Comeback der Kleingärtner

Ansichten einer schweigenden, aber handlungsfähigen Schicht

Von Fritz-Jochen Kopka

Natur und Kunst gehen Hand in Hand

Eene meene Mopel, sang man in Berlin. Heute kann man ergänzend fragen: wer fährt Opel? Leichte Frage. Die Kleingärtner sind’s. Jetzt kommen sie wieder in ihren Astra, Vectra und Corsa. Die letzten Monate hatten sie sich in ihren Wohnungen verschanzt oder in der Erde vergraben, um ihren Winterschlaf zu halten, ziemlich animalisch, würd ich sagen, jetzt sind sie wieder da: in der Regel wetterfest gekleidete ältere Ehepaare mit wetterfester Haut und wetterfesten Haaren. Den Parkplatz müssen die Kleingärtner Schrägstrich Laubenpieper erst noch suchen. Sie finden ihn auf dem schnellsten Wege. Darin sind sie genial. Oder der Gott der Parkplätze ist ihnen gnädig. Sie steigen triumphierend aus und knallen einige Dutzend Male die Autotüren. Es gibt in Deutschland den Mallorcarentner, besonders im TV, aber es gibt auch den Schollenrentner, besonders vor meinem Fenster. Ihm geht es wirklich gut. Er öffnet die Kofferklappe und lädt aus. Dann begibt er sich in seinen Kleingarten und entschwindet meinem Blick.

Sie sprechen nicht. Vom Schweigen der Pflanzen haben sie gelernt, den Mund zu halten. Jedes Wort könnte auf der anderen Seite Unverständnis oder Wut hervorrufen. Sie sagen höchstens mal so was wie: Haste die Säge mit? Und (Gegenfrage): Meinste den Fuchsschwanz? Und (Bestätigung): Ja. Und (Bestätigungsbestätigung): Ja. Alles klar unter diesen Pionieren einer minimalistischen Kommunikation.

Das Rentenalter ist gleichmacherisch. Brille, verlorene Zwänge und Termine, die Faltung der Haut erzeugt auf allen Gesichtern ähnliche Topographien. Der Kleingärtner hat sich seine Haltung durch das ewige Bücken und Herumkriechen auf dem Erdboden verdorben. Er hält es nicht für zweckmäßig, sich vollständig aufzurichten, er muss sich ja doch gleich wieder bücken, um eine Blume aufzurichten oder ein Unkraut zu jäten. So muten die Kleingärtner an  wie Politbüromitglieder. Gebeugt von der Rolle der Bedeutung und fokussiert auf das Übriggebliebene. Umgekehrt sahen die Politbüromitglieder wie Kleingärtner aus. Man erblickte da nie ein Outfit, das aus dem Rahmen fiel. Das Ununterscheidbare zieht uns hinan.

Jüngere Kleingärtner sind in der Minderzahl. Diese jüngeren Kleingärtner schleppen unentwegt Material und Lebensmittel heran. Sie träumen davon, Robinson zu sein. Alles wird ihnen zum Überlebensmittel. Der Kleingarten als Stützpunkt für alles daheim nicht mehr benötigte. Wenn die Großwelt unterzugehen droht, ziehen wir uns in die Kleinwelt zurück. Da ist etwa der Afroblonde mit der Schleuderhose. Trägt gern mal hochklappbare Sonnengläser auf der Brille und den Strohhut von Erich Honecker. Neben dem unsympathischen Kfz, in dem er sich gewalttätig herumwirft, fährt er zuweilen auf einem Damenfahrrad, das ihm öfter unter dem Hintern wegrutscht. Ich bin mir ziemlich sicher, dass er von Beruf Musiklehrer ist und gar nicht weiß, wie er sich am besten als Künstlertyp darstellen kann.

Zu den Nachwuchskleingärtnern zählt auch der aus Russland zugezogene Schriftsteller Wladimir Kaminer. Seine Frau hat sich für den Kleingarten stark gemacht, und Kaminer hat ein Buch darüber geschrieben („Mein Leben im Schrebergarten”). Ich war Zeuge, wie Fernsehleute einst eine Begehung des Spartenvorstands in Kaminers Garten filmten. Gerade noch hat Kaminer ironisch erzählt, dass seine Frau für ihren seelischen Ausgleich ständig Kummerobjekte wie etwa den Garten benötige, da erscheinen die Damen vom Vorstand und äußern ihr Missvergnügen am Zustand von Kaminers eigentlich ganz prächtiger Parzelle. Sie brauchen eine Weile, bis ihnen endlich das Wort einfällt, das ihr Unbehagen auf den Punkt bringt: Spontanvegetation. Spontanvegetation ist nicht gut angesehen in ehrgeizigen Kleingartensparten. Man darf die Natur nicht gewähren lassen. Nicht in einem Kleingarten. Man muss ihr gehörig die Leviten lesen.

All das gehört nun aber zur Außensicht des Kleingartenwesens. Zur Innensicht ist zu sagen, dass die Kleingärten „ein preisgünstiges Rückzugsgebiet aus städtischen Betonwüsten darstellen”. 40 Prozent der Vereine führen Wartelisten für hoffnungsvolle Bewerber. Von Berlin sagt die Statistik, dass es 70 000 Kleingärten hat und damit weltweit führend ist. Berlin ist also auch die Hauptstadt der Kleingärtner. Zur Innensicht gehört ferner, dass ein Typ wie ich alle halbe Jahre am Preisskat einer Kleingartensparte teilnimmt. Das ergibt sich über die Familie. Da sind die Rentner vielleicht nicht in der Minderheit, aber auch nicht dominant. Die Turniere sind blendend organisiert. So lange gespielt wird, trinkt keiner Bier, weil jeder wenn schon nicht gewinnen, so doch zumindest einer Blamage entgehen will. Zwei oder drei Frauen sind dabei und landen meistens im Mittelfeld. Der Sieger erhält einen üppigen Präsentkorb und gibt einen aus. Ich fühle mich unter diesen Kleingärtnern nicht unwohl. Sie arbeiten bei der Berliner Stadtreinigung oder bei der Bahn, sie sind witzig, streitbar und auf unaufdringliche Weise hilfsbereit. Sie verfügen über ein umfangreiches Spezialwissen, versinken übergangslos tief in Gedanken und haben einen Heidenrespekt vor ihren Frauen. Es ist einfacher und wohl auch billiger, Obst und Gemüse fertig im Handel zu kaufen, aber alle sind sich einig, dass die eigenen Tomaten eine ganz andere Säure haben. Und der selbst gezogene Mangold über jeden Zweifel erhaben ist. Was will man mehr. 


 


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Mein fremder Freund: Ob der Islam zu Deutschland gehört, steht dahin. Sicher jedoch ist, dass jeder von uns einen Menschen kennt und mag, der einer fremden Kultur entstammt. Anlass genug, ihn in einer kleinen Portraitfolge aus dem ominösen Migrationshintergrund treten zu lassen, eh ihn Sarrazin abschafft. Ein ähnliches Ziel haben sich die Fotografen Wim Woeber und Ralph Wentz vorgenommen, der Porträts aus der Kölner Keupstraße wir im Rahmen unserer Serie zeigen.


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