Heute: Glück

Ein schönes Wort mit dunkler Vergangenheit

Von Alfred Welti

Kennt jemand das Gedicht „Bim, Bam, Bum“ aus Christian Morgensterns „Galgenliedern“? Wer es kennt, lächelt jetzt, einige sagen es auswendig her. Wer es nicht kennt, dürfte nach den folgenden 20 Zeilen lächeln.

Ein Glockenton fliegt durch die Nacht,
als hätt’ er Vogelflügel;
er fliegt in römischer Kirchentracht
wohl über Tal und Hügel.

Er sucht die Glockentönin BIM,
die ihm vorausgeflogen;
d. h. die Sache ist sehr schlimm,
sie hat ihn nämlich betrogen.

„O komm“, so ruft er, „komm, dein BAM
erwartet dich voll Schmerzen.
Komm wieder, BIM, geliebtes Lamm,
dein BAM liebt dich von Herzen!“

Doch BIM, dass ihr’s nur alle wisst,
hat sich dem BUM ergeben;
der ist zwar auch ein guter Christ,
allein das ist es eben.

Der BAM fliegt weiter durch die Nacht
wohl über Wald und Lichtung.
Doch, ach, er fliegt umsonst! Das macht,
er fliegt in falscher Richtung.

Nun gibt es dreierlei Möglichkeiten des Anteilnehmens. Erstens, man freut sich für die Glockentönin BIM, die mit BUM ihr Glück gefunden hat, sowie für BUM, der BIM rumgekriegt hat. Zweitens, man sagt, mit Blick auf BAM: Pech gehabt. Drittens, man sagt: Was für ein Unglück für BAM.

Die Stichwörter Glück, Pech und Unglück rahmen das Thema dieses Wortwechsels, wobei als vierte Seite des Rahmens noch das hoch fliegende Wort Heil hinzukommen mag. Aber davon reden wir erst, wenn Glockentöninnen und –töne in Jubel oder Jammer verklungen sind.

Was BUM gegenüber BAM derart attraktiv machte, dass BIM mit ihm, sagen wir, harmonierte, wird nicht recht klar, es sei denn, man stellt in Rechnung, dass sich BAM verflogen hat. Und Versager, wer weiß das nicht, werden von Töninnen selten erhört, egal, welche widrigen Winde den Irrflug bewirkt haben. Denkbar auch, dass BIM an BAM die römische Tracht missfiel. Ob ihr BUM von einem Wittenbergischen Kirchturm zuflog oder ob sein Name BIMs Begierde weckte, verrät Morgensterns Versbericht nicht.

Wir halten fest: Das Wort Glück paart sich mit zwei Gegensätzen, mit Pech und mit Unglück. Es ist in seinen Bedeutungen so wankelmütig wie BIM, die sich, wie wir annehmen dürfen, nach dem ersten Klöppelschlag mit dem später verschmähten BAM durchaus im Einklang fand.

So hören wir jetzt auf zu Bimmeln und zu Bummeln und grübeln darüber, was BAM versagt blieb, übers Glück. Die Italiener unterscheiden, getreu dem lateinischen Vorbild, genau zwischen fortuna und felicità. Wir vorgeblich supergenauen Deutschen erlauben uns eine Unschärfe und benutzen das Wort sowohl dafür, was man bei einem Vierer im Lotto oder bei einem glimpflich überstandenen Vorstellungsgespräch hat, als auch dafür, was man, zum Beispiel, beim Anblick eines Bildes von Sandro Botticelli oder beim Hören von Beethoven- oder Beatles-Musik  oder auf Gleis  13 des Hamburger Hauptbahnhofs empfindet, wenn in acht Minuten der Zug eintreffen soll, der eine ersehnte Person transportiert.

Über den Werdegang des Wortes Glück spekulieren die Gelehrten seit eh und je, im Deutschen Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm sind die Debatten darüber in Dutzenden von Spalten nachzulesen. Fest steht, dass schriftliche Belege spät auftauchen und erst im 12. Jahrhundert aus dem Germanischen als gelücke, lucke und lück ins Deutsche eindringen. Nicht ganz so fest steht, ob es der indoeuropäischen Wurzel leug- entstammt, der die Grundbedeutung biegen zugesprochen wird. Flapsig und schrecklich vereinfachend formuliert, wäre Glück somit etwas, das sich halt so hinbiegt. Zuerst wurde Glück denn auch als Schicksal, Geschick, Fügung oder Ausgang einer Sache (egal wie) gesehen.

