Heute: Krieg ums Kriegen

Und ein böser germanischer Exportartikel

Das bekommst du nie hin, bekomme ich da zu hören. Ich bekomme einen Schreck und brauche einen Zeit, bis ich mich wieder einbekomme und mir sage: Ach was, das bekommen wir schon.

Irgendwie klingt das unbekömmlich.

Dann ersetzen wir, im Wege des Wortwechsels, mal das Verb bekommen und notieren:

Das kriegst du nie hin, kriege ich da zu hören. Ich kriege natürlich einen Schreck, bis ich mich wieder einkriege und mir sage: Ach was, das kriegen wir schon.

Also, für mich hört sich das, irgendwie, besser an.

Aber kriegen sagt man doch nicht, und schreiben tut man’s schon gar nicht, wenden die Freunde der guten deutschen Sprache ein - zum Beispiel, wenn ich erzähle, dass ich als Hilfsarbeiter, das heißt als Ziegel-, Dachlatten- und Teerpappenschlepper bei einem Dachdeckerbetrieb im Fränkischen drei Mark fünfundzwanzig die Stunde kriegte, Spitzenlohn für einen Deppen wie mich, der außer dem Abitur keine Qualifikation und nicht eben stählerne Muskeln mit aufs Dach brachte.

Aussagen aus der Tiefebene

Kriegen, kriegt man gesagt, ist umgangssprachlich, und sollte durch bessere Wörter wie bekommen, gewinnen, verdienen, erhalten ersetzt werden. Manche behaupten, allein mit dem Gebrauch von kriegen würde ich mich als Süddeutschen entlarven, aber das sind so Aussagen aus der Tiefebene, in der ich seit Jahrzehnten gerne lebe und immer mal so gut wie vergebens beteuere, dass der Norden, wo einst ein sympathisches, schönes, aber leider aussterbendes Idiom namens Niederdeutsch oder Platt gesprochen wurde, das heute, man kann sagen leider, so gepflegt wird, wie man Patienten auf einer Pflegestation eben so pflegt, dass der Norden das Hochdeutsche vom Süden gekriegt, meinetwegen auch bekommen oder empfangen hat, mittlerweile aber mehrheitlich glaubt, an der Sprache der südlichen Geberländer herumnörgeln zu müssen.

Das musste jetzt rasch mal gesagt werden, aber da ich, nehmt alles nur in allem, keinen Ärger kriegen und aus Schleswig-Holstein nicht ausgewiesen werden möchte, fange ich lieber keinen Krieg an, bemühe mich im Rest dieses Traktats auch um kürzere Sätze und kriege die Kurve zum Thema: Hat kriegen was mit Krieg zu tun?

Hat es, auch wenn’s uns nicht passt, dass zum Beispiel so friedliche und erfreuliche Ereignisse wie Kinderkriegen (sprachlich) auch nur entfernt mit Krieg in Zusammenhang stehen könnten.

Vor langer langer Zeit war kriegen ein scheinbar harmloses Wort und bedeutete in etwa soviel wie sich bemühen, sich anstrengen oder streben. Aber wie die Streber und deren Opfer in Schule und Beruf, also wir alle, gut wissen, kann sich das Streben schnell gegen andere wenden. Schon im Mittelhochdeutschen kamen die Bedeutungen von streiten, zanken, schließlich auch kämpfen dazu, mit der Vorsilbe er- bedeutete es soviel wie erhalten, in Empfang nehmen. Die Vorsilbe fiel irgendwann mal wieder ab, und so kam es, dass der Dachdeckermeister Anfang der sechziger Jahre zu mir sagte: Du griechst drei Maik fünferzwansich die Stund‘.

Krieg - ein deutscher Gegenstand

Das Verb kriegen ist eine Ableitung von Krieg, das in seiner althochdeutschen Gestalt chreg erst einmal ernstes Bemühen und Hartnäckigkeit meinte und später, mittelhochdeutsch, auch Streit und bewaffneter Kampf. Krieg ist, von der Wortbedeutungslehre her, ein sehr deutscher Gegenstand. Die Niederländer sagen für Krieg Orlog, ein Wort, das uns fremd vorkommt und doch durch und durch germanisch ist. Das deutsche Wort Urlog erlosch im 16. Jahrhundert und hat eine höchst komplizierte Etymologie, von der hier nur ein Stichwort wiedergegeben sei: Es bedeutete Vertragslosigkeit – und wenn man sich nicht vertrug, dann schlug man halt aufeinander los.

