Als Egoistin unschuldig

Von der Euphorie der Sportjournalisten

Von Fritz-Jochen Kopka

Copyright: Fritz-Jochen Kopka

Go away, dirty old year

5. Januar 2012

Oberhof. Ich bin gerade dabei, mich mit der Leni zu versöhnen. Die dritte Starterin der Staffel, Sabrina Buchholz mit dem Modigliani-Gesicht, läuft ein tolles Rennen, und übergibt mit 1,8 Sekunden Rückstand an Schlussläuferin Magdalena Neuner. Die Leni überholt die Russin Wiluchina, schießt liegend ein bisschen langsamer als dieselbe, überholt sie aber sofort wieder und kommt mit 20 Sekunden Vorsprung zum Stehend-Schießen. Und da trifft sie mit acht Patronen eine einzige Scheibe. Vier Strafrunden. Unsere Staffel wird vierte. Meine Güte.

Die Sportreporter, die ja die Leni gerade wieder zur deutschen Sportlerin des Jahres gemacht haben, sind sprachlos, wie sie sich ja sonst gar nicht halten können vor euphorischen Gesängen, wenn die Leni siegt oder fast siegt. Eigentlich sind es diese Gesänge, für die sie an sich nichts kann, die mir die Leni unsympathisch machen. Kriegen diese Knallköppe das denn extra bezahlt, wenn sie die ermüdenden Lobeslieder singen, die nicht wieder aufhören können? Werden sie juristisch belangt, wenn sie sachlich über die Leni berichten? Muss man der werbenden Wirtschaft, für die die Leni eine Ikone ist, einen Gefallen tun? Ich weiß es nicht. Mir ist nur aufgefallen, dass Magdalena Neuer dann besonders häufig schwächelt, wenn es ums Team geht. Auch das werfe ich ihr nicht vor. Denn so, wie der deutsche Sportjournalismus mit ihr umgeht und mit den anderen Sportlern eben nicht – so werden Egoisten gemacht.

3. Januar 2011

Wenn der Monat zu Ende geht, findet sich der Chefredakteur des Cicero im Deutschlandradio ein und macht Werbung für das neue Heft, das bereits an den Kiosken liegt, kostenlos, nehme ich an, denn die Reklame kommt als Interview daher. Im Januar-Heft geht es um  Absteiger des Jahres 2011, und die Moderatorin im Studio zeigt sich erstaunt, dass Michael Naumann, der Intellektuelle von der traurigen Gestalt, sportinteressiert ist. Ich war Fußballspieler als Kind, erzählt Naumann, in anderen Worten, ich bin fußballaffin, wie das neuerdings heißt.

Nicht nur sportaffin, sondern meisterlich ist Naumann im floskelhaften Reden. Die Absicht war klar, sagt er, vielleicht ist die Absicht ganz löblich, ergänzt er, Sie müssen sich vorstellen, schlägt er vor, so was Verrücktes hat es noch nicht gegeben, wundert er sich, wenn man eine Tangente anlegen kann mit anderen Worten, sinniert er, man muss nicht immer bierernst solche Absteiger begleiten, kommt ihm ein Gedanke, Sie könne sich vorstellen, ist er bester Hoffnung, das absolute Gegenteil ist der Fall, das können Sie immer wieder lesen.

Ich nehme mal an, das Heft geht weg wie warme Semmeln, mit anderen Worten, Sie können sich das vorstellen oder auch nicht, es verkauft sich gut, sehr gut sogar. Wie auch anders. Man könnte ewig so weiter schwadronieren. 

Rührend kümmerte sich Kommissarin Lena Odenthal um ein kleines Mädchen, das seine Mutter und seine Katze verloren hat. Wenn ich richtig gezählt hatte, lief sie, Lena Odenthal, in diesem Tatort drei Mal. Einmal, um das Mädchen einzufangen, dann mal kurz irgendwo und schließlich in den Straßen Ludwigshafens eine Treppe rauf, eine Treppe runter. Das ging ja noch. In manchem Tatort läuft sie 50 Prozent. Ich stelle mir vor, wie der Regisseur oder jemand anderer aus dem Team, vielleicht der Kameramann, gesagt hat, das sieht ja toll aus, wie du läufst, und seitdem läuft die Schauspielerin Ulrike Folkerts eben, sie läuft ja auch privat viel, wenn ich das richtig weiß, und sie rennt nicht wie Tykwers Lola, nein, sie läuft, leicht und locker, auch, wenn Gefahr im Verzug ist.

