Dem Himmel so nah

Der Potsdamer Telegrafenberg: eine Akropolis der Wissenschaft

Von Sabine Böhne

Foto: R. Arlt

Einsteinturm mit Blick ins Blaue
Foto: R. Arlt

Der Stein der Weisen ist mal wieder verschwunden. „Na so was“, sagt Jürgen Staude vom Astrophysikalischen Institut Potsdam und blickt auf die Büste von Albert Einstein im Eingang zum gleichnamigen Turm. Vor dem Kopf mit dem markanten Haarschopf liegt normalerweise ein faustgroßer Kiesel. Er erinnert an die Diskriminierung jüdischer Wissenschaftler durch die Nationalsozialisten und an ein trotziges Versteckspiel ihrer Gegner. Als die braunen Schergen im Jahr 1933 alle Bronzebüsten von Albert Einstein beschlagnahmten und einschmolzen, gelang es Mitarbeitern des Instituts, zumindest das kunstvollste Werk zu verstecken. Bis 1945, so erzählen sie sich auf dem Potsdamer Telegrafenberg, legten sie einen Stein als Platzhalter auf den leeren Sockel. Nach dem Ende der Diktatur stellten die alten Getreuen die Büste wieder auf. Der Stein blieb zur Erinnerung liegen.

Wenn ihn nicht gerade wieder jemand eingesteckt hat. Jürgen Staude kennt das schon. „Nach einer Führung ist so ein Souvenir sehr verlockend“, sagt er milde und fügt grinsend hinzu: „Aber wir wissen uns zu helfen.“ Ein Griff hinter die Büste, und der freundliche Professor legt einfach ein Reservestück vor den berühmten Kopf.

Staude und seine Kollegen werden wohl noch viele Steine brauchen. Langsam spricht sich herum, welche Schätze die Potsdamer auf ihrem Telegrafenberg hüten. Mit viel Liebe zum Detail haben sie ihre historischen Observatorien restauriert. Eingebettet in einen englischen Landschaftsgarten bilden die klassizistischen Bauten ein einzigartiges Ensemble deutscher Forschungsarchitektur.

Jürgen Staude schließt die Tür des Einsteinturms und tritt hinaus auf eine kleine Terrasse. Vor ihm breitet sich eine Lichtung aus, die von dichtem Wald umgeben ist. Vögel zwitschern. Der Wind haucht durch die alten Buchen und Eichen. Stille liegt über dem Einsteinturm. Mit seinen konkaven Linien und der zierlichen Kuppel sieht er aus, als wäre er an dieser Stelle aus dem Boden gewachsen. Der junge Architekt Erich Mendelsohn hat ihn 1920 zusammen mit dem Astrophysiker Erwin Freundlich für das damals modernste Sonnenteleskop Europas gebaut. Zusammen mit Albert Einstein wollte er einen Teil von Einsteins Relativitätstheorie beweisen. Mendelsohn zählte zu den avantgardistischen Architekten der 20er Jahre, die wie Gropius und Mies van der rohe neue Formen ausloteten. Der Einsteinturm machte ihn schlagartig berühmt – und trieb Generationen von Restaurateuren nach ihm zur Verzweiflung. Der Grund: Baulich war das „Monument der Wissenschaft“ ein veritabler Pfusch.

Die spektakuläre Form mit den zahllosen Rundungen gelang Mendelsohn mit einem Material-Mix aus Beton, Putz und Ziegeln. Das Gemenge führte jedoch schon nach wenigen Jahren zu Rissen und Feuchtigkeitsschäden, die mehrmals aufwändig saniert werden mussten. Gleichwohl macht die Skulptur von einem Turm, an dem sogar die Fenster ohne rechten Winkel auskommen, als steinernes Manifest eines neuen Weltbildes Furore. Es lockt vor allem Architekten aus aller Welt auf den Telegrafenberg.

„Die sind immer sehr erstaunt, wenn sie sehen, was hier sonst noch alles steht“, weiß Jürgen Staude und geht über das Rasenrondell auf eine kleine Anhöhe zu. Zwischen blühenden Flieder- und Rhododendren schimmern gelb-rot gebänderte Fassaden im Stil märkischer Backsteingotik. Sternfriese aus farbig glasierten Ziegeln zieren hohe Bogenfenster. Kuppeln in verschiedenen Größen wölben sich in den Himmel. Anmutig fügen sich die klassizistischen Observatorien in einen idyllischen Park. Der preußische Oberbaudirektor Paul Emanuel Spieker hat sie ab 1874 bauen und in einen englischen Landschaftsgarten integrieren lassen.

Kurz zuvor war eine neue Generation von Wissenschaftlern auf den Plan getreten: die Astrophysiker. In einer Zeit, als die Sternenkundler glaubten, im Weltall seien alle Rätsel gelöst, entwickelten Gustav Kirchhoff und Robert Bunsen (der auch den Bunsenbrenner erfunden hat) im Jahre 1859 die Methode der Spektralanalyse. Das Prinzip: Die Forscher zerlegten das Sternenlicht in Farbbänder, so genannte Spektren. Damit, so vermuteten sie richtig, könnten sie erstmals die chemische Zusammensetzung und den physikalischen Zustand von Sonne und Sternen untersuchen.

