Hertha, die Zweitklassige

Ein Tag im Leben eines Fakirs

Von Fritz-Jochen Kopka

Auf zur Hertha - trotz alledem

In meiner Familie existiert ein vierzehnjähriger Fakir, der seit einiger Zeit Fan der Berliner Hertha ist. Warum nenne ich ihn Fakir? Weil jeder Fußballfan sich gleichsam auf ein Nagelbrett legt, und für den Hertha-Fan sind die Nägel besonders spitz. In der vergangenen Saison litt der Fakir auf hohem Niveau. Er brach in Tränen aus, wenn Marko Pantelic Tore schoss und er im Stadion nicht dabei sein konnte. Er träumte von der Meisterschaft und bekam die Europaleague. Erduldete den Wechsel seines Idols zu Ajax Amsterdam und den Abschied weiterer Stützen des Teams.  

Inzwischen läuft in Südafrika die Weltmeisterschaft, und wir sind wieder eine Hauptstadt ohne Fußballerstligaclub. In Europa sehr selten so was, fast ein Alleinstellungsmerkmal. Am letzten Spieltag hatte Markus, wie der Fakir privat heißt, Jugendweihe. Die Hertha war bereits abgestiegen, aber zu den Geschenken gehörte eine Karte zum Heimspiel gegen Bayern München. Der Fakir entledigte sich vor aller Augen der schwarzen Weihe-Kleidung, streifte das Pantelic-Trikot über, überließ seine Gäste ihren Getränken und Gesprächen und machte sich mit seinem unerschütterlichen Großvater (eigentlich Schalke-Fan) auf den Weg ins Olympiastadion. Sie standen im Bayern-Block, aber die waren bereits Meister und duldeten die Leidenschaft des Fakirs für seinen Verein; sogar ein Ehrentor durfte er bejubeln. Bei der Rückkehr zu seinen Gästen wirkte der Fakir gefasst, ja, eine schwere Last schien von seinen jungen Schultern genommen zu sein. Nun konnte man wieder locker über die Hertha reden, ohne vom Klassenerhalt zu träumen oder gar von der Meisterschaft wie in der Vorsaison. Wir standen direkt vor Tatsachen. Sagt der Berliner. Tatsache zweite Liga. Hauptstadtclub auf Tour durch die Provinz. Paderborn. Ingolstadt.

Wir kennen das von früher. Da saß aber die Regierung noch nicht in Berlin. Damals musste der Hertha-Fan etwa nach Meppen reisen. Der SV Meppen war, ungerechterweise, das Schlüsselwort für die Zumutungen, die die zweite Liga für einen Hauptstadtclub bereithielt. 

Man saß recht gemütlich auf den Tribünen des finsteren Olympiastadions und konnte etwa Theo Gries zusehen, einem Stürmer der Zwischenzeiten, wie er sich bemühte, Tore zu erzielen, was ihm gelegentlich gelang, ansonsten war sein Name irgendwie Programm. Ich erinnere mich des Flutlichtspiels gegen Kaiserslautern im ausverkauften Stadion, mit dem Hertha den Aufstieg in die Erste Liga klarmachte. Von den Höhen der Tribünen sah man dort unten nur flitzende farbige Pünktchen, aber immerhin. Der Aufstieg der Hertha war mit Dieter Hoeneß verbunden, der in der Hertha einen schlafenden Riesen erblickte, den er gemeinsam mit Trainer Jürgen Röber wecken wollte. Für mich allerdings war ein entscheidender Mann der Stürmer Michael Preetz, und obwohl der immer seine Tore machte, wenn es wichtig war, brauchte der Verein lange, um seine Unersetzbarkeit zu erkennen.

