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Amerikanische Erlöser

Vor der deutschen Kirche in Jerusalem kam die Nächstenliebe aus Missouri

Am Heiligen Abend vor einem Jahr war ich in Jerusalem.  Das ist in Israel ein Tag wie jeder andere. Keine Tanne, kein Engelein und nirgendwo eine Lichterkette weisen auf Christi Geburt hin, aus naheliegenden Gründen. Aber kann ein christlich sozialisierte Mitteleuropäer den Abend des 24. ohne Kerzenschein und „Oh du Fröhliche“ aushalten, und das ausgerechnet hier, wo alles stattfand?

Gegen Mitternacht laufen Menschen durch die Dunkelheit Ost-Jerusalems zu den christlichen Kirchen. Die lutherische deutsche Gemeinde und viele Europäer und Amerikaner treffen sich im neuromantischen Prachtbau der Erlöserkirche, die Wilhelm II. am Ende des 19. Jahrhunderts bauen ließ. Der Pilgerboom ins Heilige Land klang gerade aus, und seitdem erinnert nur noch das Kinderspiel von der „Reise nach Jerusalem“ an die Platznot unter den Frommen. Auf den Stufen vor dem steinernen Kirchenportal der Erlöserkirche wildes Drängeln. Zum Glück habe ich ein Ticket. Ohne Ticket kommt niemand hinein.

Drinnen ist es feierlich und ein wenig kühl. Viele haben jüdische Freunde mitgebracht, einige arabische. Gepredigt wird auf Deutsch und auf Englisch, und wir singen. Während des ganzen Gottesdienstes bleiben die Türen der Kirche verschlossen. Es ist nämlich so: Irgendwann hat sich bei den Bewohnern von Jerusalem herum gesprochen, dass hier besondere Feiern stattfinden, und nun kommen einige, um das fremde Ritual zu sehen. So eine Art Ethno-Tour, denke ich, wie bei den rituellen Tänzen der Eingeborenen im Urwald, nur werden dieses Mal wir beguckt, und es ist wahrscheinlich weniger sinnlich.

Als alles vorbei ist, gibt es ein Glas Wein und Plätzchen auf den Treppenstufen und Aufgängen und Umgängen des Innenhofes, der die Anmutung von Schutz und Großzügigkeit einer Kreuzfahrerkirche behalten hat. Dann formiert sich der nächtliche Pilgerzug der Gemeinde ins siebeneinhalb Kilometer entfernte Bethlehem, ein langer Fußweg und ein spiritueller Pfad durch die Nahost-Dauerkrise. Ich mache mich auf den Heimweg.

Ich wohne ungefähr zehn Minuten von der Erlöserkirche entfernt im Österreichischen Hospiz. Das ist ein wunderbares Haus mit einem Garten mitten in der Jerusalemer Altstadt, in der sich die drei Weltreligionen auf einem Quadratkilometer um ihre Symbole Klagemauer, Felsendom und Via Dolorosa bekriegen,zur Zeit am wenigsten die Christen. Manchmal ziehen Chinesen in diesen Tagen mit dem Kreuz auf dem Rücken am Haus vorbei wie durch einen Woody–Allen-Film, und niemand kann mir erklären, warum gerade Chinesen. Wie groß die Anspannung zwischen den Stadtmauern ist, merkst du erst, wenn du von draußen ins Hospiz zurückkehrst, und sie fällt von dir ab.

Aber wie kann ich jetzt dorthin kommen? Ich hatte gedacht, mehrere Kirchgänger hätten denselben Weg und ich könnte mich anschließen. Aber nein. „Sie dürfen auf keinen Fall alleine gehen, das ist zu gefährlich“, sagen die Mädchen vom Info-Stand am Ausgang. Ich frage einen Pfarrer. Ob er mich begleite, den kurzen Weg? Nein, sagt er, er fahre jetzt mit dem Auto nach Hause, und das sei weit. Ich frage den zweiten. Nein, sagt er, und er sehe auch gar nicht, wie ich jetzt zum Österreichischen Hospiz kommen könne. Es gebe keine Verbindung. Den dritten Pastor wage ich schon nicht mehr um ein Zeichen christlicher Nächstenliebe zu bitten, er schaut aktiv weg, in aller Eile.

Ich gehe nach draußen, stelle mich auf die Stufen und schaue in den Himmel über Jerusalem. Es ist Mitternacht, es ist dunkel, langsam leert sich der Platz vor der Kirche, zwischen mir und meinem Bett liegt ein Irrgarten schmaler, grauer bedrohlicher Souks, und das Ganze mitten in einem nicht erklärten Krieg.

„What’s wrong?“ fragt ein große blonde Frau von der anderen Seite der schmalen Gasse. Ich sage ihr, worum es geht. „Oh, we are from Missouri“, ruft sie herüber, als wäre das eine Erklärung, und es ist auch eine. “We walk you home.“

Meine Retterin und ihr Mann hatten keine Einlasskarten. Sie waren den ganzen Weg gekommen und konnten am Heiligen Abend nicht in die Kirche. „Sie Glückliche“, sagt sie ohne Neid, während wir, einen kleinen handgekritzelten Plan in der Hand, durch die menschenleeren Souks laufen.

Als das Portal des Hospizes aufleuchtet, hätte ich die beiden am liebsten umarmt. Wie kann ich Ihnen danken? frage ich. „Give it to the next person“, rufen sie, während sie in einer engen Gasse verschwinden. Geben Sie es weiter!


 


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