Der Himmel über Berlin war auf einmal wieder voller Geheimnisse. Um sie zu lüften, brauchte man leistungsfähige Teleskope und einen abgeschiedenen Ort. Er musste, anders als die rapide wachsende Hauptstadt, frei von Erschütterungen und Straßenstaub sein. Der 96 Meter hohe Telegrafenberg in Potsdam, auf dem früher einmal ein Signaltelegraf gestanden hatte, erfüllte die Voraussetzungen. Er war ein Ort der Ruhe und Kreativität.

Der alte Geist liegt noch immer über dem Berg. Wer an den Observatorien vorbeigeht, stellt sich die Forschungsgranden vor, wie sie mit wehenden Kitteln und Nickelbrillen auf der Nase vorbei eilen. Wie sie Teleskope, groß wie Kräne in den Himmel richten und Pendel zur Messung der Erdanziehungskraft kreisen lassen. In Kellern und unter Kuppeln suchten sie nach Antwort auf immer neue Fragen. Informationstafeln am Wegesrand erklären, wie sie dabei Wissenschaftsgeschichte schrieben. Der amerikanische Physiker Albert Michelson führte im Jahr 1881 auf einem Steinpfeiler im Keller des Astrophysikalischen Observatoriums sein berühmtes Michelson-Experiment durch. Er bewies damit die Unabhängigkeit der Lichtgeschwindigkeit von der Erdbewegung und gab Einstein den entscheidenden Anstoß, über Raum und Zeit nachzudenken.

Heute arbeiten in dem vorbildlich restaurierten Gebäude die Wissenschaftler des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung. Besucher können Michelsons Versuchsaufbau im Keller unter der Ostkuppel besichtigen.

Ein paar Schritte weiter steht das Meteorologische Observatorium. Mit seinen hoch aufragenden Mauern und dem quadratischen Turm erinnert es an ein englisches Schloss. Institutsleiter Reinhard Süring startete im Jahr 1901 eine tollkühne Aktion zur Erforschung der Stratosphäre. Gemeinsam mit seinem Kollegen Arthur Berson ließ er sich in einem Wasserstoffballon bis in 10.800 Meter Höhe tragen, so hoch wie kein Mensch zuvor.

Kleinere Gebäude mit hölzernen Giebeln und kleinen Gärten schieben sich wie Hexenhäuser ins Bild. Das alte Direktorenwohnhaus ist das prächtigste von allen. Es thront auf einer Anhöhe. Darunter gruppieren sich die Katen für die übrigen Mitarbeiter, wie Observatoren, Assistenten und Maschinisten.

In einem der Häuschen wohnt Marie-Luise Strohbusch. Jeden Morgen um neun Uhr eilt die resolute kleine Frau zu ihrem Büro im Großen Refraktor. Das ist ein imposanter Rundbau, dessen mächtige Kuppel sich wie das Dach einer Moschee in den Himmel wölbt. Darunter befindet sich ein über zwölf Meter langes Sternenteleskop. Vor kurzem wurde das tonnenschwere Gerät in Jena restauriert. Als Schatzmeisterin des „Fördervereins Große Refraktor“ hat Marie-Luise Strohbusch unermüdlich Spendengelder für die Rettung des Museumsstücks gesammelt.

Marie-Luise Strohbusch ist die gute Seele des Telegrafenbergs. Seit über 40 Jahren wohnt die Rentnerin in einem der Bedienstetenhäuser. Nach dem Abitur studierte sie Physik und Mathematik an der Pädagogischen Hochschule Potsdam. Als die DDR im Jahr 1953 gegen den Klassenfeind mobil machte, musste sie als aktives Mitglied der evangelischen Kirche die Hochschule verlassen. Auf dem Telegrafenberg fand sie ihre berufliche Nische. Ein ebenfalls christlicher Professor bildete sie zur wissenschaftlich-technischen Assistentin aus. Später arbeitete sie als Sekretärin und kümmerte sich als Mädchen für alles um die Observatorien. Wenn das Personal mal wieder knapp war und niemand zum Heizen auf den Berg kam, schaufelte die kleine Frau eigenhändig morgens um fünf die Braunkohle in die Öfen, damit es die Forscher schön warm hatten.

„Die Gebäude hier sind mir wir Kinder ans Herz gewachsen“, sagt Marie-Luise Strohbusch. Manchmal geht sie rüber zum Einsteinturm. Wenn sie auf dem Weg dorthin einen Kieselstein findet, nimmt sie ihn mit und legt ihn hinter die berühmte Büste.

 

 


 


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Mein fremder Freund: Ob der Islam zu Deutschland gehört, steht dahin. Sicher jedoch ist, dass jeder von uns einen Menschen kennt und mag, der einer fremden Kultur entstammt. Anlass genug, ihn in einer kleinen Portraitfolge aus dem ominösen Migrationshintergrund treten zu lassen, eh ihn Sarrazin abschafft. Ein ähnliches Ziel haben sich die Fotografen Wim Woeber und Ralph Wentz vorgenommen, der Porträts aus der Kölner Keupstraße wir im Rahmen unserer Serie zeigen.



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