Heute: Zahlen, bitte

Übers Zählen erzählen

Wer was über Zahl, Zahlen und Zählen erzählt, kommt über kurz oder lang vom Hundertsten ins Tausendste. Damit müssen er und wir, seine Zuhörer, leider rechnen.  Wir rufen dem Erzähler zu: Du hast zehn Minuten Zeit, wir zählen mit, und wenn Du dann nicht Schluss machst, wirst du ausgezählt,  darauf kannst du zählen.

EINS!

Also, beginnt der eingeschüchterte Erzähler verlegen, also, vor der althochdeutschen Lautverschiebung, ungefähr eineinhalb Jahrtausende ist’s her, als unsere Ahnen noch kein Deutsch, sondern Germanisch sprachen, sagte man nicht Zahl, sondern tal. Und das Dumme für einen, der das in zehn Minuten erklären soll, ist, dass tal viel mehr als Zahl bedeutete, unter anderem Aufzählung, Abrechnung, Bericht oder auch Rede. Althochdeutsch zala, mit dem zum Z verschobenen T, bedeutete auch schon Menge oder Zahl, wurde aber gerne noch in der Bedeutung Bericht, Erzählung gebraucht, und auch im Mittelhochdeutschen (11. bis 14. Jahrhundert) behielt es diesen Sinn, zum Beispiel im „Tristan“ von Gottfried von Straßburg : hie mite huop von Tristande/das gesinde von dem lande/manec gerune und manec zal - mancherlei Raunen und Reden.

ZWEI!!

Hier erlaube ich mir zwei Sätze zum Englischen, das, wie das Niederdeutsche, ohne Lautverschiebung auch eine ganz schöne Sprache geworden ist. Da hat tale, die Erzählung, noch die alte Bedeutung, und genauso verhält es sich bei to tell, berichten, erzählen, mitteilen, unterscheiden. Das numerische Zählen holten sich die Briten aus dem Französischen, to count kommt von compter und compter vom lateinischen computare (womit auch gleich der Computer abgehakt wäre).  

Zahl und das dazugehörige Verb zählen – althochdeutsch zellan, mittelhochdeutsch zeln – schränkten ihre Bedeutung im Neuhochdeutschen stark ein und kehrten damit, Überraschung, zu der Urbedeutung zurück, welche die von den Etymologen erschlossene indogermanische Wurzel von Zahl,  del-, einst hatte. Del- hieß soviel wie kerben oder einschneiden. Wenn ihr bedenkt, was der Ausdruck Kerbholz mit zählen zu tun hat…

DREI!!!

Also, wenn man hier nicht mal mehr einen Gedanken  zu Ende bringen kann, dann… Dann gehen wir eben gleich zu dem anderen Verb über, das zur Nummer, will sagen: zur Zahl gehört, nämlich zahlen. Das hieß auch soviel wie zählen, aber weil das mittelalterliche Zähl- oder Rechenbrett (auf dem man versehentlich auch mal in die falsche Spalte, zum Beispiel vom Hundertsten ins Tausendste,  geraten konnte),  weil dieses Brett bei Kaufleuten, kühn gesprochen, auch als Registrierkasse diente, bedeutet zahlen seit langem: den Kaufpreis entrichten.

Die Briten haben sich fürs Zahlen mal wieder ein romanisches Wort geliehen, to pay, was letztlich vom lateinischen pacare kommt. Pacare hieß befrieden, und befriedet, wir wissen es, wird immer noch am effektivsten mit Geld, das, wie wir ebenfalls wissen, bei den Römern pecunia hieß und mit pecus, dem Vieh, zusammenhängt , das zwar als Zahlungsmittel sehr reell war, allerdings nicht aufs Rechenbrett geschnippt werden konnte, was irgendwann zur Erfindung der Münze geführt haben muss. Ich schweife…

VIEReinhalb!!!!

Also, dann weise ich eben nur eine halbe Minute lang darauf hin, dass zählen, mit der Vorsilbe er-, genau das heißt, was englisch to tell ohne Vorsilbe heißt. Erzählen. Die zwei Buchstaben gehen zurück auf die Silbe  ur- (erlauben und Urlaub gehören zusammen), was ursprünglich aus oder hinaus bedeutete, aber später auch: zu einem Ende hin. Erzählen heißt…

VIERdreiviertel!!!!

… somit, schlicht gesprochen, etwas von vorn bis hinten berichten, also eine Erzählung hinkriegen, die bei unseren Ahnen, das hatten wir schon, schlicht mit zal bezeichnet werden konnte. Die indoeuropäische Wurzel del-, kann man sagen, hatte es in sich und bescherte uns, lexikalisch gesehen, eine Fülle von Bedeutungen. Sagen wir zum Beispiel: Angela Merkel ist eine Staatsfrau, deren Wort in Europa zählt, so…

FÜNF!!!!!

