Wo warst du, Jogi…

… als Kevin seine Tore schoss?

Von Fritz-Jochen Kopka

Viele Städter sind fußballfixiert, auch in einer Stadt wie Berlin, die fußballerisch wenig mehr zu bieten hat als Hysterie oder anders gesagt: beständigen Wechsel von himmelhoch jauchzend, zu Tode betrübt. Wenn der Mensch, wie Brecht meinte, in der Kunst das Leben genießt, so erlebt er im Fußball eine Parallelwelt, in der alles anders ist, aber nur beinahe. In der einen Welt kann er seine Stimme abgeben, in der anderen ein Ticket kaufen, wirklich eingreifen wird er hier so wenig wie da, nur als Masse ist er wirksam, nicht als Individuum.

Jetzt geht es um die Dramaturgie hinter den Ereignissen und eine deutsche Haupteigenschaft, den Opportunismus, ein Menschenrecht, wie Günter Gaus zu sagen pflegte, das aber, wie ich jetzt mal sage, auch zu einem rechten Fluch werden kann. Wir erinnern uns an das Sommermärchen von 2006. Deutschland wurde zwar im eigenen Land nicht Fußballweltmeister, hätte es aber durchaus werden können, schlug im Viertelfinale die starken Argentinier und unterlag im Halbfinale ehrenvoll gegen Italien. Damit konnten wir alle leben. Das Land stand da mit offenen Armen, und das Team hatte sich gezeigt.

Danach gab Jürgen Klinsmann aus freien Stücken sein Amt als Bundestrainer auf. Das lässt sich der Deutsche nicht gern gefallen, er möchte jemanden schon lieber selber rausschmeißen, dem Prominenten einen Arschtritt verpassen, statt von ihm im Stich gelassen zu werden. Und so entdeckten die meinungsmachenden Medien wie bestellt die Dramaturgie hinter den Ereignissen: Nicht Jürgen Klinsmann hatte das Sommermärchen gemacht, sondern sein Co-Trainer, der bescheiden-zurückhaltende Joachim Löw, der sein Nachfolger wurde. Klinsmann galt nun lediglich als der lautsprecherische Motivator, der der Mannschaft taktisch-strategisch kaum etwas vermitteln konnte. Alles Höhere kam angeblich von Jogi Löw. Nur am Rande weise ich darauf hin, dass es eben doch Klinsmann war, der den mächtig selbstgefälligen Fußballbund in die Schranken wies und für sein Amt Kompetenzen eroberte, die ein Bundestrainer sonst nicht hatte. Er fand eine klare Struktur für die Mannschaft und sorgte für den Torwartwechsel von Kahn zu Lehmann, was eine Art Sakrileg war.

Jogi Löw führte das Team durch die Europameisterschaft von 2008. Durchaus erfolgreich, wenn man bedenkt, dass wir das Endspiel erreichten. Wenn man aber auf der anderen Seite sieht, wie erschreckend chancenlos wir gegen den Europameister Spanien waren und welch komische Vorstellungen der Stürmer Mario Gomez ablieferte, um dennoch immer wieder aufgestellt zu werden, hat man das Wort Erfolg gefälligst zu vergessen.

Löw reagierte, indem er von einem neuen Konkurrenzkampf in der Mannschaft sprach. Die Rolle des Leaders, die Michael Ballack innehatte, werde von aufstrebenden jungen Leuten wie Hitzlsberger und Rolfes beansprucht. Ein Anspruch, der nur verbal, nie auf dem Platz erhoben wurde. Ballack, der einige offene Worte zum Zustand der Nationalmannschaft fallen ließ, wäre um ein Haar von Löw suspendiert worden und musste kleinlaut Fehler einräumen. Gilt, frage ich, die Meinungsfreiheit etwa für Fußballstars nicht? Lukas Podolski, der seinen Kapitän auf offenem Spielfeld ohrfeigte, ließ Löw ohne Strafe davonkommen. Wahrscheinlich ist dem Bundestrainer jeder Ansehensverlust Ballacks, der ihm zu mächtig erscheint, recht.

