Goethe hieß auch Wolfgang

Berlin ist wiedererkennbar, aber missverständlich

Von Fritz-Jochen Kopka

Als Berliner genießt du den Vorzug (der sich auch als Nachteil erweisen kann), ab und zu etwas über deine Stadt zu lesen, das dir ermöglicht, deine Eindrücke zu vergleichen. Mir ging das gerade mit dem Roman „Nachtgeschwister” von Natascha Wodin so.

Wodin ist eine Schriftstellerin, die einen – wenn auch zwiespältigen – Ruhm erlangte, weil sie mit dem schwierigen Schriftsteller Wolfgang Hilbig zusammen lebte und auch mit ihm verheiratet war.

Ihre Einzigartigkeit beruht darauf, dass sie als Kind russisch-ukrainischer Zwangsarbeiter in Fürth geboren wurde und die Abstoßungsmechanismen der deutschen Gesellschaft gerade gegen Russen erlitt. So ist es beinah logisch, dass sie aus der vermeintlichen  Schwäche eine Stärke macht und sich auf ihre östlichen Wurzeln besinnt, denen sie im nachwendischen Ostberlin nahezukommen glaubt, an der Seite Hilbigs natürlich oder auch nicht an der Seite dieses Mannes, der ein begnadeter Dichter und ein verfluchter Trinker war und dazu ein wahrer Monolith, den man nur in seltenen Momenten erreichte. Man konnte sich schwerlich an seiner Seite wähnen, es sei denn in der Hölle.

Schon in grauen Vorzeiten, um 1966, hatte Wodin mit einem Tagesvisum Ostberlin besucht, um am Alexanderplatz zu stranden. „Der eisige Wind, der sich hier zwischen den Gebäudekolossen herumtrieb, schien mir bereits aus Russland zu kommen, aus dem Totenreich der sibirischen Lager… Ich war sicher, dass ich in die Falle gegangen war, dass man mich im nächsten Augenblick ergreifen und auch dorthin bringen würde, wo nachts die Wölfe heulten und wo einem das Haar im Schlaf an der Pritsche festfror.”

Nichts dergleichen geschieht. Vielmehr ist ein Weihnachtsmarkt zu entdecken, wo ungerührt um alle atheistischen Grundüberzeugungen des Staates kirchliche Lieder wie „Ihr Kinderlein kommet” gespielt werden. „Die sogenannte Ostzone war ein völlig undeutbarer, unbegreiflicher Ort für mich geworden”.

Knappe dreißig Jahre später bietet ausgerechnet das aufgestörte Ostberlin Natascha Wodin die Chance, eine Heimat und die Bestform ihrer Prosa zu finden. „Die Straßen und Brachen zwischen den Häusern sind grün geworden, an Mauern blühen wilde Blumen. Seit dem 1. Mai ist das junge Laub der Bäume an vielen Stellen abrasiert von den Wasserwerfern, die schon am Vortag in den Straßen standen und mit unsichtbaren Augen die Gegend observierten. Die Demonstranten waren eingeflogen, zerrauft, bemalt und zerstochen von Schmuck wie Eingeborene, die Ladenbesitzer hatten ihre Schaufenster mit Holzbrettern verbarrikadiert, die Gegend wirkte wie eine für einen Großangriff gerüstete Festung. Auf meinem kurzen Weg in die I-Straße war ich zweimal von der Polizei angehalten worden und musste meinen Ausweis vorzeigen, um zu beweisen, dass ich keine angereiste Steinewerferin war, sondern auf der Straße ging, weil ich hier wohnte. Inzwischen ist der Spuk längst vorbei, ich gehe durch das große Freiluftwohnzimmer, in das sich die Gegend seit dem ersten blauen Riss im Himmel verwandelt hat.”

Mir kommt es so vor, als hätte Natascha Wodin die Stadt als Spätgekommene in vielen Punkten falsch verstanden, Bedrohungen und Wunder gesehen, wo Normalitäten obwalteten, aber das macht sonderbarer Weise gar nichts, die Berlin-Passagen ihres Buches sind großartig, man fühlt sich da trotz der Missverständlichkeiten zu Hause oder gerade ihretwegen.

