Spielzeugdiät

Spielzeugfreie Zeit in Kitas ist pädagogisch wertvoll

Von Claus-Peter Lieckfeld

„Wollen wir uns einen Pflanzenfresser bauen … aus Holz?“ lockt Luke, sechs, und stellt sogleich eine weiterführende Betrachtung an: „Dann müssen wir ihn aber auch anmalen und im Sommer gießen. Weil der lebt ja im Wasser.“

„Nööö ich bau weiter Hubschrauber.“ Linus, fünf, hat einen ausgemusterten Heizlüfter von zuhause in seine KiTa (Kindertagesstätte) mitgebracht. Das Blechungetüm wird mit Eierkartons und Schnüren auftakelt, auf dass ein Fluggerät entsteht. Aber irgendwie – wie genau, das weiß nur Linus -  ist das ganze auch ein Heißluftballon … hmmm? Vielleicht ein Ballonschrauber?

Akribisch protokollieren die drei Erzieher des Kinderladens pinepako e.V. in Berlin-Friedrichshain die Spielinhalte und -verläufe der Zwei- bis Sechsjährigen; für sie gehört das zum Alltag der dreimonatigen spielzeugfreien Zeit. Schon zum zweiten Mal haben die 18 Pinepakos mit ihren Betreuern – in einer Art lustvollem Trauermarsch – so gut wie alle Spielzeuge in die Kellergruft unter ihrer Kindertagesstätte getragen: Bücher, Spiele, Puppen, Plüschtiere, Bastelzeug, Kasetten, Knete, diverse Baukästen und einiges mehr.

Aber dieses Mal gibt es keine Schreckstarre wie noch letztes Jahr angesichts der leeren Räume, in denen nun die verbliebenen Regale, Möbel und Teppiche den Kinderschall nicht mehr schlucken können.

Es wird losgespielt. Die Akteure haben zwar kein vorgefertigtes Spielzeug mehr, aber sie dürfen sich Alternativen suchen. Vor allem jedoch haben sie – merke: spielzeugfrei ist alles andere als spielfrei! – endlich mal wieder Zeit für sich: Sie allein bestimmen, wie und was gespielt wird. Dauer-Animation ist abgesagt, befristet.

Die Spielzeugdiät schlägt gut an. „Wir erleben einen wunderbaren Ausbruch von Kreativität und Spielwitz“, sobald die inspirierende Leere da ist, berichtet Jana Neumann, eine der drei Erzieher/Innen.  Und die Rollenspiele gehen plötzlich weit über die obligaten Mutter-Vater-Kind-Mini-Soaps hinaus. Die „Drehbücher“ werden zusehends umfangreicher und intensiver. Die Kinder – nun unbehelligt von den Spielzeug-Leitplanken an den Zimmerwänden – wagen die Fahrt in unbegrenzte Phantasiewelten. „Wir sind jetzt Eichhörnchen und brauchen die Tischbeine als Äste. Los, dreht die Tische um!“

Neues, anderes Spielzeug wird gebastelt. Aus leeren Joghurtbechern entstehen Hüte; aus den Resten eines gefällten Apfelbaumes wird Holzmehl geraspelt, um Holzkaffee zu kochen – aber halt stopp! – mit dem hellbraunen Sud lässt sich doch prima malen. Und noch etwas ergibt sich, bemerken Sabine Soyka und Gaston Leiras-Wenzcel, die beiden anderen Betreuer: Zu Spielzeugdiät-Zeiten - bei den Pinepakos ist das im Frühling und Frühsommer - werden auch Kinder einbezogen, die sich sonst eher hinter Spielzeug verstecken.

Das ist adultes Lernerlebnis für die drei Erzieher, denn auch KiTa-Profis neigen dazu, die Defizite von notorischen Alleinspielern zu übersehen. So nach dem Motto: Eva-Maria ist halt schon sehr reif, still, konzentriert, zielbewusst.  Und auch die ganz Kleinen, die sonst leicht außen vor bleiben, sind plötzlich mitten drin. Etwa weil sie als „Kleinkinder-Stars“ die fehlenden Puppen ersetzen dürfen.

