Ungewohnte Leichtigkeiten

Es geht wieder mal um Fußball, aber auch um Handball, Filme, Kneipen und Untergänge

Von Fritz-Jochen Kopka

Copyright: Fritz-Jochen Kopka

Heute keen Bier inner Bären-Schänke, für Herbi nich und für keenen andern ooch nich

23. Januar ’12

Einen schönen Freitagabend schenkt uns unvermutet die Gladbacher Borussia. Was ist eigentlich passiert, dass der FC Bayern schon wieder wie der neue Meister gehandelt wird (Schlagzeile: „Bayern wird Meister – wer sonst?” Oder Philipp Lahm: Wir können uns nur selbst schlagen.) Es ist nur passiert, dass die Bayern eine extra gute Vorbereitung absolviert haben, die beste, wie der Trainer findet, und dass man wieder mal manisch glaubt, Manuel Neuer sei der beste Torwart der Welt, und Bastian Schweinsteiger, wenn’s danach geht, wahrscheinlich auch der beste defensive Mittelfeldspieler der Welt, nach seinem Schlüsselbeinbruch wieder einsatzfähig ist. Uns freute nicht, dass die scheinbar unbesiegbaren Bayern gegen Borussia Mönchengladbach verloren (jedenfalls nicht in erster Linie). Wir hatten unser Vergnügen daran, dass die Elf so leicht und locker, so passsicher und so einfallsreich spielte und weit entfernt war von dem Angsthasenfußball, mit dem sich etwa Bayer Leverkusen den Bayern näherte. Und daran, dass die Borussen die Chance, sowie sie sich ergab, gedankenschnell nutzten. Dass sie den Torwart attackierten, und als dieser, eben Manuel Neuer, in seiner Hybris und dem Bestreben, den modernen, mitspielenden Torwart darzustellen, den Ball Marco Reus in die Füße spielte, dass Reus also den Ball sofort kontrollierte und aus 30 Metern gedankenschnell abzog, ins rechte untere Eck. Dazu kamen noch zwei geniale Spielzüge, die der junge Patrick Hermann, mager wie ein Hering, eiskalt abschloss.

Und nun ist es, und das freut uns auch, wieder ganz eng an der Tabellenspitze.

20. Januar ’12

Der Regen, das ewigen Tröpfeln, das Licht zum Weltuntergang. Ich repariere mein Fahrrad, entkalke gleichzeitig Espressomaschine und Wassertopf. Abends Handball. Als ich einschalte, führt Deutschland schon 5:2 gegen Schweden, was, wie man weiß, gar nichts bedeuten muss. Die Schweden machen zu jeder Zeit einen ungebrochenen Eindruck, das, was uns in der Regel fehlt. Heinevetter wieder im Tor. Hens wieder draußen. Er ist der Unglücksrabe vom Dienst, man fühlt sich als Zuschauer gleich sicherer, wenn er nicht dabei ist. Ein paar athletische Aktionen von Kaufmann, aber die Tore wirft Gensheimer, obwohl er dreimal nacheinander von der Außenposition aus am schwedischen Tormann scheitert. Dafür verwandelt er die Siebenmeter und die zweiten Bälle, die Abpraller. Das heißt, die Jungs sind hellwach, auch in der Abwehr, die dieses Mal glänzend eingestellt ist und von Heinevetter, der schließlich über sich hinauswächst, viel Rückhalt bekommt. Am Ende ein 29:24 ohne ein deutsches Kreisläufertor. Wer hätte das gedacht! Höchstens der, der weiß, dass ein Sieg in jeder Lebenslage hilft. Das knappe und glückliche 24:23 gegen Mazedonien, das niemalige Aufgeben, der Rückstand, der nie größer als zwei Tore war und das Glück am Ende – das kann der Durchbruch gewesen sein. Man muss auch ein Wort zum Trainer sagen, Martin Heuberger, früher erfolgreich als Nachwuchsauswahltrainer, dann Assistent von Heiner Brand, so dass man ihm in dessen Fahrwasser einen Neuanfang eigentlich nicht zutraute und recht zu bekommen schien. Nun ist er plötzlich ein ganz anderer Typ zwischen Anspannung und Entspannung.

