Farnsalat und Flughundgulasch

Stefan Schomann unterwegs im Goldenen Dreieck

 

Gewöhnliche gastronomische Reiseberichte handeln von burgundischen Burgschänken, von der sinnesfrohen Südsteiermark oder von den neuesten Creationen (ganz wichtig, das C!) Hamburger Edelrestaurants. Dieser hier jedoch erzählt von Orten wie Pak Chek, Muang Sing und Houay Gmong, Straßendörfern im Norden des laotischen Berglands. Das zwar als “Goldenes Dreieck” berüchtigt ist, in dem es Kopfjäger, Flußpiraten und Goldsucher gibt, in dem die Menschen aber mindestens genauso viel Savoir-vivre besitzen wie in den kulinarischen Hochburgen Europas.

Mein Fahrer Sith macht den Cicerone. Er ist blutjung, trägt Seitenscheitel, Schmalzlocke und ein breites Jimmy-Carter-Lächeln. Mit einer Größe von 1,60 Meter und einem Kampfgewicht von 52 Kilo liegt er etwas unter dem hiesigen Durchschnitt. Man traut ihm ein eigenes Moped zu, wundert sich aber, daß er bereits einen Führerschein besitzt. Doch Sith hat jahrelang Schwerlaster und Überlandbusse durch alle Winkel von Laos gesteuert. Wir befahren die Nationalstraße Nummer 13 von der chinesischen Grenze bis in die Hauptstadt Vientiane. Diese Route durchquert nicht einfach das Land, sie ist das Land, die neue Lebenslinie, der zweite Mekong. Man kann sich Laos als ein einziges großes Straßendorf vorstellen.

 

Ja mach nur einen Plan

Die N 13 muß die kurvenreichste Straße der Welt sein; noch mehr Biegungen ließen sich nirgendwo unterbringen. „Auf gut ausgebauten Strecken“, erklärt Sith vorab, „kannst du für hundert Kilometer drei Stunden rechnen. Auf allen anderen solltest du gar nicht rechnen.“ Ein fester Zeitplan wäre überdies unlaotisch, und so fahren wir aufs Geratewohl durchs labyrinthische Bergland. Und kehren ein, wo es uns gerade passt, in Pak Chek zum Beispiel, in Muang Sing oder in Houay Gmong.

Die Straßenlokale sehen sich zum Verwechseln ähnlich – so sehr, daß ich es gar nicht bemerke, als wir nach einem mehrtägigen Abstecher ein zweites Mal im gleichen Schuppen Station machen. Es sind einfache, zur Straße hin offene Bretterhütten. Die Wände bestehen aus Bambusmatten, das Dach aus Wellblech. Die Küche verbirgt sich in einem dunklen Anbau, der Abtritt liegt nach hinten raus. Die Besitzer wohnen im Geschäft. An der Rückwand die obligate Vitrine für Kartoffelchips, Coladosen und Nescafé. Drei oder vier Wandkalender verschiedener Jahrgänge schmücken die Wände, gestiftet von der Telefongesellschaft oder einer Saatgutfirma. Daneben das farblich überaus unglaubwürdige Poster eines chinesischen Wasserfalls. Eine verstaubte Spiegelkommode, Pyramiden aus Bierkartons und ein ausrangiertes Moped vervollständigen das Interieur. Man sitzt auf roten oder lilablaßblauen Plastikstühlen.

Wenn wir ankommen, gibt es zwei Möglichkeiten. Hat die Wirtin schlechte Laune, weil dieser Nichtsnutz von Ehemann sie mal wieder mit den beiden Kleinen alleingelassen hat und sich irgendwo herumtreibt – was, wie Sith erläutert, in Laos ganz normal sei – , dann ordern wir Föö: Nudelsuppe mit Tomaten, Kohl und ein paar Brocken Rindfleisch, in die man dann noch Limone träufelt, Chili-Sauce kleckert und Kresse, Minze und anderes frisches Grün tunkt. Föö deshalb, weil sie überall gut schmeckt, weil sogar ich sie bestellen kann, und weil es in solchen Läden an solchen Tagen ohnehin nichts anderes gibt als Föö und schlechte Laune.

 

Klebreis ist das Manna der Laoten

Herrscht dagegen gute Stimmung, weil der Gatte nüchtern und zu Hause ist, dazu obendrein sein Bruder und dessen Schwiegermutter mitsamt drei von sieben Tanten aus dem alten Dorf, dann erwartet uns ein Festschmaus. Sith überfliegt zwar die Speisekarte – selbst die laotische Schrift erinnert an Nudelsuppe – , legt sie dann aber souverän beiseite und bestellt ad libitum. Nur Klebreis ordert er nie, denn der wird automatisch in kleinen Bambusdosen aufgetischt. Klebreis ist das Manna der Laoten. Man zupft kleine Klumpen davon heraus, rollt ihn zwischen den Fingerspitzen, tunkt ihn in allerhand Saucen und steckt ihn sich schließlich genießerisch in den Mund.