Also, wenn wir Deutschen das Wort Zahl nicht in dieses recht enge Zahlenkorsett gezwängt hätten, was hätten wir dann getan? Wir hätten uns vermutlich, wie die romanischen Völker und die Engländer, aus dem Lateinischen versorgt und statt Zahl Nummer gesagt. Nummer sagen wir aber nicht beim Zählen, sondern zum Beispiel bei der Schuhgröße, beim Köchelverzeichnis, bei Auftritten im Zirkus, im Varieté oder bei MAGDA , jenem Webmagazin, das neuerdings rechts unten die aufmunternde Sparte „Zahlen, bitte“…

FÜNFeinhalb!!!!!

…aufweist, aber das nur nebenbei. MAGDA ist schon eine Nummer - diese Aussage hat nicht viel mit Zahlen zu tun, aber mit dem Auftreten dieser Person, und das ist ein Lob, verbunden mit dem versteckten Hinweis auf gewisse Extravaganzen. Und wie jene ganz ganz andere Bedeutung entstanden ist, die, wie soll man’s ausdrücken, mit physischem Kontakt zu tun hat, das lässt sich in ein paar Sekunden nicht erklären.

SECHS!!!!!!

Schon gut, hätte ich’s erklären wollen, hättet ihr die Minute auf 90 Sekunden gedehnt. Aber ich will nicht und gehe jetzt schlicht zu 1, 2, 3, 4, 5, 6, 7, 8, 9, 0 über. Das sind, wie ihr alle wisst, Zahlen, und zudem sind es Ziffern, während 10, 11, 12 und alle darüber aus Ziffern komponierte Zahlen sind. Mit dem Wort Ziffer ist es irgendwie dumm gelaufen, denn ursprünglich bedeutete es schlicht: null. Wir danken das Wort den Arabern, die den Europäern in Mathematik und Philosophie auf die Sprünge geholfen haben, als sie, die christlichen Abendländer, in dumpfem Dogmatismus verdummten, verrohten und sich an gottverdammten Glaubensakten erfreuten, an Autodafés. Irgendwann setzten die Italiener ein eigenes Wort, nulla, an die Stelle von cifra, das aus arabisch sifr kommt. So wurde cifra frei für eine andere Verwendung, nämlich Zahlzeichen. In diesem Sinn haben wir es aus dem  Italienischen übernommen. Betrachten wir jetzt noch das französische Wort chiffre oder die deutschen Wörter be- und entziffern, so mutet die Karriere dieses Wortes…

SIEBEN!!!!!!!

Ich sehe, ihr habt null Geduld. So bleibe ich in Minute sieben unter 60 Sekunden, mute euch aber ein Gedicht des Bergbauinspektors Georg Friedrich Philipp Freiherr von Hardenberg zu:

Wenn nicht mehr Zahlen und Figuren/ Sind Schlüssel aller Kreaturen,/Wenn die, so singen oder küssen,/Mehr als die Tiefgelehrten wissen,/Wenn sich die Welt ins freye Leben/Und in die Welt wird zurück begeben,/Wenn dann sich wieder Licht und Schatten/Zu ächter Klarheit wieder gatten,/Und man in Mährchen und Gedichten/Erkennt die wahren Weltgeschichten,/Dann fliegt vor Einem geheimen Wort/ Das ganze verkehrte Wesen fort.

ACHT!!!!!!!!

Also, den Traum des Frühromantikers, der sich als Dichter Novalis nannte, träumen wir schön weiter, aber so, wie sich die wahren Weltgeschichten in Wahrheit...

NEUN!!!!!!!!!

…zutragen, haben wir irdischen Kreaturen mittelfristig keine Chance, das ganze verkehrte Wesen loszuwerden. Wir sind ja auch dankbar für die Zahlen und Figuren, die fürs freie Leben recht nützlich sein können. Übrigens scheint das Wort Figur zu Novalis‘ Zeiten dem englischen Wort figure, das ja auch Zahl bedeutet, noch recht nahe gestanden zu haben. Jetzt aber…

ZEHN!!!!!!!!!!

… will ich nur noch daran erinnern, dass das Dezimalsystem, in dem die Nullen die entscheidende Rolle spielen, in Indien erfunden wurde. Von den Indern übernahmen es die Araber, von den Arabern lernte der italienische Rechenmeister Leonardo Fibonacci, geboren um 1180. Ein Rechenmeister aus dem fränkischen Staffelstein brachte dann, im 16. Jahrhundert , den Deutschen das Rechnen für Fortgeschrittene nach dem indisch-arabischen System bei. Und wenn wir heute sagen: Nach Adam Riese, benutzen wir einen alten Dativ. Der tiefgelehrte Mann hieß, im Nominativ, Ries.


 


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Mein fremder Freund: Ob der Islam zu Deutschland gehört, steht dahin. Sicher jedoch ist, dass jeder von uns einen Menschen kennt und mag, der einer fremden Kultur entstammt. Anlass genug, ihn in einer kleinen Portraitfolge aus dem ominösen Migrationshintergrund treten zu lassen, eh ihn Sarrazin abschafft. Ein ähnliches Ziel haben sich die Fotografen Wim Woeber und Ralph Wentz vorgenommen, der Porträts aus der Kölner Keupstraße wir im Rahmen unserer Serie zeigen.


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