Der ungewaschene Patient

Großstadtbewohner im Spital (3)

Von Fritz-Jochen Kopka

Der Ritter von der traurigen Gestalt

Ins vierte Bett des Zimmers legte sich eines Abends gegen elf Jürgen. Auch ein Beinbruch. Er behauptete, keine Schmerzen zu haben, vor der Operation nicht, danach auch nicht. Ein Rentner, knappe siebzig, heiterer als sein unabsichtlich grämliches Gesicht hätte vermuten lassen. Vielleicht ging die Heiterkeit auf seine lustige, stattliche Frau zurück, vielleicht auch auf seinen Lebenslauf, der nun, in der vorletzten Etappe, gut unter der Überschrift „Wir sind noch einmal davongekommen” stehen konnte. Ich sagte ihm auf den Kopf zu, dass er aus Magdeburg stamme, die Signifikanz dieses Dialekts ist unauslöschlich. Ich bin damals durch die Armee nach Berlin gekommen, sagte der Magdeburger.

Lange sah es auch so aus, als wäre die Armee sein Leben, jene Armee, die sich gar nicht genug damit tun konnte, virtuell den Klassenfeind zu bekämpfen, der nun in dem Land herrscht, in dem es sie nicht mehr gibt. Er hatte schon vorher seinen Abschied genommen, arbeitete als Techniker im Fernsehfunk, den es bald auch nicht mehr gab, und dann als Hausmeister einer Musikschule. Das habe ich sehr gern gemacht, sagte Jürgen, aber auch die Musikschule gibt es nicht mehr. Das Verschwinden ist ein Meister aus der DDR, die aus den Köpfen nicht verschwindet. Jürgen führte den Duz-Fuß in unserem Krankenzimmer ein, keiner hatte was dagegen.

Aber der einzige Kranke, dem ich in sein Innerstes blicken zu können glaubte, war ich. Mein gebrochener linker Arm gehörte mir gefühlt noch zu zehn Prozent. Der Arzt in der Aufnahme plädierte dafür, ihn konventionell zu heilen, andere Ärzte, das verschwieg er nicht, zögen die Operation vor, aber die sei keineswegs ohne Risiko, der Arm könnte steif bleiben, ich könnte Arthrose bekommen, die Heilung würde Monate und Jahre dauern und ich hätte dann keine Muskeln mehr.

Wenn man nicht mehr jung ist, funktionieren die natürlichen Heilkräfte nicht mehr gut, so riet der Oberarzt zur Operation, das heißt, eine Metallplatte wurde mit dem Oberarmkopf verschraubt. Vorher wiesen mich die Anästhesisten in die Abgündigkeiten der Vollnarkose ein, zu meinem bei gewissen Details nicht geringen Entsetzen.

Wenn ich in mein Innerstes schaute, erkannte ich eine tiefe Demut, die am Tag nach der Operation kurzzeitig endete, als die Morgenstunden vergingen und nichts geschah. Ich hatte gehört, dass das Leben in Krankenhäusern früh beginne, um sechs oder sieben, aber ich lag da, mit einem rebellierenden leeren Magen, und es tat sich nichts. Wenn ich schon solche Schmerzen leiden muss, dachte ich, warum soll ich dann außerdem noch verhungern? Das macht doch keinen Sinn.

Schwester, sagte ich kurz vor elf, gibt es hier irgendwann Frühstück?

Ich war an die Stationsschwester geraten. Sie war irgendwie baff und holte tief Luft. Haben Sie sich überhaupt schon gewaschen? Eine direkte Antwort auf meine Frage war das ja nicht.

Wie denn?, fragte ich verzweifelt, ich bin frisch operiert. Die Nachtschwester hat mir verboten, allein aufzustehen, ich hänge an mehreren Schläuchen…

Das geht alles, sagte die Tagschwester, man muss sich doch waschen, man muss sich doch die Zähne putzen!

Und während die anderen Brüche, die es weniger nötig hatten, nun doch ihr Frühstück verzehren konnten, versuchte ich erst noch, mich in dem kleinen Waschabteil notdürftig zu säubern, wobei ich mich vor Schwäche kaum auf dem Stuhl halten konnte.

Es dauerte nicht lange, bis ich nicht nur die Schwester der Nacht, sondern auch die Schwester des Tags verstanden hatte. Diese umsichtigen, tatkräftigen, wahrscheinlich schlecht bezahlten Wesen, die einen weiß Gott schweren Job erledigten, durften sich von den Kranken nicht aus dem Konzept bringen lassen, denn unter diesen gab es routiniertere Gestalten als mich, Menschen, die es nicht ertrugen, wenn sich das Personal um andere Leute kümmerte und nicht um sie und die dann alle Tricks anwandten, um selbst vor allen anderen versorgt zu werden. Eine Schwester muss streng sein, wie auch eine Frau streng sein muss. Schon Hemingway wusste das. Eine Frau, die nicht streng ist, nützt dir gar nichts, eine Frau, die einem Mann alles durchgehen lässt, auf eine solche Frau kannst du auch verzichten.

Ich wusste bald auch zwischen den Ärzten zu unterscheiden, die mit makabrer Phantasie meine trostlose Zukunft ausmalten, und jenen, die sich an die belastbaren Fakten hielten, aber kein Wort zu viel sagten.

