge und somit, in etwa, soviel bedeutet habe wie das Gegorene. Brot habe zunächst nur das gesäuerte, also per Treibmittel, Sauerteig oder Hefe, aufgelockerte Nahrungsmittel aus gemahlenem Getreide bezeichnet. Hefe, das wissen Alkoholkundige, braucht man auch zum Bierbrauen.

Wie man sich ein Wort zurecht kaut

Das ungesäuerte Brot, und damit nähern wir uns gesittet den Ladies, hieß althochdeutsch hleip. Als Lehnwort ging es in slawische Sprachen ein, die Russen etwa sagen zum Brot chléb. Von hleip kommt unser Laib, dem die Rechtschreib-Schulmeister das A anstelle des E verpassten, damit wir Dummköpfe ihn nicht mit dem Homonym Leib verwechseln.

Altenglisch hieß das hefefreie Brot hlaf, was zum loaf führte, also ebenfalls zum Brotlaib. Damit sind wir auf Schrittweite bei den Ladies und bestaunen die nur von den Chinesen übertroffene Fähigkeit der Britinnen und Briten, Wörter klein zu kauen wie einen Bissen ihres weitgehend geschmack- und krustenfreien Brotes. Wir bestaunen desgleichen ­den Aufstieg eines eher bäuerlichen Wortes ins höfische Milieu.

Das altenglische Wort hlaef-dige heißt schlicht Brotkneterin. To dig meint heute vor allem graben, seinerzeit hatte es auch noch die Bedeutung von walken und wenden – was man mit der Krume eines Dinkelackers oder einer Mischung aus Mehl und Wasser halt so anstellt. Wer knetete das Brot, wer schob es auf glühende Steine? Damals noch nicht der Bäcker, sondern die Hausfrau, für die das Brotbacken, neben dem Kinderkriegen, wohl ein hohes, heiliges Amt war.

Mittelenglisch war hlaef-dige schon zu lavedi zerkaut. Und vor den Namen der Prinzenmutter Diana, die vermutlich so selten Brotteig geknetet hat wie die meisten von uns, setzen wir automatisch den neuenglischen Zweisilber Lady und kappen, sehr britisch, Diana zu Di.

Zur Lady gesellen wir jetzt mal keinen Prinzen, auch keinen orientalischen Kaufhauskönigssohn, sondern einen wehrhaften Haushaltsvorstand. Das altenglische hlaford, entstanden aus hlaf-ward, meinte, wörtlich, Brothüter oder Brotschützer ­- vor einem Jahrtausend sicher eine arterhaltende Aufgabe, es gab ja noch keine French fries. Übers mittelenglische loverd mauserte sich das Wort so allmählich zum Lord.

Ob man den Einsilber noch kürzer kriegt? Hören wir mal in 250 Jahren. Kann ja nicht schaden, wenn wir den Flug nach London schon jetzt bei Ryan Air für einen halben Penny (plus Nebengebühren) buchen. Aber bitte vor Antritt der Reise nicht zu viel Brot mampfen! Die Beförderung wird dann nach Gewicht bezahlt, und für einen Besuch der mit Präzisionswaagen bestückten Bordtoiletten wird Ryan im Jahr 2260, je nach Ausstoß, zwischen 1000 und 3000 Pfund Sterling berechnen.


 


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Mein fremder Freund: Ob der Islam zu Deutschland gehört, steht dahin. Sicher jedoch ist, dass jeder von uns einen Menschen kennt und mag, der einer fremden Kultur entstammt. Anlass genug, ihn in einer kleinen Portraitfolge aus dem ominösen Migrationshintergrund treten zu lassen, eh ihn Sarrazin abschafft. Ein ähnliches Ziel haben sich die Fotografen Wim Woeber und Ralph Wentz vorgenommen, der Porträts aus der Kölner Keupstraße wir im Rahmen unserer Serie zeigen.


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