Orange ist der Lärm
Von Selbstreinigung kann in Berlin leider keine Rede sein
Orange ist in Berlin die Farbe des Lärms. Denn Orange ist Kluft der Berliner Stadtreinigung. Die Stadtreinigung hieß früher einfach Müllabfuhr und hatte ein schlechtes Image. Wenn man überhaupt nichts zustande brachte, konnte man gerade noch Müllkutscher werden, wurde einem vorgehalten. Es wurde unterstellt, dass ein Müllmann stank. Abfall, Reste, Schutt, verdorbene Lebensmittel verbreiteten Gerüche, die sich in die Kleider und Poren der Müllmänner saugten und dort irreversibel verblieben.
Heute ist die Berliner Stadtreinigung (BSR) ein modernes Unternehmen und sorgt sich um ihr Image. Sie sponsert etwa den beliebten Fußballclub Union. Wat noch? Angeblich waren Müllmänner früher faul, deshalb zeigt die BSR heute gerne an, wie fleißig ihre fleißigen Mitarbeiter sind. Das tut sie unter anderem, indem sie von diesen Mitarbeitern verlangt, dass die bei ihren Verrichtungen recht viel Lärm erzeugen, so dass jeder mitbekommt, wenn sie was tun. Sie gibt ihnen dazu die entsprechenden technischen Geräte in die Hand. Geräte, die mit viel Lärmaufwand kleine Ergebnisse erzielen. Denken wir an die dröhnenden Müllautos, denken wir an die höllischen Blasebälge, mit denen Blätter und Dreck zusammengewirbelt werden und hinterher liegt immer noch viel herum. Es gibt erhabene Augenblicke, wenn sechs bis acht orangene Stadtreiniger den Dreck in breiter Front und fast militärischer Formation angreifen. Was dabei herauskommt, ist wiederum Höllenlärm und großes Aufsehen; Sauberkeit folgt unter ferner liefen. Das kann man den Stadtreinigern nicht anlasten. Jeder weiß, dass die Großstadt und der Dreck Brüder sind, dagegen kann man nur scheinbar etwas tun, auch wenn wir pünktlich und diszipliniert unsere Gebühren zahlen.
Deshalb also hat für uns in Berlin der Lärm die Farbe Orange.
Ein anderes Problem ist die Überqualifizierung der BSR-Männer jedenfalls in Ostberlin. Da sind nun evaluierte Wissenschaftler und beschäftigungslose Ingenieure, vielleicht auch Künstler, jedenfalls Schöngeister angeschwemmt worden. Sie können keine Mülltonne anfassen, ohne nachzuschauen, ob da nicht irgendwelche Kulturgüter reingeworfen wurden. So konnte ich einen Müllmann beobachten, der in aller Ruhe einen Stapel LP’s durchsah, die in der Tonne gelandet waren, man konnte seinem Gesicht ansehen, welche Musik er da in der Hand hielt, während das Müllauto lärmte und die Straße versperrte.
Ich habe übrigens noch nie gehört, dass einmal eine Frau im Namen der Gleichberechtigung verlangt hätte, die Reihen der BSR seien auch den fleißigen und begabten Frauen zu öffnen. Sie wollen leiten, sie wollen boxen, sie wollen schießen und kommandieren. Vor der Straßenreinigung versagt ihr ambitioniertes Gemüt. Aber das scheint noch einmal ein ganz anderes Problem zu sein.