Wir legen eine DVD aus der schön gestalteten französischen Pierre-Etaix-Kassette ein, „Yoyo” . Die Trübsal des reichen Mannes und das Glück des Clowns in einer Gestalt. Es wird kaum geredet, kein Lärm, kaum ein Geräusch, nur das Quietschen der Türen im Schloss des reichen Mannes und das Zwitschern der Vögel. Filme, wie es sie sonst kaum gibt, schwarzweiß natürlich, schöne Bilder. Eine ganz eigene Poesie bei der Interpretation europäischer Geschichte seit 1925. Pierre Etaix fing an als Gagschreiber und Zeichner bei Jacques Tati. In Tatis „Mein Onkel” meint man, seine Handschrift gelegentlich zu spüren. Mitte der sechziger Jahre habe ich Etaix’ Film „Auf Freiersfüßen” („Le Soupirant”) gesehen und ihn seitdem nicht vergessen. Er war, wie immer, Regisseur und Hauptdarsteller. Ein Clown, der nicht lacht. Das hatte er von Buster Keaton gelernt. Es fiel ihm leicht, ernst zu sein, sagt Etaix nun als alter Herr, ich musste mich so auf Dinge, die ich als Darsteller tat, konzentrieren, dass ich gar nicht lachen konnte.

Ich stehe Friedrichstraße/Ecke Oranienburger und fotografiere das Haus auf der anderen Straßenseite, in dem sich die Bären-Schänke befand, in Moment ist da nichts, nur noch die alte Aufschrift „Deutsche Küche” zu sehen. Da ergibt sich nun die Frage, ob die Bären-Schänke zurückkommt oder ob sie endgültig vernichtet ist, das traditionsreiche Etablissement, das ich schon wäre des Deutschlandtreffens 1964 aufgesucht habe. Sie war kein besonders eindrucksvolles Lokal, das gewiss nicht, aber man konnte hier berlinische Gestalten beobachten, wie sie Dart spielten, sich über die Absahner im Bundestag mokierten (das hatten sie aus der Boulevardpresse) und ihr Bier, kaum war es getrunken, zur Toilette trugen. Der Mann am Tresen beklagte sich über die seiner Meinung nach zu hohe Luftfeuchtigkeit und die Wirtin hatte das untrügliche Gefühl, dass der neue Hausbesitzer sie nun wohl endgültig vertreiben werde. Von den Alten bin ich noch die einzigste hier in der Straße, formulierte sie berlinisch korrekt.

Ich erlaube mir, mich zu zitieren mit Eintragungen früherer Bären-Schänke-Besuche:

Wir setzen uns an den Tresen mit der abgeschabten Lasur. Zwei Bierchen, fragt ein blonder Büfettier mit nicht unbedingt leichter Zunge. Was haben Sie für Bier?, fragt der Franke. Berliner Pilsner, wie es hier steht, sagt er und zeigt auf die Reklame in seinem Rücken, auf der „Wernesgrüner Pilsner” steht. Er beginnt ein 0,3 l-Glas zu füllen, die Kellnerin nimmt ihm das Glas aus der Hand, drängt ihn beiseite und zapft zwei Halblitergläser. Es geht auf halb zehn und alle haben Artikulationsschwierigkeiten.

Dieses Endstück der Friedrichstraße ist mit Unglück gesegnet. Bauarbeiten seit der Wende, nie abgeschlossen, immer wieder neu, mit jedem Besitzer neue Projekte, das gescheiterte Kino Scala, die gescheiterte Szenekneipe 112, verrammelte Läden, das Thai-Restaurant, das durch einen Chinesen ersetzt wird, der Italiener, der ein Türke ist, der bunte Riss, die Leerstelle, wo früher das große Passagenkaufhaus stand, das die Friedrichstraße mit der Oranienburger verband, in der nun noch ein Rest steht, das Kunsthaus Tacheles, weltberühmt und verrufen. Auch in der Bären-Schänke wird gebaut, der Toilettentrakt ist mit Baufolie verhängt, als Ersatz dient ein Bauarbeiter-WC auf dem Hof.

Neben mir sitzt Herbert, ein dünner alter Mann mit militarygrünem Basecap, Popelinejeans und Sandalen ohne Strümpfe, wie es sich schickt. Herbert muss pro Bier zweimal den Barhocker verlassen und um die Ecke gehen, über den Hof. Na, Herbi, nimmste noch eens?, fragt der Wirt aufmunternd.  Jaha, sagt Herbi geistesabwesend. Mit Sicherheit, wa, sagt der Wirt, wir sind ja nich inner Wärmehalle. Was is’n mit Herbi heute los, fragt die Wirtin, der sagt ja nischt. Jetzt schweigt Herbert erst recht.

Die meiste Zeit, sagt der Wirt, ist der Mensch uff Arbeit, noch mehr wie im Bett. Deshalb soll er sich’s so angenehm wie möglich machen. Wennse noch’n Drink wollen, sagense rechtzeitig bescheid, Sir.

Das war vor fünf Jahren. Der Verdrängungskampf, neu gegen alt, reich gegen nicht so reich, steht vor der Vollendung.


 


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