Lorenzos Hoffnung

Wie ein gelähmter Musiker Hilfe in Hollywood fand

Von Sabine Böhne

„Die Beine interessieren mich nicht“, sagt Lorenzo Amurri, während ihn sein Freund Giulio mit dem Rollstuhl ins Tonstudio schiebt. „Arme und Hände sind mir viel wichtiger.“ Was gäbe er dafür, wenn er wieder sein Instrument halten könnte. Acht Stunden am Tag hat er früher geübt. Jetzt träumt er manchmal davon, dass er die honigfarbene Konzertgitarre aus dem Koffer nimmt. In solchen Momenten meint er zu fühlen, wie er mit den schlanken Fingern seiner linken Hand über den Gitarrenhals fliegt, während er mit der rechten die Saiten zum Sirren bringt.

Die Gitarre bleibt jedoch stumm. Sie liegt im Koffer in einer Ecke des Studios. Stattdessen fährt der Tontechniker den Song ab, den Lorenzo und seine Freunde in den letzten Tagen aufgenommen haben. „Fleeting Joy“ heißt das Stück. Flüchtige Freude. Giulios weiche Stimme schallt aus den Boxen. Ein sauberer Sound erfüllt den Raum. Zum ersten Mal an diesem römischen Sommertag legt sich ein Lächeln auf Lorenzos Gesicht.

Der 29-Jährige ist querschnittgelähmt. Seitdem er vor dreieinhalb Jahren beim Skifahren verunglückte, kann er seinen Körper unterhalb des Brustkorbs nicht mehr spüren. „Tetraplegie C6 komplett“, steht in seinem Krankenbericht. Mit anderen Worten: Die Beine sind vollständig gelähmt. Darm und Blase sind ebenso empfindungslos wie seine zehn Finger. Nur die Arme und das rechte Handgelenk kann er noch etwas bewegen. Lange hat der Sohn des bekannten italienischen Komponisten Antonio Amurri versucht, die Musik aus seinem Leben zu verdrängen. „Ich war nicht in der Lage, eine CD zu hören.“ Zu schmerzvoll war die Erinnerung an die früheren Sessions mit seiner Band. Zu unerträglich die Grenzen, die ihm seine Behinderung zog. Gleichzeitig bewies Giulio, der Leadsänger aus guten Tagen, wahre Freundschaft. Er stoppte ebenfalls alle musikalischen Aktivitäten. Täglich telefonierte er mit seinem kranken Partner. Regelmäßig kam er ihn besuchen. Er las ihm aus der Zeitung vor, erzählte ihm den neuesten Tratsch aus der römischen Szene und erwähnte mit keinem Wort die heißen Zeiten von früher. Dennoch schwang bei jedem Treffen unausgesprochen die Vergangenheit mit. „Er hat auf mich gewartet“, sagt Lorenzo. Nach zwei Jahren war es so weit. „Lass es uns wieder versuchen“, schlug er Giulio am Telefon vor. Nach einem kurzen Schweigen in der Leitung kam die Antwort: „Va bene.“

Die Kraft in Lorenzos rechter Hand reichte aus, um die Computermaus zu bewegen. Mit dem elektronischen Steuerinstrument und den Ideen in seinem Kopf komponierte er am Powerbook die ersten Arrangements. Mit Giulio schrieb er die englischen Texte. Schlagzeuger David steuerte die Percussion bei. Gemeinsam verfeinerte das Trio, das sich Sidky Lane nennt, die Komposition. Innerhalb von wenigen Wochen entstanden vier Popstücke. Lorenzo wird sie befreundeten Produzenten in New York, London und Hamburg vorspielen. „Mir ist klar geworden, dass die Musik das Einzige ist, was ich wirklich kann“, sagt Lorenzo. „Ich habe diesen Unfall überlebt. Nun habe ich endlich wieder einen Sinn darin gefunden, dass ich nicht gestorben bin.“

Es hat nicht viel gefehlt. Der 12. Januar 1997 ist ein sonniger Tag. Lorenzo ist mit seiner schwedischen Freundin Johanna und ihrem gemeinsamen Freund Alessio auf dem Monte Terminillo, einem Skigebiet bei Rom. „Es war perfekt. Das Wetter, der Schnee, die Stimmung“, erinnert sich Lorenzo, der seit seinem sechsten Lebensjahr Ski fährt. Was dann, kurz vor 13 Uhr, ganz harmlos beginnt, entwickelt sich durch eine Kette von unglücklichen Umständen zu einer Tragödie.

Lorenzo wartet auf Johanna, die nach ihm abfährt. Als er sich nach ihr umdreht, verliert er das Gleichgewicht. Später wird er sich immer wieder fragen, warum er sich in dem Moment nicht einfach hat fallen lassen. Warum der 1,90 Meter große Junge stattdessen dem sportlichen Ehrgeiz nachgibt. Er stößt sich mit den Stöcken ab in der Hoffnung, sich bei der Abfahrt wieder zu fangen. Dabei rast er in eine Senke und verliert endgültig die Kontrolle über seinen Körper.