 

Jauchs Kandidat ist ein Mann aus Sachsen, der 10 000 € in die Hand nahm und um die Welt reiste, sechs Jahre lang, dann war das Geld aufgebraucht. Bei 32 000 € soll er nun sagen, was Pu Yi ist – vielleicht der letzte chinesische Kaiser? Oder Maos Geburtsort? Oder Hund süß-sauer? Oder noch irgendwas. Der Zusatzjoker im Publikum soll’s richten, aber niemand erhebt sich. Oh Scheiße Kacke Pisse. Schließlich steht doch jemand auf, ein noch junger Mann, gut frisiert. Er sagt, dass er gerade ein wenig chinesisch lernt und daher weiß, dass Yi die Zahl eins ist. Insofern denkt er, es handele sich um den letzten chinesischen Kaiser. Pu der erste. Zweifel sind angebracht. Würden Sie’s an meiner Stelle machen?, fragt der Kandidat den Joker. Ich hätte noch mehr Joker als Sie, lächelt der Joker. Schlagfertig, sagt Jauch, wenn es falsch ist, kriegen Sie die 500 € von mir. Ich warte auf den Moment, wo Sie sich auf den Platz des Kandidaten setzen. Oder auf Ihren, sagt der Joker. Wieder Gelächter. Und am Ende, als der Kandidat sich doch nicht getraut hat und mit 16 000  € nach Hause geht, stimmt es doch: der letzte chinesische Kaiser. Der Joker hatte Recht.

 

Restauranttester Rach ist wieder am Start. Diesmal im Pferdestübel Sindelfingen, in dem der traurige Jens das Erbe seines Vaters und das Geld seiner Mutter in den Sand setzt, indem er selbst auf seine chaotische, verheerende und ahnungslose Weise kocht. Ein hoffnungsloser Fall, bis endlich zwei unglaubliche dicke Köche gefunden sind, die nur ein Mann, der schon alles verloren hat in seinem toten Pferdestübel, einstellen kann. Jens hat keine Wahl und gewinnt. Mit den schwergewichtigen Köchen geht’s wieder aufwärts für ihn. 

1. Januar 2012

Positivum zu Silvester: kein einziges Mal Dinner for One begegnet. Konzerte auf  3sat. Die schwer zu deutende Beziehung zwischen Simon und Garfunkel. Herbert Grönemeyer in Leipzig. Er wird nicht müde, den massenhaft erschienenen, offensichtlich seligen sächsischen Fans Komplimente zu machen. („Wie schön, dass es euch gibt.”) Merkwürdig wie groß und mondhaft sein Kopf im Fernsehen wirkt. Das ist in Wirklichkeit nicht so. Wir trafen ihn mal in einem Westberliner Hotel zum Interview. Er wurde leidenschaftlich, als er über Helmut Kohl sprach. Sie sind ja regelrecht fixiert auf den Mann, sagte Jutta Voigt. Seltsam auch, was Grönemeyer damals über seinen Vornamen verlauten ließ: „Herbert ist immer angefeindet worden.” Kein Name für einen Rocksänger, meinte er wohl.

Die Knallerei hatte eine neue, noch lautere und wohl auch gefährlichere Qualität, das bestätigte auch der Sprecher der Berliner Feuerwehr, die deutlich mehr Einsätze fahren musste. Wir landeten nach null Uhr, also schon 2012, in einer mit Girlanden geschmückten Wohnung. Dort lief das Programm des MDR und wurde ausdrücklich gelobt. Das sind die Schlager, die man kennt, liebt und versteht. Scheinheiliges Nachfragen half auch nichts. Ich erinnere mich, dass ich einmal als Student gecastet wurde, um bei so einem Silvesterprogramm mitzumachen oder eben nicht. Man musste auf Kommando lachen können, möglichst blöd und dabei sinnlos fröhlich oder extrem skurril aussehen. Ich zählte nicht zu den Auserwählten. Dadurch entging mir eine Einnahme. Als ich die Gestalten aber dann in der Glotze sah, konnte ich froh sein. Und jetzt erst recht. Wie trübe war das doch alles, Wie erzwungen die gute Laune. Wie flach die nachrückenden Talente, die die Oldies sangen und wie angeschlagen die Originalbesetzungen. Die Muggerschweine, lacht Andrea zwischen Bewunderung und Anteilnahme. Mancher weiß nicht, ob dies nicht sein letztes Silvester ist. Viele sind dahingegangen im vergehenden Jahr, das wir ohne Bedauern zumachen. Es reicht. 

 

 


 


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