Berlin zu Wasser
Stenogramm einer Bootsfahrt in Berlin
„Berlin mal vom Wasser aus ...”, – so inspiriert verbrachten wir dieses Jahr unseren Sommerurlaub hier und ließen andere nach Ibiza reisen oder was die Sommerreisezielpalette sonst hergab. Luftboot – das sich wohlgemerkt erheblich von einem schnöden Schlauchboot unterscheidet – eingepackt und Anlegestelle gesucht, zu der man direkt mit dem Auto fahren kann, ohne sich die Füße nass oder gar schmutzig zu machen – Göttergatte wollte es so haben. Gesucht, gefunden, gleich bei der Schlossbrücke in Charlottenburg, dem Endpunkt der bleiernen Touristendampferrouten, die mehrsprachig und lärmend quer durch die Metropole führen. Vorsichtig Hundekot und Glasscherben ausweichend Boot ins Wasser gelassen, nicht ohne Sohnemann eine grellgiftigorangefarbene Schwimmweste überzustreifen. Wer wollte schon in dieser Brühe untergehen? Zur Begrüßung trieb eine tote Ratte vorbei, die so aufgedunsen war, dass sie wie ein von einem zornigen Kind ins Wasser geworfenes Plüschtier aussah. Wir erst mal gen Norden gepaddelt, vorbei am schnuckeligen Teehaus Belvedere und links ab, ging ganz von allein, schien es uns, da sog die Schleuse schon ganz ordentlich. Nur hatten wir unser Handy ausnahmsweise mal nicht mitgenommen und konnten den Schleusenwart nicht anrufen, wie es ausdrücklich empfohlen wurde, weshalb wir gegen den Strom verbotenerweise in den Nachbarkanal überwechselten. So verboten konnte das aber gar nicht sein – die Theorieprüfung für den Segelschein lag allerdings schon etliche Jahrzehnte zurück – denn der Wasserbulle schien sich nicht daran zu stören. Wir brüllten: "Wo geht’s hier zum Westhafen?" Er: „Immer an der Autobahn entlang!”
Ja, die war nicht zu überhören. Wir rechts rum – oder steuerbord, wie es in der Fachsprache auch für Sport- und Familienpaddler heißt – und immer zwischen Autobahn und Berlins Lagerhallen für sogenannte Konsumgüter wie Hundefutter, Elektromärkte und Teppiche mit Kurs auf BEHALA. Die Lettern waren weithin zu sehen. Die Strecke zog sich, wurde länger und zäher im lärmigen Niemandsland. Läge hier eine Leiche im Gebüsch, sie stänke wohl lange Zeit vor sich hin, bevor sie gefunden würde, wenn überhaupt. Idealer Tatort für rivalisierende Gangs, ideales Setting für Thriller, Kamera auf Westhafens Lagerhallen, wo Hehlerware gedealt wird, was mit Unmengen von Toten einhergeht. Der polnische Lastkahn liegt auch gleich vor Anker, die Wasserschutzpolizei – nun schon zum dritten Mal innerhalb einer halben Stunde – würde von alldem nichts mitbekommen. Und wir mittenmang, auf einmal umzingelt von Segeljachten, Motorbooten und einem überdimensionierten schwimmenden Krokodil, auf dem sonnenbrillenbeschirmte Touristen hockten.
Wo kamen die auf einmal her? So aus dem Nichts? „Kreuzfahrtschiffterminal“ stand auf einem blauen Schild am Kai. In Berlin? Weit und breit kein stromlininenförmiger mehrgeschossiger Luxusdampfer, dafür abermals Lagerhallen, Lagerhallen und Lagerhallen. Und Schrotthalden und hoch aufgetürmte Container mit fernwehstimulierenden Firmennamen. Hier und da ein Kreischen und Krächzen von einem zermalmten Autowrack, sonst tote Hose. Nix.
Flugs auf der Wasserkarte nachgesehen, die Schleuse Plötzensee hatte die Boote ausgespuckt. Ausgerechnet hier in maritimer Ödnis historische und aktuelle Strafjustiz. Aufs Schleusen hatten wir aber keine Lust, auf Geschichte auch nicht, so kehrten wir um, nahmen den Verbindungskanal Charlottenburg, streiften statt tropischer Schlangen verrottete Pet-Flaschen und wunderten uns. Wunderten uns über Berlin am Meer.




