Die Gegenwart ist nicht schlecht

… jedenfalls nicht schlechter als die Vergangenheit

Von Fritz-Jochen Kopka

Wo ist Weihnachten

27. Dezember ’11

Weihnachtsbilanz. Heiligabend mit der Tram von A nach C über B. Überall stehen sie mit ihren Scheißgeschenken, um irgendwohin zu fahren, wo sie Scheißgeschenke erhalten werden. Ein junger Nazi wird den Abend mit seinem jungen Hund verbringen. Ein Mann mit Pferdeschwanz, Plastiktüte und Fuselgeruch weiß noch nicht, zu welchem falschen Freund er seine Schritte lenken soll. Künstliche Bäume und künstliche Lichter. Die im Netz bestellte Rehkeule ist so teuer, dass einem der Unterkiefer runterfällt. Die externe Speicherplatte funktioniert aus unerfindlichen Gründen nicht (wieso ist so was so kompliziert?) Der ebenfalls im Netz bestellte Arctic Parka ist viel zu groß. Muss morgen gleich zurückgeschickt werden. Der Weihnachtsbaum kann wieder raus (falls ich einen aufgestellt hätte). Jetzt noch Silvester. 

Die Gegenwart ist nicht schlecht. Sie ist nicht einmal schlechter als die Vergangenheit, und die Zukunft existiert nur im Kopf; wie die wahren Abenteuer (André Heller). Was von der Vergangenheit bleibt, ist weniger gelebtes Leben, das dich noch beeinflusst, als vielmehr eine Vielzahl von Geschichten, die nicht mehr viel mit dir zu tun haben. Gerade habe ich mich an die Zeit vor dreißig Jahren erinnert, an einen Chefredakteur, der gerne Sitzungen abhielt und dabei den Alleinunterhalter spielte. Er war maßlos in seiner Selbstgefälligkeit und dementsprechend langweilig. Um der Langeweile zu entgehen, begann ich, seine Monologe mitzuschreiben. Einmal war ich dadurch beschäftigt, zweitens fiel mir ein Fundus an sprachlichen Versatzstücken auf und drittens spürte ich die Irritation, die mein Mitschreiben beim Dauerredner auslöste. War er noch bedeutender, als er selbst es glaubte? Oder unterliefen ihm sprachliche Schnitzer, die man ihm bei Gelegenheit unter die Nase reiben konnte?

So aber redete er: „Viele von uns haben gute Kontakte, aber wir haben alle noch zu wenig Kontakte. Also, ich finde, wir haben ’ne ganz gute Zeitung, und wir haben sehr kluge Leute. Aber zu verbessern ist die parteilich-ideologische Haltung, die hinter den Artikeln steht. Das ist, wenn ich manchmal so sage, das könnte auch in Zürich erscheinen. Viele kann ich hier nennen, die kommen jeden Tag und sagen, man sollte, man müsste. Und dann kenne ich viele, die kommen niemals. Da hat man den Eindruck, die arbeiten nur für ihr eigenes Tischchen. Irgendwie hab ich den Eindruck, dass wir im nächsten Jahr ’n andere Zeitung machen müssen als dieses Jahr, insgesamt deutlich sozialistischer. Ich erzähl hier keinem was Neues, ich will’s nur mal so in die Landschaft stellen. Wir machen hier Freizeit und Wandern und Theater, aber so, dass alles wert ist, verteidigt zu werden, wir sind entschlossen, es zu verteidigen.”

22. Dezember ’11

Aber Sie müssen jetzt arbeiten lernen. Sie müssen jetzt wirklich arbeiten lernen, sagte im vereinten Deutschland ein westdeutsches Ehepaar zu einem ostdeutschen Literaturwissenschaftler, der sowieso nichts anderes tat als arbeiten. Er war echt von den Socken. Mir fällt jetzt gerade ein, was er hätte antworten können.

Ja, und wenn ich’s dann gelernt habe, das Arbeiten, bringe ich’s Ihnen auch noch bei.  Und zwar kostenlos!