Die Idee, Vorschulkinder zeitweise von den Materialschlachten zwischen Playmobil und Tausend-Teile-Puzzle freizustellen, stammt aus der Suchtforschung. Anfang der Neunziger hatten Elke Schubert und Rainer Strick,  Pägagogen aus dem oberbayerischen Weilheim, aus einer umfangreichen Suchtstudie eine Erkenntnis gewonnen, die sie nicht nur alarmierte, sondern auch motivierte: Wenn es denn stimmt, so sagten sie sich, dass suchtkranke Erwachsene auffällig häufig als Kinder Defizite  in Sachen „Lebenskompetzen“ (Eigeninitiative, Entschlusskraft, Ausdauer, Kooperativität, Empathie, Mut) erlitten haben, dann gilt es, das Aufbrechen solcher „Leerstellen“ zu verhindern. Und das möglichst früh, noch vor Beginn der Schulzeit.

Der Mut der Weilheimer Pioniere, bildsame Bilderbücher und ausufernde, aber pädagogisch wertvolle Bastelangebote beiseite zu lassen, muss, rückblickend betrachtet, höher eingeschätzt werden als jede Sprossenwand und jedes Decken-Mobile. Uränggste der Eltern brachen damals - und brechen manchmal noch heute - auf: Kindern vor dem Eintritt in den Schulalltag ihr Qualitätsspielzeug entziehen? Das, um alles in der Welt, ist doch wie Vitamine-Entzug … oder schlimmer?

Selten hat eine pädagogische Idee schneller und vollständiger Recht bekommen als die der befristeten Spielzeugdiät. Es wird, sobald der KiTa-Pluralis ludens („… und jetzt wollen wir mal alle schön zusammen…“) abgesetzt ist, mehr eigeninitiativ gelernt; es werden Pläne und Lösungen diskutiert und ausprobiert; es gibt Spaß-Lernen aber auch reichlich Gelegenheit, mit Frust fertig zu werden.

Letzteres ist die hohe (Vor)Schule. Und das auch für die Erzieher. Die nämlich müssen es fertig bringen, sich ungewohnt weit zurückzunehmen, geduldig zu warten, ob und wie die Gruppe aus kleinen Fehlschlägen lernt.

Die Pinepako-Kinder hatten beispielsweise einen Kino-Besuch beschlossen. Die kluge Einrede der etwas älteren Kinder – „Wir müssen erst anrufen, was gespielt wird … und wir müssen die Uhrzeit wissen “ – wurde buchstäblich überrrannt. Die Meute stand zweimal (!) vor dem geschlossenen Kino, brav und kommentarlos begleitet vom Betreuer Gaston.

Für ihn und seine beiden Kolleginnen sind die spielzeugfreien drei Monate eher arbeitsreicher als die Normalzeit. So werden über die ganze Zeit ausführliche Beobachtaungsprotokolle geführt, gespickt mit wunderbarer Kurzprosa („Ay, du Mutter! Pass mal auf. Wenn dein Kind nicht tut, was die Mutter sagt, muss die Mutter immer traurig gucken … guck mal: sooo!“).

Und es gibt vermehrt Elternabende. Die dienen schon im zweiten Spielzeugfrei-Jahr der Pinepakos nicht mehr dazu, allfälllige Elternskepsis zu zerstreuen. Es geht überwiegend darum, gemeinsame Erfahrungen zu vertiefen. Wandra zum Beispiel hat zuhause ratzfatz alles Spielzeug weggeräumt. Soll sie doch, oder? Olli will nur noch „Selberspielzeug“ haben. Prima, oder?

Und es geht auch - wie am Schluss jeder Diät - darum, den Level am Ende der drei Monate langsam wieder hochzufahren. „Was sollen wir zuerst holen, was vermisst ihr denn am meisten?“, fragt Sabine Soyka. 

Lange keine Antwort; die Frage brennt offenbar unter keinem der 180 Fingernägelchen.

 

P.S.: Am 14. Juni forderte Reinhard Kahl (Autor des Szene-DVD-Bestsellers „Treibhäuser der Zukunft“) im Deutschlandfunk: Die Schulen müssen von der praktischen Pädagogik der KiTas lernen.


 


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Mein fremder Freund: Ob der Islam zu Deutschland gehört, steht dahin. Sicher jedoch ist, dass jeder von uns einen Menschen kennt und mag, der einer fremden Kultur entstammt. Anlass genug, ihn in einer kleinen Portraitfolge aus dem ominösen Migrationshintergrund treten zu lassen, eh ihn Sarrazin abschafft. Ein ähnliches Ziel haben sich die Fotografen Wim Woeber und Ralph Wentz vorgenommen, der Porträts aus der Kölner Keupstraße wir im Rahmen unserer Serie zeigen.


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