Magda - Das Magazin der Autoren

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Im Schwimmbad

Was gut tut

Von Frida Martini

Meine beste Freundin Lilly war der Meinung, wir beide sollten uns mal wieder etwas Gutes tun. Unsere jeweiligen Vorstellungen von dem, was „gut tut“, liegen leider selten nahe beieinander. Lilly versteht darunter meist teures Essen oder in Wellness-Oasen herumliegen, mich kann eher ein mehrtätiges Survival-Training mit Feuermachen, Würmeressen und einem Erdloch als Klo hinter dem Ofen hervorlocken. Das geht aber nicht mit Lilly. Unser kleinster gemeinsamer Nenner, Freizeitbeschäftigungen betreffend, ist das Tanzen. Da aber reden, lästern und jammern diesmal im Mittelpunkt unseres Treffens stehen sollten, ließ ich mich von Lilly überreden und ging mit ihr ins Thermalbad.

„Es ist Wochenende, Lilly. Wir werden sicher von Omas mit Brokkolifrisuren und dicken Kindern belästigt. Außerdem bist du viel zu gestylt für das, was wir vorhaben“, motzte ich, während Lilly lächelnd die Eintrittskarten bezahlte.

„Immerhin gibt es hier keine emotionalen Tretminen. Nichts wird mich an Robert erinnern. Wir hängen einfach im warmen Wasser rum und reden.“ Dafür mag ich Lilly. Sie kämpft immer fleißig gegen ihren Liebeskummer.

Zehn Minuten später befanden wir uns zwischen vielen Omas mit Brokkolifrisuren und vielen dicken Kindern. Wir hielten uns am Beckenrand fest und warteten, dass der Unterwasser-Massagestrahl endlich loslegte.

„Wie geht es dir mit Markus“, fragte Lilly.

„Naja, ich, Markus und sein kleiner Penis, wir sind eine nicht ganz so glückliche Familie, würde ich sagen.“ Der Massagestrahl hämmerte los und ich musste einmal mehr an Markus´ fast unsichtbares Gemächt und meine Oberflächlichkeit denken. Ich hatte schon vier Monate Geduld bewiesen und sämtliche Stellungen probiert, die ein tiefes Eindringen versprachen. Wenn aber nunmal die Seilwinde zu kurz ist, kann man kein Wasser aus dem Brunnen schöpfen.

Lilly und ich schwiegen. Wir wussten beide, wie die Geschichte früher oder später ausgehen würde.

Allmählich formierten sich alle Pool-Insassen schafsherdenartig um uns herum und schauten in Richtung Bademeister: Zeit für Gruppen-Wassergymnastik. Der Bademeister turnte vor im Trockenen, die Schafsherde turnte nach im Nassen.

„Wow, was für ein Adonis! Aber vermutlich dumm wie Bohnenstroh.“ Das ist Lillys typische Schlussfolgerung, wenn ein wie in Form gegossenes Exemplar von Männlichkeit vor ihr steht. Leider liegt sie damit meist richtig.

„Jaaaa...“, säuselte ich, „wie Michelangelos David, nur mit schöneren Haaren. Und Himmel, schau dir die Beule in seiner Hose an!“ Ich sah plötzlich nur noch Schwanz. „Würdest gern rausfinden, ob der auch mit dem nackten David mithalten kann, mh?“ Lilly kannte mich seit achtzehn Jahren. „Mh“, sagte ich und positionierte mich breitbeinig vor dem harten Unterwasserstrahl, der aber immer ausging, wenn es gerade schön wurde.

Ich vergaß Markus´ liebenswerte Art, vergaß seine unendliche Zärtlichkeit, seine Eloquenz, sein jungenhaftes Lachen, ich vergaß alles, und ich hatte das Gefühl, dass die Hose von Michelangelos David gleich platzen würde, wenn ich sie weiter anstarrte. Der Schönling zwinkerte mir zu, während er alberne Paddelbewegungen mit den Armen vollführte. Intellekt war jetzt zweitrangig.

Ich fand heraus, dass der David in einer halben Stunde Dienstschluss hatte. Lilly verstand und buchte sich inzwischen ein einstündiges Salzwasser-Floating-Paket.

Mein David führte mich in die Umkleidekabine. Vermutlich machte er das nicht zum ersten Mal. Es war mir egal. „Ich bin übrigens Frida“, sagte ich noch, dann hielt ich auch schon seinen pulsierenden, festen und vor allem großen Schwanz in meiner Hand. Ich strahlte. Wie ein Kind, das statt Holzroller nun BMX-Rad fahren durfte. Würde Michelangelo noch leben, ich würde ihm diesem Bademeister vorstellen, damit er seinen David an einer Stelle nochmal gehörig ausbessert.

Ich stellte mein Bein auf die kleine Bank in der Umkleide, beugte mich nach vorn, mein David stieß von hinten, umklammerte dabei mit einer Pranke meine Hüften, mit der anderen hielt er mir den Mund zu. Ein Lustschrei von mir, und mein David hätte seine Paddelbewegungen bald einer Arbeitsamts-Tussi vorturnen können. Es roch nach Chlor, nach Toiletten, nach Schweiß und Thermalbadhitze. Es war ein wunderbarer Fick in einer schrecklichen Umgebung. Mein Lustschrei war ein Biss in seine Hand und wir sackten zusammen wie zwei Mehlsäcke.

Ich fühlte mich schuldig. Schuldig, mir nicht Lillys Klagen über Robert und die nichtsnutzige Männerwelt angehört und stattdessen mit einem Bohnenstroh-Bademeister gevögelt zu haben. Ich schlurfte zurück ins Bad und fand Lilly wie ein Stück Treibholz im Salzwasserbecken, umgeben von orange-rotem Meditationslicht und Musik, die mir auf die Blase drückte. Ich fand alles grässlich.

Und ich fühlte mich schuldig wegen Markus. Ich dachte an ihn und schämte mich. Ein bisschen. Da aber Markus auch meine vibrierenden Helferlein ablehnte und mich stattdessen zu einem Paartherapeuten schleifen wollte, wurde es ohnehin Zeit, die Flucht zu ergreifen. Gewisse Dinge kann man nicht herbeireden.


 


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