Plötzlich ist da dieser Liftmast ohne Ummantelung. Lorenzo prallt dagegen und stößt seinen Kopf genau zwischen die stählernen Steigeisen einer Trittleiter. Eine Falle, die ihn beinahe guillotiniert. Während der Kopf zwischen den Sprossen klemmt, schleudert der Körper zur Seite. Bevor das Genick mit einem lauten Knacks bricht, zertrümmert die Wucht der ruckartigen Bewegung eine der Stahlsprossen.

Aus einer 20 Zentimeter langen Schnittwunde sickert Blut in den Schnee. Das rechte Handgelenk liegt merkwürdig verdreht. Die folgenreichste Verletzung bleibt jedoch zunächst unsichtbar. Drei Halswirbel sind gebrochen. Das Rückenmark, in dem Millionen von Nervenbahnen für die Verbindung zwischen Gehirn und den übrigen Körperteilen sorgen, ist verletzt.

Ein Rettungshubschrauber fliegt Lorenzo in das nächstgelegene Unfallkrankenhaus. Neun Stunden Operation. Die Ärzte stabilisieren die Halswirbelsäule mit einem Knochenspan aus dem rechten Becken. Sie retten sein Leben. Die Beweglichkeit des jungen Mannes retten sie nicht.

Lorenzos Zustand ist kritisch. Sein Körper wird nach dem Unfall wie von einem Erdbeben geschüttelt. Das Epizentrum liegt im Rückenmark. Wo Nerven zerquetscht und zerschnitten werden, bilden sich Zysten, die wie bei einem Nachbeben weitere Gewebe in der betroffenen Region zerstören. Sämtliche Organe und Körperteile unterhalb von Lorenzos Brust sind empfindungslos. Er holt nicht mehr richtig Luft und muss 40 Tage lang künstlich beatmet werden. Er schluckt nicht mehr und bekommt eine Sonde in den Magen gelegt. Wochenlang schüttelt 40 Grad hohes Fieber den mageren Körper. Immer wieder machen Lungen- und Blasenentzündungen dem Schwerverletzten zu schaffen. Schließlich greift eine Entzündung am Halswirbel sogar die Speiseröhre an. Er muss noch einmal operiert werden.

Lorenzo ist der verwöhnte Jüngste der Familie. Zum behüteten Nesthäkchen taugt der begeisterte Motorradfahrer und Jack-Kerouak-Leser jedoch nicht. Mit 19 zog er von zu Hause aus. Später studierte er zwei Jahre Gitarre in New York. Monatelang reiste er mit seiner Freundin Johanna durch Indien. Und jetzt sollte dieser freiheitssüchtige Wildfang für den Rest seines Lebens im Rollstuhl sitzend auf die Hilfe anderer angewiesen sein?

Familie und Freunde sind in dieser Situation die Rettung. Johanna weicht kaum von seiner Seite. Im Turnus mit der Mutter und den beiden Schwestern wacht das Mädchen am Bett ihres Freundes. In Windeseile entsteht zudem ein Netzwerk der Hilfe, das bis in die USA reicht. Es ist fünf Uhr morgens, als bei Franco Amurri in Los Angeles das Telefon klingelt. Am Apparat ist Milvia, seine Mutter. Weinend berichtet sie ihrem ältesten Sohn vom Unglück seines Bruders. Franco arbeitet als Drehbuchautor und Regisseur in Kalifornien. Früher lebte er mit Hollywood-Star Susan Sarandon zusammen. Er ist der Vater ihrer jüngsten Tochter, der 15-jährigen Eva. Die beiden haben sich zwar längst getrennt, sind aber gute Freunde. Bevor er zum Flughafen eilt und in die nächste Maschine nach Europa steigt, ruft er Susan an.

Während Franco sich in Europa auf die Suche nach der besten Rehabilitationsklinik macht, lässt Susan Sarandon ihre Verbindungen in Hollywood spielen. Über einen Freund nimmt sie mit Christopher Reeve Kontakt auf. Der amerikanische Schauspieler („Superman“) ist seit einem Reitunfall 1995 vom Hals abwärts gelähmt. Mit seiner Stiftung, der „Christopher Reeve Paralysis Foundation“, unterstützt er die medizinische Forschung und steht in enger Verbindung mit Wissenschaftlern. Sicher kann er den Amurris einen Tipp geben.

Franco ist gerade in der Schweiz unterwegs, als sein Handy klingelt. Christopher Reeve ist am Apparat. Er rät ihm, nach Zürich zu fahren und sich an der Universität mit einem gewissen Martin Schwab in Verbindung zu setzen. Der Professor sei der Mann, der in Zukunft Querschnittgelähmte wieder auf die Beine bringe, so Reeve.

Inzwischen hat sich unter Querschnittgelähmten in aller Welt herum gesprochen, dass am Hirnforschungszentrum der Universität Zürich ein Wissenschaftler sitzt, der an einer bahnbrechenden Methode zur Heilung von Rückenmarksverletzungen arbeitet. Die Stiftung von Christopher Reeve unterstützt das Zentrum mit bis zu 200.000 Dollar im Jahr. Schwab arbeitet jedoch ausschließlich in der Forschung. Er bittet Franco Amurri, seinen verletzten Bruder ins Zentrum für Querschnittgelähmte der Züricher Universitätsklinik zu bringen.

