Turgenjew

Was der russische Dichter uns erzählen könnte

Von Fritz-Jochen Kopka

Ein Ort für Duelle

11. Januar 2012

An Turgenjew ist schon mal bemerkenswert, dass er die gleichen Lebensdaten wie – hättet ihr’s gewusst? – Karl Marx hat. 1818 bis 1883. Das sagt noch nichts aus, aber bemerkenswert ist es schon. Wie andere russische Literaten, von Leo Tolstoi abgesehen, trieb er sich häufig in Westeuropa rum, Frankreich, Deutschland, seine Prosa ist gespickt mit französischen Zitaten. Ich suchte zur Abwechslung ein dünnes Buch und las „Väter und Söhne”. Das war die dörfliche Welt der Gutsbesitzer auf der einen und der einsame Kosmos der Aufrührer auf der anderen Seite. Jewgeni Basarow, Nihilist, weil er das alte System komplett verneint und nur die exakte Wissenschaft gelten lässt, träumt von einer neuen gerechten Welt, findet aber nur halbherzige Anhänger. Am Ende liegt Basarow auf dem Sterbebett: „Ich bin unter die Räder gekommen…”, sagt er der Frau, die er – vielleicht – liebte. „Ich hatte ganz recht, mir keine Gedanken über meine Zukunft zu machen.”

Turgenjew hat, wie man so sagt, eine Entwicklung zurückgelegt, vom Anhänger der deutschen spekulativen Philosophie und Romantiker zum führenden Vertreter der „natürlichen Schule”, zum kritischen Realisten, der einen offenen Sinn für die Rasnotschinzen hatte, die Bewegung von Kindern niederer Beamter und Geistlicher, einfacher Handwerker, Bauern und Kaufleute, die die Verhältnisse ändern wollten. Aber das ist nicht das Anziehende, wenn man seine Texte liest. Man stellt vielmehr verwundert fest, wie wenig überholt seine Sätze sind, auch wenn da niemals von Handys, TV und Audio, PKW und von Flugzeugen die Rede sein kann. Die Substanz des Lebens, wird man inne, liegt in anderen Erscheinungen beschlossen und ändert sich über die Jahrhunderte nur wenig, wie gut oder schlecht man das auch finden mag. 

Nach „Väter und Söhne” habe ich Turgenjew aus den Augen verloren. Dann kam ich auf das „Tagebuch eines überflüssigen Menschen”. In dieser Erzählung schuf Turgenjew einen Prototyp nicht nur der russischen Literatur. Das Bewusstsein bestimmt das Sein. Tschulkaturin ist ein überflüssiger Mensch, weil er selbst sich als überflüssig empfindet. Er hat nichts, was ihn antreibt, keine Aufgabe, keinen Freund, und wenn er sich verliebt, verhält er sich geradezu grotesk. So wie es auch von anderen Antihelden Turgenjews heißt: „… mit fast vierzig Jahren war er noch jung und unerfahren wie Kind”.

Turgenjews Personal sind Gutsbesitzer, Fürsten, Gräfinnen, Bäckerwitwen, Waisenkinder, Leutnants und Garnisonskommandanten, Studenten, Bauern, Diener, deutsche Hauslehrer und Stubenmädchen. Diese Leute sind notorische Satzabbrecher, niemals kommen sie so weit, das auszusprechen, was sie eigentlich sagen wollen. Turgenjew ist schon der Beginn des absurden Theaters. Keiner versteht keinen. Über einen Garnisonskommandanten schreibt Turgenjew in der Erzählung „Petuschkow”: Sein Temperament wies alle der Wissenschaft bekannten Spielarten auf: Morgens, vor dem Branntweingenuss, war er Melancholiker, mittags Choleriker und am Abend Phlegmatiker, das heißt, dann schnaufte und brummte er nur noch, bis man ihn zu Bett brachte.

Der arme, zudem liebeskranke Oberleutnant Petuschkow erscheint vor ihm ausgerechnet in der cholerischen Periode: „Ihnen werd ich’s zeigen, aber gehörig”, knurrt der Kommandant. „Ihre Sorte hab ich schon lange auf dem Korn, jawohl… Räsonieren gibt’s bei mir nicht. Das kann ich auf den Tod nicht leiden.”

