Apropos Erderwärmung
Momentaufnahme Winter
Berlin unter Schnee. Gelegentlich kriecht ein PKW merklich verunsichert durch die vereisten Straßen. Eher ein Taumeln als ein Fahren. Chauffeure hinter den Frontscheiben wirken entrückt wie Wiedergänger. Kleine Gruppen vermummter Kindergartenkinder sammeln sich vor dem Wäldchen, um etwas aus dem Wetter zu machen. Für die Kinder ist es natürlich toll, sagen die Leute. Eltern ziehen demütig wie die Wolgaschlepper Schlitten hinter sich her. Jetzt reicht’s aber, sagt der Mittelständler von nebenan bereits zum fünften Mal in diesen Tagen und scharrt den gefrorenen Schnee beiseite, damit die Kunden ungefährlichen Zugang zu den Geschäftsräumen haben. Kaum jemand, der sich aufs Fahrrad traut. Kurzbeinige Hunde versinken bis zur Hälfte ihres Leibes im Schnee und kommen mir besonders bedauernswert vor. Sie können sich nur fortbewegen in einer Mischung aus Laufen und Schwimmen, aber das machen sie gut, diese begnadeten Geschöpfe. Rentner bleiben zu Hause. Und wenn sie sich doch auf die unsicheren Steige wagen, muten sie an wie Spätheimkehrer, die Krieg und Nachkrieg erst nach einem halben Jahrhundert entronnen sind und sich in dem schwierigen Raum zwischen Leben und Tod aufhalten. Die Stadt verbietet ihren Bürgern, die Glätte mit Streusalz zu bekämpfen (es schadet den geliebten Berliner Bäumen), greift aber selbst darauf zurück und droht mit drastischen Strafen, wo die Wege nicht stumpf gemacht werden.
Auf der eisigen Friedrichsbrücke versuchen Russen, pompöse Fellmützen zu verkaufen, die irgendwie nach Politbüro aussehen. Am Neuen Museum werden die Leute nach Hause geschickt, die keine Karte haben. Das Museum ist voll, ist warm, ist rekonstruiert, kein Gedanke mehr daran, dass es ein halbes Jahrhundert als Ruine in der Stadtmitte dahinbröckelte. Am Hackeschen Markt bietet sich ein stolzes Geschäftshaus zur Miete oder zum Kauf an, nachdem es ein Jahr lang ohne Schild leer stand an diesem glorreichen Ort der Händler, Gastronomen, Touristen und Straßenmusiker. So sind die Zeiten. Die exklusive Zeppelin-Boutique in der Oranienburger Straße, bekannt für urbanen Look und modernes Understatement, wird demnächst schließen. Die Preise sind dennoch kaum gesenkt. 99 Euro, so schön kann ein Herrenoberhemd gar nicht sein, sagen sich Leute, die ihr Geld hart verdienen müssen. Wohin werden Sie ziehen? Wissen wir nicht, sagt eine der aparten Verkäuferinnen, erst mal raus hier. Wir haben ja noch den Laden am Savignyplatz. Ach ja. Erst mal raus hier, das ist keine schlechte Parole. Erst mal raus aus dem alten Jahr, aus der Kälte, aus den alten Problemen und rein in die neuen. Wir redeten unentwegt von der Erderwärmung und frieren uns nun zur Entschädigung den sogenannten Arsch ab. Und zittern vor der nächsten Gasrechnung. Die S-Bahn ist brechend voll, es müssen wieder einige Züge ausgefallen sein. Der Berliner lässt das einfach nicht an sich ran. Aufregen ist sinnlos. Er ist ein ebenso begnadetes Geschöpf wie die durch den Schnee schwimmenden Hunde. In der drängenden Enge der Bahn riecht jemand nach Fusel, jemand nach Urin. Ab Ostbahnhof leert sich der Zug von Leuten und von Gerüchen. Durch den Bahnhof Karlshorst wankt halb bewusstlos ein Obdachloser, die Plastiktüten fest im Griff.
Heiligabend dachte ich angesichts eines ununterbrochen vorüberflutenden Verkehrs, dass diese Stadt nie zur Ruhe kommt. Nun ist sie erstarrt. Still. Regungslos. An vielen Häusern leuchten noch Weihnachtsilluminationen. Wegen solcher Momente des Innenhaltens werden wir sie lieben, die Stadt, dann nämlich, wenn sie sich wieder befreit hat.



