Wie das Chaos kommt

… in der Sprechstunde, im Kochkurs und im Einkaufscenter

Von Fritz-Jochen Kopka

Copyright: Fritz-Jochen Kopka

Auf dem Weg nach Kreuzberg

12. Dezember 2011

Der FC Bayern tat sich schwer mit dem VfB Stuttgart. Da nutzte Schiedsrichter Manuel Gräfe die Gunst des Augenblicks und stellte den Stuttgarter Molinaro mit gelbrot vom Platz. Robben hatte zuvor zweimal in hoher Perfektion den stürzenden Greis gespielt und wurde vom Stuttgarter Publikum hinfort ausgepfiffen. Geschenkt. Sowas muss ein Spitzenfußballer eben auch können. Können, aber nicht unbedingt machen.

Ich erinnere mich an die unwiderstehliche Melancholie, mit der Georg Stefan Troller in den sechziger Jahren sein Pariser Journal moderierte. Und die Leute, die er zeigte, waren auch allesamt Helden der Melancholie. Troller ist jetzt neunzig geworden. Uwe Ebbinghaus befragte ihn für die FAZ. Troller sagt lauter gute Sachen, unter anderem diese: Ich zeigte Leben, Schicksale, Armut, Behinderungen. Jeder ist irgendwie angeschlagen und auch nicht immer sympathisch. Wenn der Zuschauer aber nach zehn, fünfzehn oder dreißig Minuten sagt: „Dieser Typ, den ich am Anfang nicht mochte, das bin ja ich!”, dann hat er was davon. Du bist im Geschäft, nach meinem Lieblingsausdruck. Passiert es nicht, bist du im Eimer, nach meinem anderen Lieblingsausdruck. 

10. Dezember 2011

Manchmal hat der Autor in seinen Siebzigern die immer lästiger werdenden Skrupel satt und sagt sich: Schreib’s doch einfach auf. Die anderen wissen es sowieso nicht besser als du.  

Im Forum Center Köpenick ertönten die weltberühmten schrillen Teenagerschreie. Was war los? Ein gewisser Fabian Buch, der im vergangenen Jahr eine Bilderbuchkarriere hingelegt haben soll, saß, umringt von Security, auf einer kleinen Bühne, eine Weihnachtsmannmütze auf dem Kopf. Hinter der Absperrung eine endlose Schlange geduldig wartender Teens. Beim Unplugged Auftritt des Shooting Stars die markerschütternden Schreie, beim Warten auf das Autogramm die unendliche Geduld; das geht ohne weiteres zusammen. 

Nach der Niederlage in Fürth, für die das Wort von der Sang- und Klanglosigkeit aber so was von zutrifft, brach das Schweigen aus sowohl beim FC Hansa als auch in den Medien. Was sollte man sagen über einen Trainer, der mit einer neu aufgebauten Mannschaft (vermutlich mit kleinen Gehältern) den sofortigen Aufstieg in die zweite Liga schaffte und der noch in der Vorwoche nach einem irrwitzigen Einbruch in der heimischen, sogenannten DKB-Arena gegen Union Berlin den Vorstand des Vereins mit einem 30-seitigen Erfolgskonzept überzeugte? Nein. Peter Vollmann verdient unseren Respekt. Er hat gut gearbeitet, er war hoch motiviert, aber wenn du erstmal in der Spur des Misserfolgs bist, gehen dir die Ideen aus. Peter Vollmann wurde wahrscheinlich die ihm eigene Eloquenz zum Verhängnis. Er schien nicht müde zu werden, nach jeder Niederlage den Gegner zum Sieg zu beglückwünschen, er wurde nicht müde, sein Turnlehrer-Image zu pflegen, nur der hintergründige Humor, der ihm in der dritten Liga durchaus zu eigen war, kam ihm abhanden. Niemand konnte damit rechnen, dass das schnelle, torgefährliche Mittelfeldtrio aus der Drittligasaison in der zweiten Liga nur noch Bettvorleger-Qualitäten offenbarte. Allerdings hatte Vollmann das Trio ohne jede Not von Anfang an und immer wieder auseinander gerissen. Lartey, Jänicke und Ziegenbein spürten das Vertrauen des Trainers nicht mehr. Die Harmlosigkeit der Hansa-Offensive wurde sprichwörtlich. Hansas Gegner brauchen keinen Torwart, sagte mir ein Freund schon vor Jahren mit einer nicht unverständlichen Verächtlichkeit. Daran hat sich in der dritten Liga mit Vollmann etwas geändert, aber mit dem Wiederaufstieg kam die groteske Offensivschwäche zurück. Vor Beginn der Saison raunten die Experten, dass Hansa keinen zweitligatauglichen Stürmer besitze. Dass Peter Vollmann ein sehr guter Dritt-, aber kein Zweitligatrainer sei. Das hat sich bewahrheitet. Jetzt steht die Frage: Wie mache ich aus vier halben Stürmern einen ganzen? Rein rechnerisch müssten sogar zwei drin sein. Und: Was schafft der Nachfolger, der alte Haudegen Wolfgang Wolf, der so gar nicht eloquent ist? Hat der die Ideen, die Vollmann nicht mehr hatte? Leicht vorstellbar ist das eben nicht. Und auch unter dem neuen Trainer schießt Hansa kein Tor. Und auch der neue Trainer beglückwünscht den Gegner turnlehrerhaft vorbildlich zum Sieg.

