Der Leutnant und der Frieden
Marc Bielefeld unterwegs in Dodanduwa
Der Leutnant trug ein rotes Polohemd und aß grob gebratenen Tintenfisch. Gelegentlich nahm er einen Schluck Arrak, aber er würde sich nicht mit dem billigen Schnaps der Fischer betrinken. Es war die Nacht von 2009 auf 2010. Ein guter Jahreswechsel, ein Jahreswechsel ohne Krieg. Krieg, davon haben sie hier genug erledigt.
Wir saßen im Garten eines Councelors, auf Sri Lanka so etwas wie eine Mischung aus Bürgermeister und Gemeindechef. Die Palmen standen wie Schattenrisse in der dunklen warmen Nacht, und die sechs Männer am Tisch lachten, aßen und tranken. Die Frauen saßen allesamt in ausreichender Entfernung am Nachbartisch, giggelnd über ihren Reis und das Hühnchencurry gebeugt, das sie wie üblich mit den Fingern griffen.
Ein Silvesterabend in den Tropen, in einem Fischerkaff namens Dodanduwa, tief im Süden von Sri Lanka. Es war seit langem der erste Silvesterabend in Frieden.
Hinter dem Leutnant, im Dunkel einer Palme und exakt vier Meter entfernt, stand sein Adjutant. Er stand da wie festgeschraubt, kein Mienenspiel, kein Augenkontakt. Es war gegen neun Uhr am Abend, als der Leutnant sagte, dass er jetzt keine Lust mehr habe, seine Waffe zu tragen. Sie sei zu unbequem zu den Jeans, die er an diesem Abend statt der Uniform trug. Sie drücke an der Hüfte.
Er nahm seine Waffe, gab sie seinem Adjutanten und erlaubte diesem, sich zu rühren. Es schien wie ein gewagtes, gewöhnungsbedürftiges Manöver.
Der Adjutant trug eine Jacke und lange Hosen in grüner Camouflage, und seine Füße steckten in schweren schwarzen Stiefeln. Er nahm die Pistole entgegen, steckte sie weg und salutierte.
Das Salutieren vollzieht sich in der singhalesischen Armee auf andere Weise als etwa bei den Amerikanern oder bei der Bundeswehr. Der Adjutant klappte seine rechte Hand vertikal an seinen Kopf, exakt zwei Inches schräg oberhalb des rechten Auges, die Innenfläche nach außen gerichtet. Dann ließ er seine vor dem Kopf schwebende Hand kurz erzittern. Denn sie muss zittern, regelrecht beben vor Anspannung und Gehorsam. Danach entließ er seine Hand und führte sie in einem zackigen Bogen neben seine Hüfte. Rührte sich. Stand jetzt etwas lockerer da, noch immer im Schatten der Palme und mit seiner geschulterten AK 47, dazu seiner eigenen Pistole und der des Leutnants.
Sie hätten auch die paar Meter an den Indischen Ozean gehen können, um die bösen Geister zu verjagen. Hätten mit dem Sturmgewehr und den Automatischen ein paar Schüsse aufs nachtschwarze Meer abgeben können. Manchmal würden sie das tun, hatten sie erzählt. Manchmal, nach Siegen, schießen sie auch einfach senkrecht in die Luft und warten, bis die Hüllen irgendwo neben einem auf den Boden fallen.
Aber in dieser Silvesternacht würde es keine Schüsse geben. Der Vater des Councelors war vor drei Monaten gestorben, und nach einem Todesfall schießt man eine zeitlang nicht auf des Verstorbenen Grund und Boden. Es sei denn, es herrscht Krieg. Aber nun herrscht ja Frieden. Vorbei der dreißigjährige Krieg mit den Tamilen. Das ist anständig genug.
Je später der Abend
Kurz nach zehn rollte ein dunkelblaues Auto auf das Anwesen, und wie aus dem Nichts tauchten plötzlich viele Männer auf, die sich teils in Uniformen, teils in Zivil auf dem Gelände verteilten und durch unsichtbare, aber spürbare Anwesenheit glänzten.
Erst dann entstieg der Außenminister dem Wagen. Er kam an den Tisch und grüßte jeden, auch die beiden Weißen. Seine Exzellenz trug Schlappen und ein weißes Gewand, sprach milde und leise und schüttelte dem Leutnant lange die Hand. Wo auf der Welt kann es schon schaden, die richtigen Leute zu kennen und im richtigen Moment das richtige Amt zu bekleiden?