Es wird Zeit, auf friedliche Begriffe zu treffen, und wir bitten hierzu die indoeuropäische Wurzel ver oder var, die, grob gesprochen, soviel wie Tür oder Tor oder Zaun bedeutete, also dafür sorgte, dass man friedlich beieinandersitzen oder –liegen konnte, ohne dass Wind und Wetter einem die gute Laune, die Lust, den Schlaf raubten. Oder aber Eindringlinge, und damit ist schon wieder Schluss mit Frieden, denn sehr rasch, will sagen: über die Jahrhunderte, nahm der Schutz, den Tür, Tor und Zaun boten, die Bedeutung Abwehr an, und dazu legt man sich schon mal eine Keule oder einen Spieß oder ein Schweizermesser neben das Bett. Wehr, als Neutrum bei uns immer noch eine friedliche Apparatur, nämlich eine Wassersperre, ist als Femininum ein gefährliches Ding, denken wir an die Wehrmacht oder die Bundeswehr. Wehr, als Wort, hat eine unangenehm steile Karriere gemacht.

Lateinisch hieß der Krieg bellum, und davon abgeleitet tummeln sich in den europäischen Sprachen noch viele Ableitungen wie italienisch bellicoso, kriegsbereit, oder belligerante, kriegführend. Der Krieg selbst aber hat in den Sprachen, die als Töchter des Lateinischen groß und schön wurden, einen germanischen Namen, nämlich Wehr, nur ein wenig anders ausgesprochen und geschrieben, zum Beispiel guerre im Französischen, guerra im Italienischen.

Auch unsere britischen Verbündeten benutzen das Wort. Vor ungefähr einem Jahrtausend sagten sie noch orlaeg, aber dann kamen die normannischen Eroberer aus Frankreich und drückten ihnen ein Wort für Krieg auf, das in der heutigen englischen Rechtschreibung mit den drei Buchstaben WAR auskommt. Wäre das Thema nicht so schlimm, könnte man sich darüber amüsieren, wie ein Wort vagabundiert. Von französisch sprechenden Invasoren germanischer Abstammung wurde es einem ursprünglich keltischen Volk überreicht, das ohnehin eine germanische Sprache sprach, weil es vorher schon mal Stück für Stück von Leuten erobert worden war, die germanische Dialekte sprachen, von den Angeln, Sachsen und Jüten.

Als Vagabund quer durch Europa

Warum hat das Wörtchen Wehr, das mal als Tür begann, sich so breit gemacht? Keine Ahnung. Ohne Gewähr (auch wahren hat was mit Wehr zu tun) übersetze ich aus dem Eintrag zum Stichwort guerra im „Dizionario etimologico della lingua italiana“ von Manlio Cortelazzo und Paolo Zolli: „Die Gründe für das Verschwinden des entsprechenden lateinischen Wortes bellum wurden unterschiedlich gedeutet, man kann sich aber der Hypothese anschließen, dass uns der Wandel auf das Vorherrschen der ungeordneten Kampfesweise der Germanen gegenüber dem geordneten bellum der Romanen hinweist.“

PS: Kann man sich, an einem Ostersonntag, so aus einem Wortwechsel verabschieden? Kann man, soll man aber nicht. Wir gehen zurück aufs Streiten (kriegen) und kommen über die Streithähne, die sich jetzt mit den italienischen Etymologen in die Haare kriegen, auf Hahn und Henne, vor denen es an einem deutschen Ostertag kein Entrinnen gibt. Den Hasen („der Graue“) lassen wir jetzt mal beiseite, wiewohl auch er allgegenwärtig ist. Das Wort Hahn ist übers Indoeuropäische verwandt mit lateinisch canere und cantare. Ursprünglich bedeutete Hahn: Sänger. Und singen kann er, Hennen hinreißende und Konkurrenten abschmetternde Gockel-Kantaten.


 


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Mein fremder Freund: Ob der Islam zu Deutschland gehört, steht dahin. Sicher jedoch ist, dass jeder von uns einen Menschen kennt und mag, der einer fremden Kultur entstammt. Anlass genug, ihn in einer kleinen Portraitfolge aus dem ominösen Migrationshintergrund treten zu lassen, eh ihn Sarrazin abschafft. Ein ähnliches Ziel haben sich die Fotografen Wim Woeber und Ralph Wentz vorgenommen, der Porträts aus der Kölner Keupstraße wir im Rahmen unserer Serie zeigen.


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