Inzwischen stehen wir wieder vor einer Weltmeisterschaft und haben keine Stürmer. Miro Klose läuft auf leisen Sohlen wie ein Gespenst übers Spielfeld und arbeitet daran, sich vollends unsichtbar zu machen. Bei Mario Gomez werden mittlerweile schon halbe Tore gezählt, weil er keine ganzen schießt. Und Lukas Podolski, der die Illusion hatte, beim 1. FC Köln wieder der alte, spontane Poldi zu werden, versteht die Welt nach wie vor und das Toreschießen nicht mehr. Gut, es gibt noch einen Stefan Kießling, dem Löw aber offensichtlich mit Bedacht nicht viele Einsatzchancen einräumt, und es gibt noch einen Cacau, der schon mal vier Buden in einem Spiel macht und sich beim Herrgott für jede einzelne bedankt, aber der einzige deutsche Stürmer, der eine permanente Gefahr für gegnerische Strafräume darstellt, ist Kevin Kuranyi. Den hat Löw allerdings für alle Zeit aus der Nationalmannschaft verbannt, weil er, in einem Qualifikationsspiel lediglich auf der Tribüne sitzend, sich enttäuscht vorzeitig und unerlaubt vom Team entfernte.

Das reicht für lebenslänglich? Hier kommt der deutsche Opportunismus ins Spiel. Kuranyi steckte zu jener Zeit in einer tiefen Formkrise, ein Schatten seiner selbst. Es war für einen Bundestrainer sehr leicht,  gnadenlose Härte zu zeigen, indem er den überflüssigen Nationalspieler verbannte. Der demissionierte Kuranyi war nur ein untauglicher Bewerber weniger. Die Dramaturgie hinter den Ereignissen hat inzwischen dafür gesorgt, dass wenige Monate vor der Weltmeisterschaft Kuranyi mit Abstand der beste deutsche Stürmer ist. Das konnte keiner ahnen, schon gar nicht die Experten Löw, Bierhoff und Flick. Es ist, als hätte ein genialer Strippenzieher hinter den Kulissen Schicksal gespielt und Joachim Löw ist zur Zeit überall da, wo Kevin Kuranyi nicht ist, um nicht sehen zu müssen, was er nicht sehen will.

Soll also der beste deutsche Stürmer zu Hause bleiben, weil Jogi Löw einst anfallartig Stärke zeigen wollte und nun Angst hat, sein Gesicht zu verlieren, wenn er seine Meinung ändert? Er hat sein Gesicht schon verloren. Er kommt aus dieser selbstgestellten Falle nicht mehr raus.

Joachim und Kevin sind der schwermütige und der lebenslustige Bruder der gewöhnlichen deutschen Problemfamilie. Der Theoretiker und der Praktiker. Zwei Gesichter in einem. Kevin ist der heitere Nachkömmling. Joachim musste schon früh Verantwortung übernehmen. Kevin gibt viel freie Zeit für die feinen Linien seines Bartes her (beim Barte des Torjägers, nicht des Propheten), und Joachim hat Angst, dass er sich bald von seinen taillierten Hemden trennen muss. Der Grund für ihr Königskinderdasein ist eine Dynamik, die sich aus puren Nichtigkeiten ergibt. Es fehlt fehlt das Machtwort eines autoritären Vaters, das es nicht geben kann, denn wer sollte diese Vater sein? Etwa Angela Merkel, die sich plötzlich vor vier Jahren für Fußball zu interessieren begann?

Viel los in der Stadt, wenn auch nichts Tolles.


 


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Mein fremder Freund: Ob der Islam zu Deutschland gehört, steht dahin. Sicher jedoch ist, dass jeder von uns einen Menschen kennt und mag, der einer fremden Kultur entstammt. Anlass genug, ihn in einer kleinen Portraitfolge aus dem ominösen Migrationshintergrund treten zu lassen, eh ihn Sarrazin abschafft. Ein ähnliches Ziel haben sich die Fotografen Wim Woeber und Ralph Wentz vorgenommen, der Porträts aus der Kölner Keupstraße wir im Rahmen unserer Serie zeigen.


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