So allmählich musste die Sache, um von Glück reden zu können, schon gut ausgehen, also lucky, wie die Angelsachsen sagen. Bis alle Deutschen so weit waren, das Glück nicht nur als günstiges Befinden in den Bereichen Wohlstand, Gesundheit oder im Überstehen einer Gefahr zu begreifen, sondern damit auch seelische Heiterkeit, Liebes- oder gar himmlisches Glück meinten, verging eine Weile.

Was aber sagten die Deutschen für Glück, ehe ihnen gelücke über die Lippen kam. Sie sagten, zum Beispiel, Heil, und dieses Wort hat einen ähnlichen Aufstieg hinter sich. Seine Bedeutung schraubte sich von ganz einfachen Umständen immer mehr nach oben, ausgehend von Gesundheit, Unversehrtheit oder Gänze (englisch whole = ganz), und wurde schließlich von den Seeelsorgern für die Erlösung und die ewige Seligkeit in Beschlag genommen, die Jesus als Heiland (Heilender) und somit als Glücklichmacher priesen.

Apropos selig. Auch da haben sich die Missionare erfolgreich bedient. Althochdeutsch salig, mittelhochdeutsch saelec hieß soviel wie wohlgeartetet, gut und günstig. Unsere Altvorderen sprachen noch von seligen Winden, die ein Schiff gut übers Meer brachten.

Als Kindern hat man uns eingebleut, selig ja nicht mit zwei E zu schreiben wie die Seele. Unbestritten können wir sagen, dass selig inhaltlich und lautlich etwas mit Seele zu tun hat. Sprachlgeschichtlich gibt es offenbar keinen Zusammenhang. Manche Etymologen sagen, die Seele komme vom See, denn nach germanischer Vorstellung hätten die Seelen der Ungeborenen und der Toten im Wasser gewohnt (so auch das Herkunftswörterbuch des Dudens).

Der Band 16 des Grimmschen Wörterbuchs, 1899 erschienen, widerspricht: „früher stellte man es“, nämlich das Wort Seele, „gewöhnlich mit see zusammen, was lautlich sehr gut stimmt, rücksichtlich der bedeutung sich aber nur durch künstliche, wenig einleuchtende construktionen vermitteln läszt.“ Aus dem gediegenen Disputierdeutsch der Germanisten übersetzt, heißt das: Quatsch. Oder: Wer’s glaubt, wird selig.

Wer’s glaubt, wird selig: Die Redensart glänzt als ein beseligendes Beispiel dafür, wie munterer Volksmund todernste Bibelsprüche verar…  …beitet. „Wer da glaubt und getauft wird, der wird selig werden. Wer aber nicht glaubt, der wird verdammt werden“, droht uns Matthäus. Wer immer es war, der dem Evangelisten als erster das Wort im Munde herumgedreht hat ­– man möchte ihm ein fröhliches Vergelt’s Gott nach oben, widrigenfalls nach unten, schicken.

Danken wir ebenso froh dem Galgenlieder-Dichter Christian Morgenstern (1871 bis 1914), indem wir uns, nach „Bim, Bam, Bum“, wieder einmal seine atemberaubend gereimte Evolutionsgeschichte über „Ein Butterbrotpapier im Wald“ vornehmen, das (aus Angst) zum Lebewesen mutiert und dann, zum Unglück, auch noch Pech hat.


 


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Mein fremder Freund: Ob der Islam zu Deutschland gehört, steht dahin. Sicher jedoch ist, dass jeder von uns einen Menschen kennt und mag, der einer fremden Kultur entstammt. Anlass genug, ihn in einer kleinen Portraitfolge aus dem ominösen Migrationshintergrund treten zu lassen, eh ihn Sarrazin abschafft. Ein ähnliches Ziel haben sich die Fotografen Wim Woeber und Ralph Wentz vorgenommen, der Porträts aus der Kölner Keupstraße wir im Rahmen unserer Serie zeigen.


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