9. Dezember 2012

Im Waiting Floor des Urologen saßen zwei Halbtote und eine kampfeslustige Frau. Im Computer war ich für elf eingetragen, auf meiner Patientenkarte für 11.45 Uhr. Der Arzt und die Schwester schüttelten den Kopf. Irgendwoher muss das Chaos ja kommen. Meine Werte waren unbedenklich. Mit Ihnen müssen wir nichts weiter veranstalten, sagte der Arzt.

Und auch beim Kochkurs ist das Chaos. Auf dem Weg, im U-Bahnhof Jannowitzbrücke, verschaffe ich mir einen Überblick über die Graffiti. Ein Mann am anderen Ende des Bahnsteigs schreit hysterisch „Nutte”. Keine Antwort. Kein neuer Schrei. In der U-Bahn hält eine junge mandeläugige Türkin ihrem Begleiter einen hoch inspirierten philosophischen Vortrag. In der Buchhandlung des Aufbau-Hauses kaufe ich ein Paperback des Nobelpreisträgers. Tomas Tranströmer: Die Erinnerungen sehen mich. Keine achtzig Seiten. Das Buch hört mit folgenden Sätzen auf: Ich betrachte ja Horaz als Zeitgenossen. Er war wie René Char, Oskar Loerke oder Einar Malm. Es war so naiv, dass es schon sophisticated war.

Beim Kochkurs werden wir mit Sekt mit Rosellen (Hibiskusblüten) und Zimt-Sternanis-Sirup begrüßt, dann müssen wir in die Küche, und jetzt soll ich kochen, zusammen mit drei Ehepaaren und einigen Einzelkönnern. Die Kursleiterin heißt Sabine Hueck, ist Deutschbrasilianerin und sieht auch so aus. Wir bekommen den Menüplan und die Rezepte und sollen einfach loslegen. Das ist das Chaos. Kann doch nicht wahr sein, denke ich zwischen den heißen Herden, was soll denn das werden. Wollen Sie etwa hier den Knoblauch schneiden? Das ist sehr, sehr schlecht!, sagt einer der zeitweiligen Kollegen, verwundert über so viel Unverstand, er bereitet auf dem selben Brett die Apfeltaschen vor. Zum Glück sagt Sabine: Niemand kümmert sich um die Suppe. Wollt ihr die nicht machen? Fadia, eine junge exotische Frau, die mit ihrem schwäbischen Mann gekommen ist, und ich. Es soll eine Zitronengras-Kartoffelsuppe mit Fenchel-Makrelen-Tatar und Pumpernickel-Chips werden. Genug zu tun. In der Küche wie im Sportverein redet man sich mit du an. Das Chaos löst sich auf. Wir kochen mit guter Laune, ohne Ausnahme. Nach zweieinhalb Stunden fangen wir an, das auszulöffeln, was wir gekocht haben und bekommen wechselseitig Respekt. Sabine isst nichts. Es ist ihr dritter Kurs in dieser Woche. Weltküche mit regionalen Zutaten. Neidlos sage ich: Was sie uns zum Empfang aufgetischt hatte, Saibling Ceviche auf gegrillter Kartoffelschicht mit Koriander-Marinade, war unerreichbar gut. 

 

 

 

 


 


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