Heute: Namensgeber

Warum die Dahlien nicht Georginen heißen

An einem Kalendertag, zu dem in anderen Jahren schon die Forsythien blühen, bringt ein Blick in den Garten nichts als kahle Bäume und Sträucher. Mit der vagen Aussicht auf einen vielleicht im April einsetzenden Frühling geht es uns indessen besser als William Forsyth (1737 bis 1804), nach dem der aus Asien stammende Strauch benannt ist. Der Schotte hat nie eine Forsythie gesehen. Als die Pflanze nach Europa gebracht wurde, war er schon seit Jahrzehnten tot. In kollegialer Verbundenheit gab ihr ein dänischer Botaniker Forsyths Namen.

Forsyth machte zu seiner Zeit von sich reden als Erfinder einer Salbe für Baumwunden. Er wurde, weil die Kriegsschiffbauer gut gewachsenes Eichenholz brauchten, belobigt und bekam ein ansehnliches Geldgeschenk. Übelmeinende Konkurrenten warfen ihm vor, er sei ein Quacksalber, sein Mittel enthalte im Wesentlichen nichts als Kuhdung. Aber sei’s drum, dem alles in allem sehr verdienten Gärtner, einem Gründungsmitglied der angesehenen British Horticultural Society, wurden und werden ausreichend Denkmäler gesetzt. Sie stehen in vielen (überhebliche Kleingärtner sagen: in viel zu vielen) Gärten und sollen, nach der Blüte, kräftig zurückgeschnitten werden, damit sie sich verjüngen und im nächsten Jahr wieder rundum gelb gleißen.

Pech für Herrn Georgi

Freuen wir uns über diese Erfolgsstory, so schmerzt uns ein anderes Kapitelchen aus der an Irrtümern, gutem Willen und Willkür reichen Geschichte der Benennungen. Dem Deutschen Johann Gottlieb Georgi (1729 bis 1802), einem Geographen, Chemiker und Botaniker in russischen Diensten, wurde die Ehre zuteil, dass ein in den Hochebenen Mexikos und Guatemalas heimischer Korbblütler nach ihm benannt wurde. Dumm nur, dass die elegante Blume, die wir alle kennen, kurz vorher schon einmal benannt worden war, und zwar von einem spanischen Botaniker, der mit seiner Namenswahl an den schwedischen Pflanzenkundler Anders Dahl erinnerte.

Die Dahlie, die inzwischen in Hunderten von Sorten unsere spätsommerlichen Gärten ziert und als Schnittblume eine glänzende Karriere gemacht hat, wird nur noch in Skandinavien und Osteuropa nach Georgi benannt, überall sonst, auch in China, heißt sie nach Dahl, was zwar den Regeln der Nomenklatur entspricht, aber schon ein bisschen schade ist, weil Georgine so schön klingt. Anders als den Forsythienstrauch, der was aushält, müssen wir die Dahlie, genauer gesagt ihre Knollen, im Spätherbst ausgraben und ins Haus holen, weil sie Dauerfrost nicht übersteht. Wieder ausgepflanzt wird, Gärtnerregel, erst nach den Eisheiligen Mamertus, Pankratius, Servatius und Bonifatius, nicht zu vergessen die kalte Sophie (11. bis 15 Mai).

Die Regeln, nach denen Pflanzen klassifiziert und benannt werden, hat der schwedische Botanik-Gigant Carl von Linné (1707 bis 1778) festgelegt, wobei auch er es sich nicht nehmen ließ, mit seiner Namensgebung Leute zu ehren, denen er sich verpflichtet fühlte, so, wie Astronomen bis in unsere Tage neu erspähte Himmelskörper, je nach Neigung und Not, mit den Namen von Gelehrten oder Geliebten oder Geldgebern belegen. Eine Pflanze, die ich zuerst in Italien, später in ihrer Heimat China bewunderte, nannte Linné…

Nein, erst muss ich eine kleine Geschichte einstreuen, die sich 1993 in Bolsena ereignete, rund 100 Kilometer nördlich von Rom. Als ich auf einer kleinen Piazza des Städtchens in betörendem Purpur blühende Bäume sah, fragte ich an einem Zeitungskiosk, wo ich eine zwei Tage alte „Süddeutsche“ und eine tagesfrische „La Repubblica“ erstand, nach dem Namen dieser Bäume. Da wurde die Miene des Verkäufers feierlich, und er sprach: „Warten Sie, ich schreibe Ihnen das auf.“ Mit Bleistift notierte er auf einem Kärtchen in eleganten Versalien den Namen LAGERSTROEMIA INDICA. Langsam, damit der Tourist ihn auch verstehe, erklärte er, die Pflanze sei nach einem schwedischen Botaniker benannt, der sie aus dem Orient nach Europa gebracht habe. Das sichert dem Zeitungsverkäufer einen Platz in meinem Gedächtnis, und bis heute ärgere ich mich, seinen Namen nicht erfragt zu haben. Nach so einem Zeitungsverkäufer würde man doch gern eine Blume oder einen Stern benennen.

