Der 111. Mitbewohner

Ein Besuch im Waisenhaus von Novi Han

Von Galina Valsheva

Foto: Andrea Künzig

Der Ball ist rund - solange er hält
Fotos: Andrea Künzig

Der Neue heißt Ivan, wie der Pater. Er ist zwölf Jahre alt, besucht die 6. Klasse, und seit heute ist er der 111. Mitbewohner des Waisenhauses von Novi Han. Hierher hat seine Mutter ihn gebracht. Vor meinen Augen, während ich mit Pater Ivan Tee trank. 

Vor zwei Jahren ist der Vater des Jungen gestorben, und das Leben von Mutter und Kind drehte sich daraufhin mit dem Kopf nach unten. Die Mutter ist arbeitslos. Sie wurde bei der Abteilung Kinderschutz des Sozialamts vorstellig und auch beim SOS-Kinderdorf. Dort gab man ihr wohlfeilen Rat, doch leider ohne Tat. Sie solle das Kind in ein Waisenhaus geben, hieß es nur.

Am Ende erzählten ihr nahestehende Menschen von Pater Ivan. Sie entschied, dass dies das Beste für ihren Sohn sei.

„Pater, darf ich das Kind am Samstag und Sonntag nach Hause nehmen?“

„Selbstverständlich. Das Wichtigste ist, dass wir ihn in der Schule hier in Novi Han einschreiben, und zwar ohne Unterbrechung. Das mache ich gleich am Montag.“

Im weiteren Gespräch ging es um eine Theateraufführung. Der Junge spielte in einem Weihnachtsstück die Hauptrolle. Der Auftritt war ihm sehr wichtig ist; er wollte seine Gruppe nicht im Stich lassen.

Nach diesem Gespräch ging ich schnell in den Hof. Ich fühlte mich hilflos und ohnmächtig. Und die Tränen liefen wie von selbst.

Peng - Ihr seid tot! Kriegsspiele scheinen universell zu sein

Bis zum letzten Platz belegt

Ich war länger nicht mehr in Novi Han gewesen. Dann entschieden meine große Tochter und ich uns spontan, dorthin zu fahren. Es war der 11. November 2009, der Tag des heiligen Mina.

Bei meinem letzten Besuch im April lebten schätzungsweise dreißig Kinder unter zwölf Jahren hier. Doch jetzt reichten unsere Süßigkeiten nicht einmal für die Hälfte der Bewohner. Denn inzwischen leben gut fünfzig Kinder sowie etwa dreißig Jugendliche in Novi Han; dazu fünf Säuglinge mit ihren Müttern. Alles in allem, mit Müttern und Hilfspersonal, 110 Personen!

Sie leben unter diesem Dach, im Hof der Kirche zur „Heiligen Dreifaltigkeit“, und getragen von den Händen Pater Ivans.

Vor zwei Monaten erzählte mir die 19jährige Iva, die hier mit ihren drei Kindern lebt, dass sie eine heftige Krise durchmachten. Im Vorratsraum gab es nur noch ein paar Packungen Reis. Sie wussten nicht mehr, was sie kochen sollten. Sie hatte Pater Ivan noch nie so bitter weinen gesehen. Er stieg am selben Abend ins Auto und sammelte notdürftig Essen für die nächsten paar Tage.

In nur zwei Jahren hat Pater Ivan eine räumliche Erweiterung des Waisenhauses mit moralischer und materieller Hilfe des Architekten Petar Dikov aus Sofia geschafft. Dikov erarbeitete das Projekt und bereitete die amtlichen Papiere vor – alles ohne Bezahlung, als Spende. Leider ist das Projekt dennoch nicht abgeschlossen, da das Geld für den Bau nicht reichte.

Zur Zeit sind sechs Fenster dringend notwendig. Jedes kostet 160 Leva (ca. 80 Euro), da sie besondere Maße haben.

Die elektrische Installation ist noch nicht beendet.

Es werden noch 120 Quadratmeter Laminat benötigt.

Ein großes Problem sind die Babywindeln. Siebzehn Kinder brauchen täglich welche. Hinzu kommen Medikamente.

 

Wenigstens satt und trocken, und ein Dach über dem Kopf

Die Frau mit dem Rucksack

Nach sechs Stunden in Novi Han reisten wir gemeinsam mit der Mutter des „neuen Ivan“ ab. Als wir uns von seinem Namensvetter verabschieden wollten, trat eine Mutter mit einem kleinen Kind ein. Sie trug eine große gelbe Nylontüte und einen Rucksack.

„Ist dies das Waisenhaus von Pater Ivan?“

„Ja.“

„Ist er da?“

„Ja, er ist dort drinnen.“

Sie ging hinein. Wie schön, dass sie Kleidung für die Kinder bringt, dachte ich.

 

Nach etwa zehn Minuten kam der Pater heraus, um sich von uns zu verabschieden. Dabei sagte er:

„Sie kommen aus Stara Zagora! Das liegt 200 Kilometer von hier. Wo soll ich sie unterbringen? Wir haben nichts mehr frei.“

„Wen meinen Sie?“

„Die Frau mit dem Kind. Sie haben sie doch gesehen.“

„Die mit der gelben Tüte und dem Rucksack?“

„Ja. Sie brauchen ein Obdach!“

 

 

Allein, aber irgendwie zu Haus

 

(Der Bericht erschien am 29. November 2009 in der bulgarischen Kirchenzeitung „Dveri“. Die Übersetzung besorgte Ina Delcheva-Mehringer.

Auch in einer lesenswerten Bulgarien-Reportage der ZEIT spielen Pater Ivan und das Kloster von Novi Han eine Rolle.

MAGDA hat eine Medienpatenschaft für dieses Hilfsprojekt übernommen. Mehr darüber erfahren Sie auf unseren Partnerseiten.)

 

 


 


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