Lorenzo hat Glück. Er bekommt einen Platz. Sechs Wochen nach dem Unfall wird er von Rom nach Zürich geflogen. Neun Monate bleibt er in dem Paraplegikerzentrum. Ein Dreivierteljahr, in dem ihn Ärzte und Krankengymnasten so weit mobilisieren, dass er aufrecht sitzen kann. Die Klinik zählt wegen der direkten Anbindung an die neurowissenschaftlliche Forschung der Universität zur internationalen Avantgarde in der Behandlung von Rückenmarksverletzungen. Aufsehen erregt sie zudem mit ihren technischen Entwicklungen wie dem so genannten Lokomaten, einem Gangroboter. Die Maschine bringt die Beine von Gelähmten zum Schwingen und lässt ihre Füße auf einem Laufband aufsetzen als würden sie eigenständig gehen.

Bei den rund 500.000 Querschnittgelähmten in Europa ist zwar durch die Verletzung des Rückenmarks der Informationsfluss vom und zum Gehirn unterbrochen. Das Gehirn ist jedoch nicht die einzige Steuerzentrale. Es tritt nur in bestimmten Situationen in Aktion, etwa wenn eine Bananenschale vor uns auf dem Bürgersteig liegt und es unseren Beine signalisiert: „Ausweichen!“ Ein großer Teil des Gehens läuft dagegen automatisch ab – beim Geradeausgehen oder beim Stolpern über einen Stein. „Bis hier die Signale über das Gehirn geleitet würden, lägen wir längst am Boden. Der Körper fängt solche Situationen automatisch auf“, sagt Volker Dietz, Direktor des Zentrums für Querschnittgelähmte in Zürich. Autonome Nervenzentren im Rückenmark koordinieren die Reaktionen auf schnellstem Weg. Mit dem Lokomaten lasse sich diese Lauffunktion gezielt trainieren.

Beim Erlernen komplexer Bewegungsmuster, die zusätzlich das Gehirn erfordern, läuft die Maschine jedoch ins Leere. Dietz sieht den Gangroboter daher auch als ein Trainingsinstrument, mit dem er Patienten auf den Tag X vorbereitet. Sobald sein Kollege Martin Schwab grünes Licht für den Antikörper gibt, mit dem sich Nervenverbindungen im Rückenmark regenerieren lassen, wird Volker Dietz bei den ersten klinischen Versuchen mit Menschen dabei sein.

„Natürlich mache ich mir Hoffnungen“, sagt Lorenzo Amurri, der nur mit Mühe ein Glas in seiner rechten Hand halten und zum Mund führen kann. Er hat gelernt, sich selbst einen Katheter zu legen und die Blase zu entleeren. Dennoch ist er ständig auf einen Pfleger angewiesen.

Ob Lorenzo jemals von der neuen Methode profitieren wird, ist ungewiss. Die Ärzte halten sich bedeckt. Einstweilen verfolgt er den Rat von Prof. Dietz, die Behinderung zu akzeptieren, sein Leben aktiv und lebenswert zu gestalten. Dabei halfen die Ingenieure des Züricher Zentrums auch praktisch. Sie fertigten für ihn eine Manschette an, in die ein Gitarren-Plektron eingeschweißt ist.

Im Tonstudio ist die Stimmung high. Lorenzo und die Jungs sind mit den Aufnahmen beinahe fertig. Noch einmal lässt der Tontechniker den letzten Song ablaufen. „Fleeting Joy“-Flüchtige Freude. Zwischen Giulios mehrstimmigen Gesang und den elektronischen Rhythmus mischt sich der sirrende Klang eines Instruments. Lorenzo sitzt leicht vornüber gebeugt in seinem Rollstuhl. Auf seinem Schoß liegt eine Slidegitarre. Sie ist etwas kleiner als die herkömmlichen Instrumente und hat einen breiteren Hals. An seiner linken, fast vollständig gelähmten Hand trägt er die Manschette mit dem Plektron aus Zürich. Langsam streicht er damit über die Seiten. Gleichzeitig zieht er mit einem Metallröhrchen, das auf dem Mittelfinger der rechten Hand steckt, über den Hals der Gitarre. Der Tontechniker hebt lächelnd den Daumen. Die Aufnahme läuft.   

 


 


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Mein fremder Freund: Ob der Islam zu Deutschland gehört, steht dahin. Sicher jedoch ist, dass jeder von uns einen Menschen kennt und mag, der einer fremden Kultur entstammt. Anlass genug, ihn in einer kleinen Portraitfolge aus dem ominösen Migrationshintergrund treten zu lassen, eh ihn Sarrazin abschafft. Ein ähnliches Ziel haben sich die Fotografen Wim Woeber und Ralph Wentz vorgenommen, der Porträts aus der Kölner Keupstraße wir im Rahmen unserer Serie zeigen.


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