Nach etwa fünfzehn Minuten stieg der Minister wieder in seine Limousine und ließ sich davonchauffieren. Von den Schattenmännern keine Spur mehr. Genauso unvermittelt, wie sie aus der Dunkelheit aufgetaucht waren, waren sie wieder in ihr verschwunden.
Wir saßen noch immer am Tisch. Patme, der barfüßige Diener mit den Reptilienfüßen, brachte eine weitere Flasche Arrak. Es standen Kerzen auf dem Tisch, die Gesichter der Männer verschwammen mattschwarz in der Nacht, nur ihre Augen leuchteten.
Es war mein erster Jahreswechsel mit einem Menschen, der zwei frische Kugeln im Körper stecken hatte. Eine in der rechten Schulter, die andere etwas unterhalb davon. Sie müssten noch etwas wandern, sagte der Leutnant, bevor man sie gut herausschneiden könne.
Er sagte dies beiläufig, so beiläufig wie andere anmerken, dass es noch etwas dauert, bis der Kaffee fertig ist. Vielleicht warf er die Bemerkung auch deshalb so beiläufig hin, weil er sechzehn Jahre Bürgerkrieg erlebt hatte. Dann stand er auf und sah nach seiner Tochter, die mit den anderen Frauen am Nachbartisch saß.
Es war Silvester.
Der Adjutant stand noch immer da wie eine Statue. Er war wie ein Schatten, der alles sah und erspürte, bevor es geschehen würde, und der bei Bedarf sofort und bedingungslos reagieren würde. Er war genau so, wie ein Adjutant per Definition zu sein hat.
Auf seinem Gesicht lag eine beklemmende Ernsthaftigkeit, und ich hatte den Eindruck, dass dieses Gesicht schon das eine oder andere gesehen hatte, dass man besser nicht sehen will. Der Adjutant war 22 Jahre alt.
Mobilmachung für den Frieden
Wir aßen kleine Klumpen Fisch und scharfen Maniok, den Chanaka, der Koch, gebracht hatte. Dann stellte ich dem Leutnant zwei Fragen.
Ich fragte ihn, ob er mir den Bürgerkrieg in wenigen Worten erklären könne. Und ich fragte ihn, ob dieser Krieg nun wirklich vorbei sei. Keine Bomben, keine Anschläge, keine in die Luft gesprengten Passagiermaschinen, keine Selbstmordattentate in Colombo, keine Brände im Dschungel oder in den Dörfern, keine Minen oben in Jaffna und keine Toten mehr, die unversehens auf die Straßen flogen.
Der Leutnant sprach gutes Englisch, in dem nur ein leichtes singhalesisches Knattern mitschwang, und er antwortete knapp, offen und freundlich. Er sagte, dass die TT, die Tamil Tigers, nur einen kleinen Teil der Bevölkerung ausmachten, aber einen Großteil der Insel verlangt hätten. Sie hätten fast zwei Drittel Sri Lankas gefordert. Inakzeptabel.
Der Leutnant nahm einen Schluck. Dann sagte er, dass der Krieg nun vorbei sei. Aus. Schluss. Mehr sagte er nicht. Die anderen Männer am Tisch, darunter ein Doktor und ein Pensionsbetreiber, lauschten seinen wenigen Worten. Dann griffen sie sie auf und wiederholten sie unisono, wie muntere Papageien: War Over. Over. Over. Over. Over. Over. Over. Over. Over.
Es herrschte noch immer tropische Finsternis um uns herum. Es war kurz vor Mitternacht.
Als es soweit war, schüttelten wir uns alle die Hände. Einige der Männer umarmten sich gegenseitig, ihre Frauen umarmten sie jedoch nicht. Es geschah schnell und war nach kurzer, schmerzloser Zeremonie wieder vorbei. Patme, der Diener, kam heran und brachte zwei Flaschen Ascot Gin. Nun also war 2010, und wenige Meter von uns entfernt rauschte der Ozean.
Bevor der Leutnant nach Hause wollte, nahm er einen letzten Schluck, wobei er das Glas mit der Linken nahm, weil der rechte Arm noch etwas Zeit braucht; die Kugeln müssen erst wandern. Wir prosteten uns zu: Happy New Year.
Ich drehte mich um und blickte zu der großen Palme neben unserem Tisch. Dort stand, im Dunkeln kaum auszumachen, der Adjutant. Regungslos und in kompletter Camouflage, die Augen präsent wie zwei geladene Waffen. Der Schatten des Leutnants, mit seinem gehorsamen ernsten jungen Gesicht.
Er hatte den ganzen Abend über kein einziges Glas Wasser getrunken, keinen Bissen zu sich genommen und kein Wort gesprochen. Er stand einfach nur da, zu allem bereit.




