Occupy Wallstreet

Wolfgang Michal über falsches Timing in New York

Copyright: Wolfgang Michal

Blick vom Zucotti-Park auf die Welt der Finanzexperten. Hier entstand am 17. September die Occupy-Wallstreet-Bewegung. Unten: Blick von der Brooklyn-Bridge nach Lower Manhattan (Fotos: Wolfgang Michal)

Im August saß ich im Zucotti-Park und versuchte, bei 35 Grad im Schatten einen quarkdicken Milchshake durch einen Strohhalm zu saugen. Mein Blick fiel auf ein bunkerähnliches Gebäude, in dem man Finanz- oder Wirtschaftswissenschaften lehrt. Das Gebäude hatte keine Fenster, es wirkte abweisend und kalt wie ein Parkhaus. Ich dachte, hier müsste eine Bewegung entstehen gegen die Blindheit der Wirtschaftswissenschaften, hier, in diesem seltsamen Park, der nur aus einer großen Steinfläche mit steinernen Sitzgelegenheiten besteht und einem unverbaubaren Blick auf das immer weiter wachsende One World Center und diesen merkwürdigen Wirtschafts-Bunker.

Ich wusste noch nicht, dass Kalle Lasn über Adbusters bereits zur Besetzung der Wallstreet aufgerufen hatte. Ich hätte mich gern mit Kalle Lasn unterhalten. Aber es war absolut nichts los. Also sind wir hinüber in die Wallstreet geschlurft, wo sich die Touristen vor der Börse fotografieren lassen. Es war ein ziemliches Gedränge, und man fühlte sich wie die alte Dreifaltigkeitskirche, wenn man sie von der Wallstreet aus betrachtet: eingezwängt zwischen den Banken.

Danach sind wir über die Brooklyn-Bridge gelaufen, wo der berühmte New Yorker Polizeikessel stattfand. Die Wasserverkäufer verlangten 2 Dollar für ein Fläschchen Leitungswasser. Es war ein schöner Sommertag in New York. Keine besonderen Vorkommnisse. Als wir nach Manhattan zurückblickten, dachte ich an Will Eisners düstere Zeichnungen, die wir am Vormittag im Comic-Museum gesehen hatten. Es ist schon ein komisches Gefühl, wenn man zu früh zu einer weltweiten Bewegung kommt.


 


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Mein fremder Freund: Ob der Islam zu Deutschland gehört, steht dahin. Sicher jedoch ist, dass jeder von uns einen Menschen kennt und mag, der einer fremden Kultur entstammt. Anlass genug, ihn in einer kleinen Portraitfolge aus dem ominösen Migrationshintergrund treten zu lassen, eh ihn Sarrazin abschafft. Ein ähnliches Ziel haben sich die Fotografen Wim Woeber und Ralph Wentz vorgenommen, der Porträts aus der Kölner Keupstraße wir im Rahmen unserer Serie zeigen.


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