Macht was aus euren Niederlagen

On the road: Halle/Saale und so weiter

Von Fritz-Jochen Kopka

Am Süßen See wird auch getraut

28. November ’11

Wir freuen uns an diesem Montag über eine enge Tabelle. Vorne die Borussias aus Dortmund und Gladbach, dahinter – immerhin noch auf einem Championsleague-Platz – die Münchner Bayern. Das klingt wie Hohn, denn für die Medien und die Bayern selbst stand der FCB seit Wochen als Meister fest. Woran liegt’s, dass man nach der Heimniederlage gegen Dortmund nun auch in Mainz, und zwar eindeutiger, als es das 2:3 aussagt, verlor? An der Verletzung Schweinsteigers? An der Rückkehr Robbens und der damit verbundenen Systemunsicherheit? Oder auch daran, dass man in München keine Einstellung zu einer Niederlage findet und sich somit seltsam unprofessionell verhält?

Der Meister habe zwar eine „sehr hohe Qualität”, sagte Toni Kroos, „aber sie haben lange nicht unsere Qualität… Natürlich waren die Dortmunder nicht so toll”. An solchen Sätzen spürt man, dass der Junge aus Greifswald ein Münchner Bayer geworden ist. Die hohe und hohle Tönung gehört mit zum Trainingsprogramm.

Mario Gomez fällt auch nicht mehr ein: „Jetzt wird so getan, als hätten die Dortmunder gegen uns ein Riesenspiel gemacht, das haben sie nicht. Sie haben gut verteidigt und mit Glück ein Tor gemacht.” Wenigstens Jupp, der alte Trainer-Fuchs, muss nicht das Glück bemühen. Er sah ein Ungleichgewicht der Beanspruchung. Fünf Münchner, aber kein Dortmunder war am Dienstag zuvor in der Startelf der Nationalmannschaft gestanden.„Das war ein klarer Nachteil.” Zwei Spiele in der Woche machen einen hochbezahlten Profi müde? Ja, liebe Freunde, kann ich da nur sagen, wenn ihr nach einer Niederlage die Gründe nur außerhalb eurer selbst sucht und euch nicht an der eigenen Nase zupft, dann ist die nächste Niederlage vorprogrammiert. Und so kam es dann auch.

Ich sah die Spiele auf einem Sofa in Halle. Am Vorabend waren wir im Opernhaus und sahen in Händels Geburtsstadt seine heute fast vergessene Oper „Ottone” . Eine Parallele zum Fußball stellte sich her. Nach der Pause hatten die Sänger (darunter zwei Counter-Tenöre) ihre Lockerheit gefunden und agierten voller Eleganz und Spielwitz. Wie schön, wenn wir den Fußball und die Kunst nicht ganz so ernst nehmen. Was auch auffiel: Die Heldenposen lagen den Künstlern nicht, dafür die spielerische Selbstironie. Und wieder wurden wir daran erinnert, welche wunderbaren Frauenduette Händel geschrieben hat.

Von Berlin nach Halle braucht man zweieinhalb Stunden von Tür zu Tür. Die Deutsche Bahn bietet neben dem Transport auch Verunsicherung, denn zwischen dem gelben Fahrplanaushang und der Wirklichkeit liegen immer mindestens fünf Minuten, ein bis zwei Gleise und variierende Zielorte. Wenn mancher Zug dann zwanzig Minuten früher fährt als ausgedruckt, erfasst die Verunsicherung auch die Servicekräfte der Bahn, so dass sie nur noch ausweichende Auskünfte geben. Unser Zug fuhr bis Köln. Viele Leute stiegen in Halle aus, auch eine kleine Gesellschaft eleganter Afrikaner, Vater, Mutter, Tochter (mit Pippi-Langstrumpf-Zöpfen), Freund und Freundin, die nach und nach Glück mit ihren Sitzplätzen hatten und sich ihren elektronischen Games widmeten.

Am Tag nach der Oper fuhren wir westlich in Richtung Eisleben, nahmen die Straße der Romanik, probierten den Wein des Weinguts Rolldorfer Mühle in einem archaischen Gewölbe, nahmen einen Weißen Burgunder und einen Aprikosengeist mit, hörten das Kreischen der Möwen am Süßen See und warfen einen Blick auf die gigantische Seeburger Schlossanlage, Paradies oder auch Falle für unerschrockene Investoren. In der Alchimistenklause in der Reilstraße in Halle war Weihnachten ausgebrochen, Weihnachten in XXL Lichterglanz, Schneerieseln und Weihnachtsmützen über allen Stuhllehnen. Der mit der Gabe des Schwarzen Humors gesegnete Kellner erzählte von der schneereichen Weihnacht des Vorjahrs, wo die reservierten Tische leer blieben, weil der städtische Verkehr zum Erliegen gekommen war. Er lachte und lachte neben der kleinen künstlichen Tanne, auf die der Schnee herunterrieselte, ein bisschen kitschig vielleicht, sagte er begeistert, aber Weihnachten ist eben so.

