Unter Geistern

Wir genießen unsere Realitätsverluste

Von Fritz-Jochen Kopka

Geisterrasen und nicht mehr viel Luft im Ball

19. Dezember ’11

Im Dezember kam der November, es kam das Geisterspiel, das zweite in der Geschichte des deutschen Profifußballs, und es kam die Geisterdiskussion um den Privatkredit des Bundespräsidenten. Natürlich musste das Geisterspiel ausgerechnet meinen Verein betreffen, Hansa Rostock, den man sich nicht aussuchen kann, genauso wenig wie man sich seine Familie und seine Feinde aussuchen kann. Aus dem Rostocker Block war vor Wochen Pyrotechnik auf den Block der St. Paulianer geschossen worden, wenn die auch angefangen hatten zu zündeln, und der Deutsche Fußballbund weiß Hansa Rostock mit Sicherheit an der empfindlichsten Stelle zu treffen. Ein Geisterspiel bedeutet in diesem Fall einen Einnahmeverlust von schätzungsweise 500 000 €, und Hansa ist ohnehin hochverschuldet. Warum auch immer. Es gibt im Nordosten keine potenten Sponsoren. Außerdem betraf das Urteil des DFB ausgerechnet das traditionsreiche Derby gegen Dynamo Dresden. Da die Not groß, wenn nicht am größten, war, wurde der Verein endlich erfinderisch und verkaufte den treuen Fans symbolische Eintrittskarten für fünf, zehn, 15 oder 19,65 €. Auch T-Shirts mit der Aufschrift „Sportsgeist statt Geisterspiel” gingen gut über’n Ladentisch. Wolfgang Wolf, Hansas neuer Trainer, war, seltsam genug, auch am ersten Geisterspiel beteiligt, 2004 war das, Aachen gegen Nürnberg. „Auf dem Platz wird Totenstille sein”, sagte er vor dem Spiel. „Man hört jedes Wort und versteht jedes Kommando. Es wird eine gespenstische Atmosphäre herrschen.”

Mag sein. Andrea fand die Amateurreporterstimmen aus dem Fanradio, Arvid und Helmar, sofort kurios, begeisterte Fischköppe eben. Ich hatte etwas zu spät eingeschaltet, spürte aber sofort, dass die Reporter sich aalten wie am Ostseestrand. Das chronisch offensivschwache Hansa-Team hatte bereits in der ersten Minute getroffen. Der immer eifrige, meist glücklose Marcel Schied war’s. Kurz vor dem Halbzeitpfiff Elfmeter für Dresden, ein mehr als fragwürdiger Strafstoß. Tor. „So ein Mist aber auch”, klagen Arvid und Helmar. Wenn ich es richtig mitkriege, reportiert Helmar, und Arvid, mit einem höheren Sinn für Glücksfälle und Verhängnisse ausgestattet, schreit. Er schreit, als könne er 20 000 Fans ersetzen. Bitte moderier das 2:1, bittet er. Und da fällt es auch. Das war Marek Mintal, schreit Arvid. Das Phantom!!! Hansa könnte auf einem Nichtabstiegsplatz überwintern. In der 83. Minute fliegt der Rostocker Wiemann mit gelbrot vom Platz. In der 3. Minute der Nachspielzeit fällt der Ausgleich für Dresden. Helmar und Arvid sind mausetot und kriegen kein Wort mehr raus. Der Trainer beglückwünscht den Gegner mal nicht zum Unentschieden, und er hat heute bei seiner Mannschaft mehr Positives als Negatives gesehen.

Der DFB, um das noch zu sagen, straft gern. Ich höre Dr. Theo Zwanziger geradezu sagen: Straße muss sein. Aber wen straft man mit der Wirklichkeitsflucht eines Geisterspiels? Den Verein, der nicht mehr weiß, wie er sich wehren soll, und die echte Fans. Die Chaoten und Provokateure fühlen sich dagegen bestätigt. Warum ist es unmöglich, die zu ermitteln? Haben wir nicht eine Polizei? Gibt es nicht V-Leute und verdeckte Ermittler? Ich weiß nur, dass die Provokateure einen Verein ruinieren können.  

Und dann die Geisterdiskussion um Christian Wulff und seinen Kredit. Nach einer Woche kann ich es nicht mehr hören. Die mediale Gesellschaft will nun die ganze Wahrheit wissen, die Opposition erst recht (Wer ist eigentlich die Opposition beim überparteilichen Bundespräsidenten?). Der „Spiegel” bringt die Schlagzeile „Der falsche Präsident”. Na klar, sie brauchen eine Titelgeschichte. Ich halte das Amt des Bundespräsidenten für überschätzt. Ich halte auch dieses Vergehen für überschätzt. Man kann nicht endlos darüber reden, ohne zu offenbaren, dass man eigentlich nichts zu sagen hat. „Es braucht schon Kraft, Substanz und Mut, wenn einer sich nicht bloß mit Händeschütteln, Ordenandiebrustheften und Roteteppichebeschreiten zufrieden geben will. Christian Wulff hat sich die Rolle der Unschuld vom Lande ausgesucht”, schreibt Claudius Seidl in der FAS. Nicht schlecht gesagt. Ich denke nur, er hat sich die Rolle nicht ausgesucht. Er kann nicht anders. Wenn auch Berthold Kohler in der FAZ, absurd genug, meint, das Staatsoberhaupt könnte selbst für eine bunte Republik zu bunt sein, wirkt Wulff doch bieder und brav, kein Impulsgeber, kein inspirierender Redner, und das haben wir alle schon vorher gewusst. Vielleicht passt er ja zu uns. 

16. Dezember ’11

Das beste, was das deutsche Fernsehen für mich zu bieten hat, ist die Reihe „Unter Verdacht”, von Arte ausgestrahlt, zuletzt „Persönliche Sicherheiten”.  Senta Berger ermittelt als Kriminalrätin Dr. Eva Prohacek mit ihrem Kollegen Hauptkommissar André Langner Korruptionsfälle im Polizeiapparat (da gibt’s alarmierend viel zu tun) und wird dabei von ihrem Vorgesetzten Dr. Claus Reiter ausgebremst und gedeckelt. Dieses Trio, Senta Berger eben, Rudolf Krause als Langner und Gerd Anthoff, der Dr. Reiter, ist einzigartig. Die asthmatische, vom Schicksal unverschonte Kriminalrätin, der skurrile, schüchterne, aber zähe Hauptkommissar und der aasige Chef, der sich zu gern bis in die Spitzen der Gesellschaft vernetzen möchte und es doch nie so ganz schafft – dieses Spannungsdreieck wird hoffentlich, solange wir leben, nie auserzählt sein. Allein, wie sich Prohacek und Reiter mit „Eva” und „Claus” anreden, obwohl sie sich ungeheuer nerven, könnte einen gelegentlich schon aus dem Sessel reißen, diese indirekten Attacken und Abwehrmannöver. Spannend und relevant sind die Filme natürlich auch. 


 


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Mein fremder Freund: Ob der Islam zu Deutschland gehört, steht dahin. Sicher jedoch ist, dass jeder von uns einen Menschen kennt und mag, der einer fremden Kultur entstammt. Anlass genug, ihn in einer kleinen Portraitfolge aus dem ominösen Migrationshintergrund treten zu lassen, eh ihn Sarrazin abschafft. Ein ähnliches Ziel haben sich die Fotografen Wim Woeber und Ralph Wentz vorgenommen, der Porträts aus der Kölner Keupstraße wir im Rahmen unserer Serie zeigen.


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