Das Leben der Löcher

Was tun, wenn nichts zu tun ist

Von Fritz-Jochen Kopka

Copryright: Andrea Doberenz

Urlaub ohne Nachbarn

Großstädter fahren im Urlaub aufs Dorf, logisch. Wir gehen seit sieben Jahren nach Vorpommern, immer an dieselbe Stelle, drei Kilometer hinter dem scheinbar harmlosen Schild „Ende der Ausbaustrecke”. Wo die Ausbaustrecke endet, mehren sich die Schlaglöcher  und das Feeling des Abenteuerurlaubs macht sich breit. Brettert man jetzt mit achtzig durch, in der Hoffnung, dass man in geringer Höhe über den Löchern schwebt, oder zirkelt man mit zwanzig an den Löchern vorbei, die sich übrigens nicht gleich bleiben, sie verändern ihre Tiefe und ihren Standort, es hat auch schon Aufschüttungen gegeben, aber die Löcher fraßen sich immer wieder durch. Schlaglöcher sind Lebewesen. Es klingt paradox, aber nicht alles Paradoxe ist unmöglich.

Dann sind wir da. Die Achsen hielten stand.

Das Dorf verfügt über zwei zentrale Einrichtungen: den Briefkasten und den Friedhof. Außerdem existiert ein Teich mit trägem grünen Wasser, an dessen Ufer ein Angler in gelbem Wetterzeug sitzt, er ist immer da, eine lebensgroße Puppe, die jemand dorthin gesetzt hat. Es existiert also noch Humor in diesem Dorf. Man kann den Job des  Angelns ruhig von Puppen erledigen lassen, man fängt ohnehin nichts, und trotzdem kommen die Angler frohgemut von den vorpommerschen Gewässern zurück, es geht ihnen um die philosophische Ruhe, die sie am Ufer genießen, nicht um Fangerfolge. So sagen sie.

Das Haus am Dorfrand ist eine Zusammenfügung. Früher standen da ein Haus und ein Stall, die Vorbesitzer haben beide Teile mit einander verbunden, der Stallteil ist nun der eindeutig großzügigere, modernere im Haus, hinter dem sich eine ebenerdige Terrasse befindet. Am Abend, wenn sich der Wind beruhigt hat, und du im Offenen sitzt, aber gleichzeitig von alten Obstbäumen und Büschen eingeschlossen bist, stellen sich unwillkürlich Glücksgefühle ein.

Es ist nichts los in diesem Dorf, gar nichts. Die Einwohner sitzen in ihren Kellern oder vor der Kiste. Auf der Dorfstraße sieht man sie nicht. Käme Gabriel Garcia Marquez hierher, könnte er „Hundert Jahre Unsichtbarkeit” schreiben. Von diesem oder jenem Haus munkelt man, dass da ein Künstler wohne, aber dann ist es eher ein Rahmenbauer. Es soll auch einen Bauingenieur geben, der sich ein zweites Standbein als Energiemediziner geschaffen hat. Neuerdings versucht er verstärkt, das eine Standbein mit dem anderen zu verbinden. Wenn es zum Beispiel Schimmel im Keller gibt, sagt er leise, ich weiß ja nicht, aber vielleicht stimmt auch etwas in Ihrer Beziehung nicht? Oder wenn ein Balken fault: Möglicherweise wirken böse Seelen im Keller?

Wir kennen einige Dörfer, in denen nichts los ist. Keine Kneipe, kein Laden, keine Post, Straßen und Plätze sind menschenleer, abgesehen von den Toten auf dem Friedhof. Wer hier wohnt weiß, wie es ist, von der Welt vergessen zu sein.

Das Klima ist rau und wechselhaft. Was ist jetzt plötzlich anders?, frage ich mich.  Ach so. Der Wind kommt von Westen und hat die Sträucher flachgelegt, man hat einen freien Blick auf die Landschaft. Wenn der Sturm sich legt, richten sich die Sträucher wieder auf, und der Blick ist unfrei.

Was ist hier interessant. Das fremde Haus, das andere Leute, wenn auch Freunde, nach ihren Vorstellungen eingerichtet haben, der fremde Garten, der damit zurecht kommen muss, dass diese Leute zwei Wohnsitze haben und alle Pflanzen die Woche über sich selbst behaupten müssen . In der Küche finden sich außer Curry keine asiatischen Gewürze. Der Hausherr, das weiß ich, ist stolz auf seinen schweren Mörser, und ich staune nicht schlecht über seine scharfen Messer.