Wenn ich in Rechnung stelle, dass wir innerhalb eines ganzen und zweier halber Tage außerdem zwei Museen besuchten und ein Doppel an der Tischtennisplatte ausspielten, muss ich zugeben, dass wir bei Freunden zu Gast waren, die Hummeln im Arsch haben. Dennoch genoss es der Mann, dass es ihm auf Grund unseres Besuchs erstmals vergönnt war, zwei Stunden in aller Ruhe Sportschau zu sehen. Und auch das ist eben so.

24. November ’11

Wenn ein Theologieprofessor, wie gerade im Deutschlandradio geschehen, unentwegt von „Rilljohn”  redet, komme ich ins Grübeln. Das ist ja wohl ein deutlicher Hinweis darauf, wie Sinn entleert die Begriffe mittlerweile sind und wie schematisch sie verwendet werden. 

23. November ’11

Sibylle Lewitscharoff erhält den Heinrich-von-Kleist-Preis der Heinrich-von Kleist-Stiftung und bekennt in ihrer Preisträgerrede, dass sie große Schwierigkeiten hat, sich für Kleist zu begeistern und gleich auch noch, dass sie Berührungen eher vermittelt durch die düsteren Seiten ihres Charakters mit Kleist empfindet. Das Werk sieht sie als bösartige Geröllhalde, der Mann war abstoßend, knabenhaft kleinwüchsig, zur Dicklichkeit neigend. Wäre er schön gewesen, hätte er vermutlich gar nicht geschrieben. Sibylle Lewischaroff weiß, wovon sie spricht. Der Autor des Berichts in der FAZ, Hubert Spiegel, ist schwer irritiert und versucht, es der undankbaren Preisträgerin zu geben: „Die Fee trägt Schwarz, und in den Taschen ihres wie von einem Geisteshauch geblähten Gewandes hat sie immer etwas Süßes für die lieben Kleinen mitgebracht… Nachts sei sie überhaupt sehr beschäftigt, gestand die Preisträgerin und gewährte ihren Zuhörern Einblicke in die offenbar recht emsigen Tötungsphantasien, die sie als Schülerin und Studentin entwickelt habe… Die eigenen Gewaltphantasien bei anderen zu bekämpfen, das ist entweder Abwehrzauber oder schwarzer Puderzucker, kokett in die Welt hinausgeblasen.”

So irritiert ist Berichterstatter Spiegel, dass er ganz vergisst, den Laudator zu erwähnen, Martin Mosebach, eigentlich ein Liebling der FAZ. Der taucht nur auf einem briefmarkengroßen Bildchen auf, wie immer elegant gekleidet und streng frisiert. Sicher hat er doch einiges zur Rettung der Veranstaltung im Berliner Ensemble beigetragen.

Alles in allem empfinde ich das Eingeständnis einer Irritation und den schroffen Bericht als wohltuend und unserer Lage angemessen. Hinweg mit der triefenden Feierlichkeit.

Seit ein paar Tagen bin ich zurückgekehrt zu David Foster Wallace und „Unendlicher Spaß”. Ich will mir nicht zu viel versprechen, aber ich werde das Buch wahrscheinlich zu Ende lesen, noch 500 Seiten, nachdem ich auf Seite 900 angelangt bin. Eigentlich mag ich dicke Schwarten. Auf längere Zeit der speziellen Welt eines Romans anheim fallen. Aber Wallace tut nichts, um den Leser hineinzuziehen in seine Welt. Keine Spannungsbögen. Keine Dramaturgie, wie man sie kennt. Stattdessen Materialsammlungen. Dialoge, Beschreibungen. Reale und erfundene Krankheiten. Reale und erfundene Medikamente. Jeder Mensch ist ein Patient. Alles das in einer erfundenen Zeit nach unserer Zeit. Andererseits weiß und entnimmt man alten Büchern: Die Zeiten ändern sich nicht wirklich. Nur die Gegenstände, mit denen wir umgehen. Nur die Plakate. Nicht die Seelen.

 

 

 

 


 


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Mein fremder Freund: Ob der Islam zu Deutschland gehört, steht dahin. Sicher jedoch ist, dass jeder von uns einen Menschen kennt und mag, der einer fremden Kultur entstammt. Anlass genug, ihn in einer kleinen Portraitfolge aus dem ominösen Migrationshintergrund treten zu lassen, eh ihn Sarrazin abschafft. Ein ähnliches Ziel haben sich die Fotografen Wim Woeber und Ralph Wentz vorgenommen, der Porträts aus der Kölner Keupstraße wir im Rahmen unserer Serie zeigen.


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