Dass der Mann vom Kiosk ihn für einen Botaniker hielt, hätte Magnus von Lagerstroem (1691 bis 1769), dem Direktor der Königlich Schwedischen Ostindien-Kompanie, sicher gefallen. Er war kein Botaniker, hat sich aber um die Botanik verdient gemacht, weil auf den Schiffen der von ihm befehligten Flotte Studenten des Mediziners und Botanikers Carl von Linné mitreisen durften, um Asiens Flora zu erkunden. Den Namen Lagerstroemia indica gab Linné 1759 einem Weiderichgewächs, womit nicht nur Lagerstroem, sondern auch dessen Ostindienkompanie zu Ehren kam, und dies, obwohl die Pflanze nicht aus Indien, sondern aus China stammt. Man sieht, Linné war nicht nur genial, sondern im Umgang mit Gönnern auch hinreichend gewandt. Die Pflanze, die als Strauch oder Baum wächst, verschönt während der Sommermonate in Peking mit ihrem Blütenflor zu Tausenden die Straßenränder und heißt dort ziwei shu, Purpurgehölz. In Deutschland verwendet kaum ein Zierholzgärtner den schön deskriptiven Zweitnamen Chinesische Kräuselmyrte, sondern sagt fachmännisch Lagerstroemia wie der unvergessene Zeitungsverkäufer in Bolsena.

Ein bekehrter Priester und ein glückloser Erfinder

Vor langer Zeit ereignete sich in eben diesem Bolsena ein Blutwunder. Es widerfuhr im Jahr 1263 einem deutschen Priester aus Böhmen, Peter von Prag, der an der Lehre von der Transsubstantiation, der wahrhaftigen Umwandlung von Wein und Brot in Leib und Blut Christi, seine Zweifel hegte. Zur Festigung seines Glaubens begab er sich auf eine Pilgerreise nach Rom. Er machte Station in Bolsena, feierte dort in der Kirche Santa Cristina pflichtgemäß die Messe und ward umgehend bekehrt. Denn aus der Oblate, die er zum Munde führte, floss etwas, das man für Blut hielt, und befleckte das Altartuch. Das Textil wird bis heute als Reliquie im prächtigen, eigens wegen des Blutwunders erbauten Dom der nahen Bergstadt Orvieto bewahrt. Papst Urban IV., ein Flame, hielt das Ereignis für bedeutungsvoll genug, das bis dahin aufgrund fiebriger Visionen der Chorfrau und Mystikerin Juliana von Lüttich nur in Flandern gefeierte Fest Fronleichnam (Leib des Herrn) als allgemeinen Feiertag der römischen Kirche auszurufen.

Der göttliche Raffael hat Peters Messfeier von Bolsena auf einem Fresko im Vatikan verewigt, natürlich ohne zu ahnen, dass der Allmächtige für das Blutwunder ein Bakterium entsandt hatte. Der Erreger zeichnet sich dadurch aus, dass er während seines Wucherns Lebensmittel, zum Beispiel Polenta oder Hostien, und fleischliche oder pflanzliche Gewebe, zum Beispiel Rinderhäute oder Priestergewänder, rot oder orange einfärben kann – ein Phänomen, das im Mittelalter europaweit Blutwunder zeitigte, so auch im badischen Walldürn, wohin bis heute Jahr für Jahr Tausende von Gläubigen wallfahren.

Rund fünf Jahrhunderte nach dem Wunder von Bolsena hielt der Allmächtige einen italienischen Pionier der Mikrobiologie namens Bartolomeo Bizio davon ab, den von ihm 1819 beobachteten Erreger, was nahegelegen hätte, etwa nach Santa Cristina oder nach Peter von Prag oder nach Bolsena zu benennen. Stattdessen bescherte er Bizio den Einfall, den rötenden Organismus mit dem Namen Serratia marcescens (wobei marcescens, in etwa, schlapp machend heißt) zu belegen, was im ungeschriebenen Buch über die Geschichte der Benennungen dem Kapitel „Gut gemeint“ zugeschlagen werden könnte.

Bizio ehrte mit Serratia marcescens nämlich einen glücklosen Florentiner, den Mönch Serafino Serrati, der mit Mikrobiologie noch viel weniger zu tun hatte als Magnus von Lagerstroem mit der Botanik. Serrati konstruierte ein Dampfboot, das 1795 auf dem Arno nach ein paar hilflosen Runden schlapp machte und seinem Erbauer fast so viel Spott eintrug wie dem als Schneider von Ulm bekannten Flugpionier Albrecht Ludwig Berblinger, der 1811 mit seinem (bei günstiger Thermik vermutlich sehr wohl flugtauglichen) Hanggleiter in die Donau stürzte.

Den Patrioten Bizio wurmte es, dass als Erfinder des Dampfboots meist der Amerikaner Robert Fulton genannt wird, wo doch Serrati zwölf Jahre früher losgetuckert war. Fultons Dampfkähne kamen auf dem Hudson dann allerdings flotter voran und fuhren am Ende reichlich Geld ein. Übrigens hielt Bizio das Bakterium, das heute keine Wunder mehr, mitunter aber schwer kurierbare Erkrankungen bewirkt, weil es gegen gewisse Antibiotika resistent ist, für einen Pilz oder eine Alge, was ihm niemand verübelt.

Nur Serrati, der von ihm der Vergessenheit entrissene fromme Florentiner, hadert gelegentlich mit dem Namensgeber. Er zuckt im Katholikenhimmel immer zusammen, wenn auf Erden besorgte Ärzte Serratia marcescens erkennen, beim Namen nennen und zu fluchen beginnen. Während nebenan, im Protestantenparadies, der weltgewandte, geschäftstüchtige Herr von Lagerstroem selig lächelt, wenn ein Urlauber im Blutwunderstädtchen Bolsena fragt, wie denn diese berückend blühenden Bäume heißen.

 



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