Ich verstand. Je länger das Warten auf eine Operation währte, desto mehr wurde dieses Warten zur Sehnsucht nach der Operation; da musste man erst durch, egal wie, ehe sich die eigene Lage bessern konnte. Sehnsucht nach der Operation, der Narkose, dem Chirurgen, dem Schnitt. Wie hoch das Risiko auch sein mochte.

Danach begann das Leben neu, auf niedrigem Level, das ständige Schlucken von Schmerzmitteln, das Anlegen und Tragen der Spezialbandage, das Ertragen der Schlaflosigkeit in nicht endenden Nächten.  

Die Gilchrist plus genannte Spezialbandage erinnerte an eine Krake. Lange, mit Klettverschlüssen versehene Stoffbänder glichen den Fangarmen, sie krallten sich überall fest, wo sie nichts zu suchen hatten, ich kämpfte mit diesem Monstrum wie Laokoon vor Troja mit den Schlangen, aber ich musste nicht meine Söhne retten, sondern nur meinen Arm, das heißt, die antiken Helden standen schon noch vor größeren Aufgaben als wir.

Das Krankenhaus war gut geheizt, zu gut. Ich hörte auf, in den Nächten auf den Schlaf zu lauern, ich begriff, er war mir nicht vergönnt. Ich erhob mich vorsichtig, schlüpfte mit dem rechten Arm in den Bademantel und setzte mich auf den Korridor, vor dem Schwesternarbeitsraum. Ich war allein. Ab und zu ging, mit einem dezenten Lächeln, die Nachtschwester vorbei. Ich aß die Brote, Tomaten und Wiener Würstchen, die mir meine Frau und meine Töchter ins Krankenhaus getragen hatten, ich las das Buch, das mir meine Tochter mit einer vagen Geste überreicht hatte. Paul Auster, Man in the Dark. Da kam es zu Synergien. Der schätzenswerte Paul beginnt so: I am alone in the dark, the world around in my head as I struggle through another bout of insomnia, another white night in the great American wilderness.

Insomnia: Schlaflosigkeit. Drei schwer vom Schicksal geschlagene Menschen in ihrer Nacht. Wenn der Schlaf sich verweigert, erzählt sich der Erzähler eine Geschichte. Was heißt erzählt, er denkt sie sich aus und führt sie fort von Nacht zu Nacht. Um nicht an Dinge denken zu müssen, die er vergessen möchte, denkt sich der Erzähler die Geschichte eines Mannes aus, der in einem dunklen Grube erwacht und feststellt, dass er aus der Zeit gefallen ist. The man in the dark about the man in the dark. Während die amerikanische Literatur der fünfziger Jahre ein wahrer Schicksalsdunst durchzog, spürt man ein halbes Jahrhundert später den Reflex  von Versehrtheit und unverstandenen Kriegen. 

Zweimal jede Nacht saß ich da, je eine Stunde, las und aß. Fürsorglich hatte mir meine Tochter ein kleines englisches Wörterbuch mitgegeben; es rührte mich, wie total abgegriffen es war, ich stellte mir vor, wie meine Töchter damit durch New York und Washington getigert waren und brauchte es kaum, weil Auster es irgendwie hinbekommen hat, dass sich die unbekannten Wörter durch die bekannten erschlossen.

Auf diese Weise fand die Ewigkeit für mich jeden Morgen ein gewisses Ende und für die anderen in unserem Zimmer auf jeweils ihre Art. Die Physiotherapeutin zeigte mir, wie ich den kranken Arm pendeln lassen konnte. Den Straßenbahnfahrer lehrte sie, an Gehhilfen bis zur Toilette zu hüpfen, wo er den Kampf mit der Verdauung etwas privater fortführen konnte. Bei Verhandlungen mit dem Oberarzt konnte ich einen Tag herausschlagen, einen Tag früher nach Hause, und Schwester Ramona, die nicht wusste, dass ich der Patient war, der sich nicht waschen wollte, brachte mir zum Abschied bei, wie man schon in einem so frühen Stadium auch mit dem kranken Arm in Hemd und Jacke schlüpfen kann, so dass nicht mehr leere Ärmel an einem herumhingen.

Auf dem Korridor stand der Arzt, der mir meine Zukunft in düsteren Farben gemalt hatte, und raspelte Süßholz mit einer entlassenen Patientin. Jeder Mensch verfügt über positive und negative Ausgänge.

Ich konnte nach Hause und bildete mir ein, wieder ein wenig mehr von der Welt verstanden zu haben. Warum auch soll alles Schlimme an mir vorübergehen. Mein linker Arm gehörte mir gefühlt wieder zu fünfzig Prozent.

 


 


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Mein fremder Freund: Ob der Islam zu Deutschland gehört, steht dahin. Sicher jedoch ist, dass jeder von uns einen Menschen kennt und mag, der einer fremden Kultur entstammt. Anlass genug, ihn in einer kleinen Portraitfolge aus dem ominösen Migrationshintergrund treten zu lassen, eh ihn Sarrazin abschafft. Ein ähnliches Ziel haben sich die Fotografen Wim Woeber und Ralph Wentz vorgenommen, der Porträts aus der Kölner Keupstraße wir im Rahmen unserer Serie zeigen.


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