Es war vielleicht im selben Vormai, als ich durch dieselbe Gegend trödelte. Prenzlauer Berg – Leben im Grünen, rief ein Anwohner in Slogan-Form und blickte vielsagend auf Uniformen und Einsatzwagen.

Wohnen Sie hier?, fragte ein junger Polizist. Nein, auf keinen Fall, sagte ich. Sehen Sie, erläuterte der Polizist, dann darf ich Sie gar nicht durchlassen. Sind denn die Kneipen nicht offen?, fragte ich. Nein, sagte er, alle geschlossen. Dann hat’s sowieso keinen Zweck, sagte ich.

Ein kleiner Zug Punker bog auf die Danziger Straße ein, an der unschlüssig die Einsatzkräfte standen, als wären sie Spalier. Die Punker trugen weder Steine mit sich noch Losungen, sie waren einfach nur bunt. Die Polizei konnte mit ihnen nichts anfangen. Auseinander treiben, verwarnen, mit dem Schlagstock drohen? Nur Punker können mit Punkern etwas anfangen; woher soll ein Polizist das wissen. In der Nacht, die man Walpurgisnacht nennt, gab es die übliche Randale. Aber damit hatte ich nichts zu tun, ich wohne, wie gesagt, in einer anderen Gegend. Man hat mit vielen Dingen, die in Berlin geschehen, nichts zu tun. Der Südosten schert sich nicht um die Mitte. Mal leider Gottes, mal Gott sei Dank.

Ich weiß noch, wo Hilbig damals wohnte. Er stand in der Akademie der Künste am Hanseatenweg (auch so ein seltsamer Ort in Berlin) und erinnerte sich nicht an unsere gemeinsame Vorgeschichte in einem Zirkel Schreibender Arbeiter in Leipzig, war aber in zutraulicher Stimmung. In seinem Haus, Ecke Kollwitzstraße, befand sich im Erdgeschoss ein russisches Bordell, da war nachts immer Leben, erzählte er mit stolzer Ironie. Mit ebensolcher Ironie deutete er auf sein gierig sprudelndes Selterswasser und sagte, dass  er aufgehört habe zu trinken, als wäre da gar nichts dabei.

Jahre später ging ich eingangs der Schönhauser Allee an einer Kneipe vorbei. Hinter dem Fenster saß ein einziger Mensch vor einem Schlachtfeld mit Frühstücksresten, Hilbig. Es war eine höchst poetische Szene, irgendwo in Paris, irgendwo in Wien, irgendwo nirgendwo. Ein einsamer Dichter, der zu trinken aufgehört hat. Oder schon wieder angefangen. Ich überlegte, reinzugehen und mich zu ihm zu setzen. Aber sollte ich den ganzen Mist mit dem Zirkel Schreibender Arbeiter in Leipzig und den drei Studentinnen aus Montpellier noch einmal erzählen, den alten Zeiten, als wir Mitte zwanzig waren, an die er sich sowieso nicht erinnern konnte und wollte? Sollte ich ihm etwa berichten, wie er, Wolfgang Hilbig, zu dieser kleinen Französin in seinem unterirdischen Sächsisch sagte: „Goethe hieß übrigens auch Wolfgang”, damit es bei ihm vielleicht dämmerte?

Ein halbes Jahr später war Hilbig gestorben, und ich fühlte mich mitschuldig, wie ich mich überhaupt am Tod aller Leute, die ich kenne, mitschuldig fühle.

So ist Berlin in vielen Punkten eine missverständliche Stadt. Und es ist gerade dieses Missverständliche, das es den Dichtern erlaubt, ab und an ein paar gute Sätze zu schreiben über diese Straßen, Plätze und Dämmerungen. 


 


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Mein fremder Freund: Ob der Islam zu Deutschland gehört, steht dahin. Sicher jedoch ist, dass jeder von uns einen Menschen kennt und mag, der einer fremden Kultur entstammt. Anlass genug, ihn in einer kleinen Portraitfolge aus dem ominösen Migrationshintergrund treten zu lassen, eh ihn Sarrazin abschafft. Ein ähnliches Ziel haben sich die Fotografen Wim Woeber und Ralph Wentz vorgenommen, der Porträts aus der Kölner Keupstraße wir im Rahmen unserer Serie zeigen.


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