Die Erosion des Realen
Hanne Bahra unterwegs auf Usedom
Seit diesem Sommer weiß ich, dass ich mich immer noch vor der Dunkelheit fürchte.
Ich, eine Frau, die gern allein durch die Welt fährt, mit wirklicher Gefahr ebenso kokettierend wie mit weiblichem Heldenmut. Aber man ist eben doch nie für alle Eventualitäten gerüstet, trotz Kartenwerk, Kompass und ständiger Beschwörung des siebten Sinns. Ich wollte mich nicht in Gefahr bringen, weiß Gott nicht. Sonst wäre ich doch nicht nach Usedom gefahren, einer zivilisierten Insel in der Ostsee, dem kleinsten aller Weltenmeere, fast eine Pfütze, ohne nennenswerte Gezeiten und mit spärlicher Flora und Fauna. Allenfalls Quallen können hier die Menschen erschrecken. Oder ein paar Glatzen. Hier beginnen Butterfahrten, aber keine Abenteuer.
Beunruhigend war höchstens das Alter meines notdürftig zum Wohnmobil umgebauten Kleinbusses, um dessentwillen mir schon Autoversicherungen ihren Beistand gekündigt hatten. Ich fuhr von einem Badeort zum nächsten und steuerte dann in der Dämmerung irgendeinen Schlafplatz direkt an den Dünen an. Mondscheintarif zwischen Sonnenuntergang und Hahnenschrei, wenn ich morgens nur rechtzeitig erwachte und leise vom Parkplatz rollte.
Die Hitze des Tages aber hatte nicht nur Teerstraßen zerschmolzen und Hintern verbrannt, sondern auch den schweren, verlässlichen pommerschen Boden in Treibsand verwandelt. Der Parkplatz war eine Wüste. Wäre ich noch bei Tageslicht angekommen, hätte ich die Gefahr erkannt. So aber, nachtblind und müde, steuerte ich mitten hinein in heimtückischen Zuckersand. Der Wagen schlingerte wie ein Schiff auf kabbeliger See und warf schließlich Anker. Wütend verbiss sich das linke Hinterrad im grundlosen Grund, begrub auch Decken, Handtücher, Schlafsack darin, alles, was ich zur Stabilisierung der Lage auftreiben konnte. Ich wühlte mit bloßen Händen im feindseligen Sand. Verdammt, wo waren Schaufel und Taschenlampe? Hilfe!
Niemand hörte den Ruf, keiner sah meine Schieflage. Mein flehendes Hupen ließ in den Caravans nur das letzte Licht verlöschen. Mondscheinversiegelte Schlachtschiffe im sicheren Hafen.
Nur wer sich in Gefahr begibt, kommt darin um.
Ich war gestrandet.
Einsam auf Usedom. Der Toteninsel.
Ach, nicht so schlimm für jemand, der sowieso lieber allein ist, so kämpfte Vernunft gegen aufkeimende Panik. Doch schon heulte ich mit dem Wind, der die wilden Schatten der Kiefern auf mich zutrieb. Als schließlich auch noch die Stoßstange im Krater versank, nahm ich Abschied vom Leben. Aus und vorbei. Nie wieder würde es Tag werden. In dieser fortschreitenden Erosion des Realen wurde ich zum seelischen Strandgut. Gleich würde das Meer in schwarzen Wellen über mir zusammenschlagen.
Da begann es zu regnen. Zu den Nachtschattenängsten gesellte sich wieder der praktische Lebenssinn, und mit der Ergebenheit einer zum Tode Verurteilten kroch ich in meinen Bus. In die Koje gerollt und vor Kälte und Unglück zitternd – die wärmenden Decken hatte der Drachen gefressen –, träumte ich von einem Retter. Einem, der mit einer Herde starker Rösser den Karren aus dem Dreck ziehen würde. Und das mir, einer Frau, die so gern allein durch die Welt zieht!
Schon hörte ich das Donnern der Hufe. Als ich erwachte, war es halb fünf. Mein Prinz kam in einem sonnenblumengelben, knatternden Trabbi herbei, kontrollierte die Parkplätze und sammelte die Müllsäcke ein. Und dann zog er eine Schiffbrüchige aus dem Urmeer archaischer Ängste an Land. Angesichts der Umstände erließ er mir auch die Parkgebühr. Ich aber fahre seitdem nie mehr blindlings auf unbekannte Parkplätze.
Von Hanne Bahra sind etliche Reisebegleiter und Kulturführer erschienen, vor allem für die Ostseeregion. So zum Beispiel "Mecklenburg-Vorpommern" (gemeinsam mit Johann Scheibner im Bucher Verlag) und der "Familien-Reiseführer Ostseeküste" (Companions Verlag).