Unter den Gemüsen finden sich so aparte Gerichte wie Farnsalat, getrocknete Mekong-Algen mit Sesam und Tomaten, zarte Maniokblätter und Rattanmark. Was Fleischspeisen angeht, empfiehlt Sith Eichhörnchensuppe; eine brenzlig schmeckende Angelegenheit, weil die Nager mit Haut und Haar geröstet werden. Aber auch Schlangensülze, Rehsalat, Flughundgulasch oder Wasserbüffellunge stehen zur Wahl. Nur das Omelette mit Ameiseneiern ist nicht zu haben - die falsche Saison. Siths Leibspeise sind Frösche. Nicht die großen Kaliber, sondern kleine Hupfer, die, in siedendem Öl gebraten, als Knabberzeug serviert werden.

Im Grenzgebiet zwischen Laos und Vietnam wurden in den letzten Jahren immer wieder unbekannte Säugetierarten entdeckt. Etwa der Riesenmuntjak, die Saola-Antilope oder das annamitische Streifenkaninchen, dazu etliche kapitale Eidechsen- und Schildkrötenarten. Die Biologen brauchten sich dafür kaum je durch den Dschungel zu kämpfen – die meisten Tiere wurden auf den Marktständen der Bergdörfer „entdeckt“.

Eher Ansammlungen als Siedlungen, besitzen diese weder Dorfplatz noch Tempel. Ihr Zentrum ist die Straße selbst. Auf den ersten Blick ähneln sie einander, doch Sith erkennt die Unterschiede sofort: Hier hausen Khmou, hier Tai Dam, hier Hmong, hier wieder Khmou. Verglichen mit dem Vielvölkermosaik dieser Berge ist der Kaukasus ein kultureller Monolith. Hmong-Dörfer erkenne ich daran, daß Sith besonders vorsichtig hindurchfährt. Die Hmong gelten als streitbar. „Wenn du hier ein Ferkel überrollst, wollen sie gleich eine ganze Sau ersetzt bekommen.“ Schließlich hätte es sich ja zu einer solchen entwickelt. Manche Bauern, mutmaßt er, scheuchten ihr Kleinvieh gar absichtlich auf die Fahrbahn.

 

Der Buddha unter den Bieren

Tatsächlich ist der Straßenrand zugleich Markt- und Spielplatz, Boulevard und Futtertrog. Fahrende Händler bieten Gebrauchswaren vom Buschmesser bis zum Spielzeug feil, umgekehrt verkaufen die Bauern entlang der Straße frische Bambussprossen und Melonen. Hier werden Haare geschnitten und Hemden genäht, Büffel geschlachtet und Bier getrunken. Beerlao, versteht sich. Noch der windigste Kiosk führt die stattlichen, 0,635 Liter fassenden Flaschen. Die Brauerei gilt als das größte Unternehmen des Landes. Was seine Allgegenwart und Beliebtheit angeht, kann Beerlao es mit Buddha aufnehmen, an den auch die goldgelbe Banderole und die unerschütterlich aufrechte Präsenz denken läßt. Es mundet nicht nur vorzüglich, es erleichtert auch die Bewältigung des Alltags. Für hundert Euro erhält man derzeit zum Beispiel 1.238.543 laotische Kip. Wie soll ich je dahinterkommen, auf wieviel Euro sich jene 87.606 Kip belaufen, für die Sith nachgetankt hat? Sobald ich mir jedoch vergegenwärtige, dass dies dem Gegenwert von zehn Bier entspricht, ordnet die Welt sich wieder.

In praktisch allen Reiseführern über Laos findet sich sinngemäß folgender Satz: „Wider Erwarten bildet in diesem südostasiatischen Land nicht etwa Tee, sondern Kaffee das Getränk der Wahl.“ Dieser Satz kann so nicht stehen bleiben. Er muß vielmehr heißen: „Wider Erwarten bildet in diesem südostasiatischen Land nicht etwa Tee, sondern Kondensmilch das Getränk der Wahl.“ Denn ohne Kaffee würden die Laoten ihren Kaffee notfalls trinken, ohne Kondensmilch jedoch auf keinen Fall. Als elfenbeinfarbenes Ejakulat quillt sie aus den Dosen. Ein Seim von ätzender Süße, der jedoch kaum Milch enthält. Auch wenn man das Glas zu einem Drittel damit füllt, die übliche Dosis hierzulande, wird die Brühe nicht heller als die Fluten den Mekong. Dafür gibt es in Laos keine Nachspeisen. Wer solchen Kaffee hat, braucht keine Torten.

 

 


 


Mit ... teilen: 



Artikel empfehlen
Mein fremder Freund: Ob der Islam zu Deutschland gehört, steht dahin. Sicher jedoch ist, dass jeder von uns einen Menschen kennt und mag, der einer fremden Kultur entstammt. Anlass genug, ihn in einer kleinen Portraitfolge aus dem ominösen Migrationshintergrund treten zu lassen, eh ihn Sarrazin abschafft. Ein ähnliches Ziel haben sich die Fotografen Wim Woeber und Ralph Wentz vorgenommen, der Porträts aus der Kölner Keupstraße wir im Rahmen unserer Serie zeigen.


NEU

Streit
15.10.2012

Süsssauer
26.06.2013

Abwesenheitsnotiz
24.12.2011

Kopkas Tagebuch
11.01.2012

Wiese und Weltall
25.02.2013

Bel Etage
03.08.2012

KrossMedia
12.02.2013