Gewisse Blicke: Wir gehen übers Feld zum Friedhof und blicken über die Schulter zurück. Der Weg zum See bietet sich aus dieser Perspektive als Allee mit kleinen, extrem unterschiedlich gewachsenen Bäumen dar. Den sanften Bogen dieser kleinen Allee vergisst man nicht. 

Gibt’s neue Bücher außer denen, die wir selbst mitgebracht haben? Gibt’s. Max Frischs Entwürfe eines dritten Tagebuchs, herausgegeben von Peter von Matt, der im Netzzeitalter angekommen ist und behauptet, diese Notizen seien keine normale Eintragungen, sondern auf hochartifizielle Weise miteinander vernetzt, es lasse sich Stück für Stück eine Geschichte über das Altern herauslesen und eine über Amerika, eine über die Liebe, über die Freundschaft, über den wirklichen Ort zum Leben, über den Umgang mit dem Tod. Hochinteressante Feststellung, aber ist im Leben nicht sowieso alles mit allem vernetzt? Man kann echt keine einzige unvernetzte Zeile schreiben. Ich erinnere mich, wie Siegfried Unseld klagte, dass Frisch ihn schrecklich gequält habe, da er sich von ihm, seinem Verleger, vernachlässigt fühlte. Ich erinnere mich auch, wie Frischs Rivale und Freund Dürrenmatt sich über seine Frauengeschichten lustig machte, die immer nach dem gleichen Schema abliefen von ewiger Liebe bis zum abrupten Schluss. Hier nun ist es die Liebe des alten Mannes zu einer jungen Amerikanerin. Der Mann muss, dass es diese Geschichte überhaupt gibt, als unverdientes Glück empfinden und gibt sich demütiger als in früheren Liebesgeschichten. Mich bewegt, wie illusionslos Frisch mit seinem Alter umgeht, wie er registriert, was er noch kann, was er vor drei Jahren noch besser konnte und was er nicht mehr kann und was demnächst noch wesentlich schlechter sein wird. Er ist da sehr sachlich, kein Jammern, kein Klagen, und ehrlicher als zu früheren Zeiten, folglich auch ungerechter und aufgebrachter. Die Amerikaner erregen seinen Unwillen stärker als die Russen.

Wir fahren jeden Tag  mit dem Rad zum Waldsee, schauen, ob die Situation so ist, dass man sich aller Sachen entledigen kann (sie ist eigentlich immer so, quasi kein anderer da oder nur andere Nacktbader), schwimmen über den See und wieder zurück. Vom Schwimmen in Seen und Flüssen, nichts weiter zu sehen als Himmel, Bäume und Büsche. Das Wetter beschert uns zwei Strandtage. Die verbringen wir nicht weit von Lüttenort, wo sich der Maler Otto Niemeyer-Holstein, angefangen mit einem Eisenbahnwagen, einst eine eigene Welt aufbaute, eine Lebenswelt, die heute ein Museum ist. Der Einzelgänger und seine Frau. Kätpn und Stüermann. Am Steilufer steigen wir die futuristische Treppe hinunter. Die Leute liegen beziehungslos am Strand. Man hat ein Buch dabei, einen Ball oder eine Schippe. Der Sachsen bringen noch einen Windschutz und einen Gummihammer mit. Wer alleine ist, hat es nicht leicht. Er spaziert am Ufer entlang und hält Ausschau danach, ob nicht jemand Lust hat, sich in ihn zu verlieben. Meistens tut er dabei so, als sammele er Muscheln oder Bernsteine.

Man liegt hier besser als im so genannten Kaiserbad Bansin, wo es sehr voll ist und man Kurtaxe bezahlen muss. In Bansin hat man den Vorzug oder auch den Nachteil, dass man das Schlachtfeld betrachten kann, das der Krieg des Lebens hinterlassen hat. Wenn die Waffen schweigen. Die Körper sind schwer in Mitleidenschaft gezogen. Es gibt keinen Grund, warum mit den Seelen etwas anderes geschehen sein sollte. So wie es Männer (und Frauen) in den besten Jahren gibt, so gibt es auch solche in den schlechtesten Jahren. Da liegen sie. Neben den festen Konturen haben sie auch das Schamgefühl verloren. In Klamotten sehen diese Versehrten dann wieder top aus. Viel zu selten wird unsere hoch entwickelte Textilindustrie gewürdigt.

Wir bleiben drei oder vier Stunden, lesen Jane Austen und Moritz Rinke, gehen viermal ins Wasser (meiner Meinung nach verliert die Ostsee dramatisch an Salzgehalt) und kaufen anschließend  bei aldi und Edeka ein. Es gibt hier einen Kräuterschnaps, der „Mümmelmann” heißt, eine Frau, wie ich meine auch Sächsin, kauft davon einen ganzen Karton. In Sachsen mümmelt man gern.