 

Die Qualitätszeitung FAZ startet derzeit einen Testballon. Hier und da schreibt sie so, wie man eben spricht, vielleicht um populärer zu werden. Den Anfang machte heute eine Brigitte Koch im Wirtschaftsteil. „Nach den vier Adventswochen sieht es ganz so aus, als müssten die Einzelhändler noch eine ordentlich Schüppe drauflegen, wollen sie die gesteckten Umsatzziele für dieses Jahr tatsächlich erreichen.”

Interessanter Versuch, finde ich. Man wird einerseits in komplizierte ökonomische Zusammenhänge eingeführt und fühlt sich auf der anderen Seite heimelig wie im Kindergarten. Große journalistische Kunst. Aber bitte nicht mehr davon.

 

Häufige Worte in der Weihnachtszeit: Nordmann-Tanne und Wulff-Kredit. Wobei es über die Nordmann-Tanne durchaus Interessantes zu berichten gab.  

21. Dezember ’11

Der Fußball funktioniert bei mir als Zungenlöser. Wenn ich damit fertig bin, kann ich auch über andere Dinge reden. DFB-Pokal. Düsseldorf gegen Dortmund. In der 34. Minute fliegt Owomoyela mit gelbrot vom Platz. Schiedsrichter Gräfe hat schon vorab gesagt, dass die Schiedsrichter am Limit der Belastbarkeit sind – sowohl physisch als auch psychisch. Er pfeift keine Düsseldorfer Fouls, das heißt, gegen Mitte der zweiten Halbzeit tut er’s dann doch. Keine Tore. Elfmeterschießen. Und da zeigt Gräfe, dass er über das Limit schon hinaus ist. Zweiter Dortmunder Elfmeter, Kuba (Blaszczykowski) verwandelt, Gräfe erkennt das Tor nicht an (stand der Torwart zu weit vor der Linie?), Kuba muss wiederholen, verwandelt abermals. Lambertz für Düsseldorf. Hoch übers Tor. Gräfe lässt wiederholen. Vermutlich fühlte sich der Schütze durch die Präsenz des Torwarts gestört. Weidenfeller und Kehl protestieren, Gräfe zeigt ihnen gelb. Beim zweiten Versuch verwandelt Lambertz. Aber auch der nächste Dortmunder verwandelt, und dann hält Weidenfeller, der nach einigen  guten Aktionen im Spiel überaus zuversichtlich wirkt, den Elfer von Bröker. Rösler verwandelt als fünfter Düsseldorfer, jetzt kommt es auf Perisic an, Ratajczak ahnt die Ecke, kommt aber nicht mehr an den Ball, Dortmund ist in der nächsten Runde. Gräfe wirkt irgendwie unvollendet. Oder ging es ihm nur darum, Hauptdarsteller des Spektakels zu sein? Ich meine, wer lässt heutzutage beim Elfmeterschießen noch einen Strafstoß wiederholen! Da gibt es so viele Unkorrektheiten, man würde nie ans Ende kommen. Und wenn der Tormann vor der Linie steht, dann moniere ich das vorher! Es gibt ihn einfach, den zu späten Zeitpunkt. Wenn ich das nicht wahrhaben will, sehe ich aus wie Don Quijote. 


 


Mit ... teilen: 



Artikel empfehlen
Mein fremder Freund: Ob der Islam zu Deutschland gehört, steht dahin. Sicher jedoch ist, dass jeder von uns einen Menschen kennt und mag, der einer fremden Kultur entstammt. Anlass genug, ihn in einer kleinen Portraitfolge aus dem ominösen Migrationshintergrund treten zu lassen, eh ihn Sarrazin abschafft. Ein ähnliches Ziel haben sich die Fotografen Wim Woeber und Ralph Wentz vorgenommen, der Porträts aus der Kölner Keupstraße wir im Rahmen unserer Serie zeigen.


NEU

Streit
12.10.2016

Leidenschaften
11.01.2017
Der Volltreffer von Eppendorf
Liebeserklärung an eine Kneipe
Von Michael Schophaus (Text) und Frank Dietz (Fotos)

Die Reportage
06.08.2014

Die Stadt und ich
01.03.2014

Wiese und Weltall
12.12.2014

Bel Etage
14.04.2015

KrossMedia
12.01.2015