Einmal oben ging es wie immer entweder gegen den Abstieg oder um die Championsleague. Das ist es, was an der Hertha so nervt, diese Hysterie zwischen Katastrophenstimmung und Größenwahn. Das Glück von heute birgt schon den Absturz von morgen in sich. Und die Hertha hatte in ihrer Erfolgssaison Spiel für Spiel unverschämten Dusel, magere1:0-Siege, über die man sich nur wundern konnte. Jeder weiß, dass sich das Glück auch im Fußball dreht (Bayern München ausgenommen). Und so kamen bei der Hertha zu den unersetzbaren abgewanderten Spielern, zum ausbleibenden Glück auch noch irrationale Spielsituationen und groteske Schiedsrichterentscheidungen dazu. Das haben andere Mannschaften aber auch erlebt.

Berlin ist der Sammelpunkt Eingewanderter, Zugezogener und Hergelaufener. Das macht die Fanlage so unübersichtlich, und die Spieler und Funktionäre staunen, dass im eigenen Stadion plötzlich für Galatasaray Istanbul gebrüllt wird. Nicht unwichtig zu erwähnen, dass der allmächtige Manager Dieter Hoeneß mit dem Komplex des kleinen Bruders geschlagen ist, der den großen (Uli = Bayern-Manager) einmal übertreffen möchte. Dabei hat er einfach zuviel riskiert. Preetz, der fabelhafte Stürmer, ging nach seiner Karriere ins Management. Aber offen sichtlich hat der ehrgeizige Dieter immer schnell die Schulter hochgezogen, wenn Preetz ihm mal über dieselbe schauen wollte. Als Hoeness weg war und Preetz nun Sportdirektor, die Fans voller Erwartungen und die Kasse leer, begann der ungebremste Absturz. Der kreative Konzepttrainer bekam den berühmten Tritt in den Arsch. Hätte ich nicht gemacht. Lucien Favre hatte ein Team zusammengestellt, das nur er verstand. An seiner Statt kam Friedhelm Funkel, der, wo er auch war in den Niederungen der Liga (und er war überall), ehrliche Arbeit abgeliefert hat, aber das ist ja gerade das Schlimme, manchmal. Die Auftritte Funkels sind etwa so inspirierend wie die des Bundestrainers, bloß etwas faltenreicher, und dann sagte er so Sachen wie: Schalke hätte nie ein Tor gegen uns geschossen, wenn nicht das Abseitstor gegeben worden wäre…  

Nun ist unsere großartige Hauptstadt also zweite Liga, jedenfalls im Fußball. Im RBB-Fernsehen knöpfen sich zwei sonstige journalistische Dauerjubler die Herthaspitze vor und gehen mit steinernen Gesichtern mal richtig zur Sache, Ausflüchte werden nicht gestattet, nur schade, dass die Hertha-Männer, verglichen mit ihren strengen Interviewern, immer noch den Eindruck vermitteln, die weitaus besseren Leute zu sein, auch wenn sie sich in einer prekären Lage befinden.

Wir werden uns  die Hertha in der zweiten Liga mit mildem Interesse anschauen, als Eingewanderte haben wir alle noch unsere Heimatvereine, denen es zum Teil noch schlechter geht.

Der Fakir, der sich wieder seinen Gästen widmen konnte, wurde alsbald abberufen von einer blonden Janine, so alt wie er, aber weitaus weiter entwickelt, physisch jedenfalls, vom Babyspeck mal abgesehen. Schon war er wieder verschwunden, tauchte nur gelegentlich auf, mehr als Gespenst denn als junger Erwachsener. Ein wichtiger Tag in seinem Leben gleichwohl, viel gelernt über die Ohnmacht, die man als Fan (wie später als Wähler) empfinden kann und über die Macht, die man in der Familie hat. Ohne den Fußball wäre er noch nicht so weit.


 


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Mein fremder Freund: Ob der Islam zu Deutschland gehört, steht dahin. Sicher jedoch ist, dass jeder von uns einen Menschen kennt und mag, der einer fremden Kultur entstammt. Anlass genug, ihn in einer kleinen Portraitfolge aus dem ominösen Migrationshintergrund treten zu lassen, eh ihn Sarrazin abschafft. Ein ähnliches Ziel haben sich die Fotografen Wim Woeber und Ralph Wentz vorgenommen, der Porträts aus der Kölner Keupstraße wir im Rahmen unserer Serie zeigen.


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