Zwischen aldi und Famila in der schlecht beleumdeten Stadt Anklam (rechte Szene) tummelt sich das Prekariat mit seinem Übergewicht und den hochmodernen, Strähnchen-verzierten Bildhauer-Frisuren. Diese Leute verfügen nicht über Selbstzweifel. Ihre PKW sacken förmlich in  sich zusammen, wenn sie sich hineinwuchten. Man kann das alles erklären. Wegen der schweren Arbeit brauchte man in Pommern und Mecklenburg schweres Essen. So entlastet die Evolution den modernen Menschen in seiner Schwäche.

Heute braten wir Buletten nach dem Witzigmann-Rezept und glotzen ein bisschen Tennis und Fußball. Danach lesen wir, diesmal David Foster Wallace, Infinite Jest, das Buch ist für den Strand und fürs Bett zu schwer. Der Hausherr hat für seine Hifi-Anlage vier Lautsprecher aufgestellt, in jeder Ecke des Raumes dröhnt einer, wir legen eine Kompilation  in den CD-Player, MercySongs, ein Frevel, der mit Bach beginnt und über Marlene Dietrich, das Alexandrow-Ensemble, Debbie Reynolds und Bob Dylan bei Alison Krauss, Händel und Laibach endet. Sorry but we need something like that. Danach sind, ein Tip meiner gut organisierten, innovativen Tochter, die Avett Brothers am Ruder, I and Love and You, darunter der Song Head Full of Doubt, dessen Video uns beim Hören vor dem geistigen Auge flimmert. Und schon ist es Nacht, eine stille oder stürmische, auf jeden Fall räumlich unendliche. 

Die Vögel sammeln sich in Schwärmen. Ein Bauer wird nicht müde, mit dem Traktor übers Feld zu fahren. Von morgens bis abends. Wenn er neben der Maschine steht, ist er gerade so groß wie die gewaltigen Hinterräder. Vielleicht ist auch er nur eine Puppe, nur eine höher entwickelte eben, die sich bewegen kann.

Mit den Rädern fahren wir nach Lassan, mit dem PKW nach Greifswald, mit der Plastiktüte und spitzen Messern gehen wir in den Wald, Pilze sammeln, vorbei an einem nicht aufhören wollenden Maisfeld, das noch von Chruschtschow persönlich angelegt worden zu sein scheint. Elend, dein Name heißt Lassan, sagten wir einst, aber der Ort entwickelt sich. Seit einem Jahr grüßen die Einheimischen die Fremden auf der Straße, als habe der Bürgermeister dies angeordnet, von den Containern am so genannten Frischemarkt sind die Dauerbiertrinker verschwunden, in der Kirche finden Kunstausstellungen statt, und die beiden Straßen, die zum Hafen führen, malen sich bunt an. Auch hier versucht die Kunst dem Ort zurückzugeben, was die Landwirtschaft nicht mehr leisten kann. Inhalt, Bedeutung, Sinn. Greifswald dagegen ist voller lebhaft und trivial schwatzender Studenten und quadratischer Vorpommern, die schon das Handy entdeckt haben und alle Welt wissen lassen, was sie nicht wissen will. Die Stadt ist stolz auf das multimediale Caspar-David-Friedrich-Zentrum, das Wolfgang-Koeppen-Haus und das Pommersche Landesmuseum. Pilze finden wir natürlich auch nicht viele, sie sind schon von den kundigen Dörflern geraubt worden. Erholt haben wir uns in stürmischer Stille, und jetzt müssen wir wieder unserer Großstadt standhalten, falls wir gut an den Löchern am Ende der Ausbaustrecke vorbeikommen. Kein Thema soweit.

 

 

 


 


Mit ... teilen: 



Artikel empfehlen
Mein fremder Freund: Ob der Islam zu Deutschland gehört, steht dahin. Sicher jedoch ist, dass jeder von uns einen Menschen kennt und mag, der einer fremden Kultur entstammt. Anlass genug, ihn in einer kleinen Portraitfolge aus dem ominösen Migrationshintergrund treten zu lassen, eh ihn Sarrazin abschafft. Ein ähnliches Ziel haben sich die Fotografen Wim Woeber und Ralph Wentz vorgenommen, der Porträts aus der Kölner Keupstraße wir im Rahmen unserer Serie zeigen.


NEU

Streit
18.01.2013

Süsssauer
19.09.2013

Die Reportage
05.09.2012

Die Stadt und ich
20.01.2012

Lieckfelds Tierleben
14.03.2013

Bel Etage
16.11.2012

KrossMedia
14.03.2013