Kazouris Antwort

Marc Bielefeld unterwegs in der Sahara

Wir hatten zwei Wochen in der Wüste verbracht. Wir fuhren jetzt in einem Jeep südwärts, Richtung Iférouane mit seinen Brunnen, Militärposten, Bettlern und Silberhökern. Die Fahrt würde noch etwa vierzehn Stunden dauern. Es wuchsen Büsche aus dem Sand, karges, trockenes Gestrüpp, sonst lagen weit und breit nur Steine. Sand und Steine, auf zigtausenden, womöglich Millionen Quadratkilometern. Die Sonne war extrem heiß. Da draußen regierte die Glut.

Der Jeep klapperte gen Süden, zwei Weiße, drei Schwarze. Die Schwarzen, alles Tuareg, kannten diese Gegend gut. Sie hatten ihr Land nie verlassen. Sie kannten die wenigen Bäume, die Wasserstellen, einzelne Akazien, sie wussten, wo die Ziegen und Kamele Dornen zum Fressen fanden, oft orientierten sie sich nur an auffällig gewachsenen Büschen.

Etwa sechs Stunden waren wir nun schon an einer endlosen Anhäufung von Steinen entlang gefahren. Zwei parallel verlaufende Wälle, jeder ungefähr einen Meter hoch und anderthalb Meter breit. Zwei Stränge aus Steinen, die sich in wenigen Metern Abstand schnurgerade durch die Wüste zogen, soweit die Augen sehen konnten.

Diese Steine waren heller und grauer als die anderen Steine, die in der Wüste lagen. Offenbar waren sie sorgsam aufeinander gelegt worden, es war keine natürliche Fügung. Zigtausende etwa faustgroßer Steine. Die beiden Wälle durchmaßen die brütende Weite wie ein Wunder. Sie kannten keinen Anfang und sie nahmen kein Ende.

„Was ist das?“ fragte einer der beiden Weißen.

„Es sollte eine Bahnstrecke werden, hoch nach Algerien, bis ans Mittelmeer“, sagte Kazouri, der einzige Touareg im Jeep, der Französisch sprach.

Sie dachten nicht in Kilometern. Distanzen ermaßen sie in Tagen, Monaten, Sonnenaufgängen und Monden, manchmal in Bildern. Große Entfernungen handelten von anderen Ländern, im Extremfall vom Meer.

„Wann ist das hier entstanden?“, wollte der Weiße wissen.

„Als die Franzosen noch hier waren“, sagte Kazouri. „Sie begannen Anfang der fünfziger Jahre, sie haben zehn Jahre lang daran gearbeitet.“

Eine Bahntrasse durch die Glut. Durchs Hoggar, Richtung Adrar, am großen Erg vorbei durchs Nichts. Ein Wall links, einer rechts, gegen die Sandverwehungen, dazwischen sollten die Schienen verlaufen. Erz und Uran, unterwegs nach Europa, bis die Kolonialzeit 1960 endete wie eine Schlange, die man in der Mitte zerhackt.

Wir waren jetzt acht Stunden durch die Wüste gefahren, davon sechs immer entlang der beiden Wälle aus Steinen, die sich durch die Wüste zogen wie ein Wunder, und es war eine unheimliche Spur in die Weite. Sie verschwand erst am Horizont, der keine Linie darstellte, sondern eine Schicht, die durchsichtig und gleißend hell flimmerte. Dahinter zogen sich die beiden Wälle weiter nach Norden, stets weiter, bis Afrika aufhörte.

"Sie haben die Steine bis ans Mittelmeer aufgetürmt?“ fragte der Weiße, der am offenen Fenster saß, während der Jeep nach Süden fuhr.

Kazouri nickte.

„Unglaublich, diese Franzosen!“, rief der Weiße in den Fahrtwind.

Kazouri, der Tuareg, der in der Mitte saß, mit seinem Ledergesicht, wartete mit seiner Antwort sechs, sieben Sekunden länger als sonst. Dann sagte er aus seinen vom Tee und vom Tabak schwarzgekauten Zähnen

„Es waren nicht die Franzosen, es waren unsere Eltern.“

               


 


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Mein fremder Freund: Ob der Islam zu Deutschland gehört, steht dahin. Sicher jedoch ist, dass jeder von uns einen Menschen kennt und mag, der einer fremden Kultur entstammt. Anlass genug, ihn in einer kleinen Portraitfolge aus dem ominösen Migrationshintergrund treten zu lassen, eh ihn Sarrazin abschafft. Ein ähnliches Ziel haben sich die Fotografen Wim Woeber und Ralph Wentz vorgenommen, der Porträts aus der Kölner Keupstraße wir im Rahmen unserer Serie zeigen.



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