Es gab in Russland noch die Leibeigenschaft und das Duell. Ein Gut von 300 Seelen – das war nicht besonders viel. Ein Duell ergab sich aus nichtigsten Anlässen, verletzte Ehre ist schon zuviel gesagt. „Möchten Sie sich vielleicht mit mir schlagen?” „Das ist Ihre Angelegenheit.” „Ich werde mich gezwungen sehen, Sie zu fordern.”

Bei Turgenjew endet es, anders als bei Puschkin, in der Regel nicht mit dem Tod, sondern mit irgendeiner Peinlichkeit.

Ich stelle mir vor, wie Chefredakteur Diekmann dem Bundespräsidenten Wulff die Frage stellt: „Möchten Sie sich vielleicht mit mir schlagen?”, und wie Bundespräsident Wulff hochmütig antwortet: „Das ist Ihre Angelegenheit”, so dass Chefredakteur Diekmann mit den Worten „Ich werde mich gezwungen sehen, Sie zu fordern”, den Dialog vorläufig beendet.

Am Tag des Duells könnte der Chefredakteur Diekmann wie bei Turgenjew sagen: „Sie nehmen Ihre Worte noch immer nicht zurück?” Der Bundespräsident würde nur eine verächtliche Handbewegung machen und dann erzählen: Wir begannen aufeinander zuzugehen. Ich hob meine Pistole und zielte auf die Brust meines Feindes – in diesem Augenblick war er wirklich mein Feind – , doch plötzlich riss ich die Mündung hoch, als hätte jemand von unten gegen meinen Ellbogen gestoßen, und drückte ab. Der Chefredakteur wankte ein wenig und fuhr sich mit der linken Hand an die linke Schläfe – Blut quoll unter seinem weißen Wildlederhandschuh hervor und floss ihm über die Wange.

„Es ist nichts weiter”, sagte der Chefredakteur und nahm die durchschossene Mütze ab. „Da es nicht in den Kopf gegangen ist, wird es nur eine Schramme sein.”

Nun könnte der Bundespräsident fortsetzen:

Ich wollte schon protestieren, wollte verlangen, dass er auf mich schieße; aber da kam er bereits auf mich zu und reichte mir die Hand:

„Jetzt ist alles zwischen uns vergessen, nicht wahr?”, sagte er in freundlichem Ton.

Ich blickte in sein bleiches Gesicht, auf das blutgetränkte Tuch, und völlig fassungslos, beschämt und vernichtet, drückte ich ihm herzhaft die Hand… 

Soweit der Bundespräsident, wenn Turgenjew sein Redenschreiber hätte sein können.

Oh ja, das Duell war eine barbarische Sitte. Aber ein gewisses Format hatte das alles dennoch. 

6. Januar 2012

„Silvester, acht Uhr morgens. Noch sechzehn Stunden, dann war wieder ein beschissenes Jahr vorbei, beschissen wie das ganze letzte Jahrzehnt.” Das ist der erste Satz aus Louis Begley’s neuem Buch, dem dritten Schmidt-Roman „Schmidts Einsicht”, original „Schmidts Steps Back”. Warum beschimpft ein wohlsituierter Pensionär das vergangene Jahrzehnt? Das weiß ich nicht, und ich will es auch nicht wissen. (Kennt ihr das? Was ist der Unterschied zwischen Unwissenheit und Ignoranz? Eben der Satz: Das weiß ich nicht, und das will ich auch nicht wissen.) Nein, es ist wohl eine Laune bei Albert Schmidt. Das Alter bringt keine Sorgen (außer gesundheitlichen), aber auch keine Freuden mehr. Oder doch. Über Obamas Amtsantritt hat er sich gefreut: „Seine Zuneigung für diesen außergewöhnlichen jungen Menschen ging weit über die Treue zu einer Partei hinaus…, seine Liebe für Obama … war Teil seiner Liebe zu seinem Land.”

Ich habe die ersten Schmidt-Romane mit Empathie und unverbrüchlichem Interesse gelesen. Dann gab’s ja auch den Film mit Jack Nicholson als Schmidt, der sich weit vom Buch entfernte, aber doch gut war, bitter und amüsant. Nun sagen die Kritiker, dass Begley nichts mehr zu erzählen habe, dass er schwafele usw, dieses Kritiker-Zeugs eben.

Das glaube ich nicht, und ich will es auch nicht glauben. 

 


 


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