Diesseits von Eden

Ein Besuch in den Gärten von Valloires

Copyright: Baie Attitude

Prächtige Blüten, blühende Pracht: die Jardins de Valloires (Foto: Baie Attitude)

Schneebälle, unzählige Schneebälle. Dick, weiß, rund. Und das an einem Frühsommermorgen! Die Zweige der Sträucher neigen sich tief unter ihrem Gewicht. Der Gewitterregen der vergangenen Nacht hat die Blütenkelche schwer gemacht und ihren Duft weggespült. Man muss die Nase zwischen die tropfenden Blütenblätter stecken, um ihr süßschweres Parfüm einzusaugen. Knapp 70 verschiedene Arten der Gattung “Viburnum”, auf deutsch Schneeball, drängen sich hier zusammen. Manche Blüten sind männerfaustgroß und dicht gefüllt, andere fragile Gebilde, zart wie Schmetterlingsflügel.

Mit prüfendem Blick schaut sich Romain Duthilleul, seit 3 Jahren Direktor der „Jardins de Valloires“, in dem grün-weißen Rund um. Der schmale junge Mann entspricht so gar nicht dem landläufigen Bild vom Gärtner mit grüner Schürze und wettergegerbtem Gesicht. Doch wie er mit sicherer Hand das Wasser aus einigen Blütenköpfen schüttelt, zwei, drei gebeugte Zweige hochbindet, verrät, wie sehr er den Pflanzen „seines“ Gartens verbunden ist.

Doch Gärten muss es heißen! Denn die Jardins de Valloires sind ein Ensemble aus fünf Anlagen in verschiedenen Stilen, angepflanzt auf einem sanft abfallenden Gelände und umschlossen von den Backsteinmauern der Abtei Valloires, einem einstigen Zisterzienserkloster. Unweit der Somme-Bucht liegen sie versteckt im Hügelhinterland der Picardie, gut geschützt vorm Nordseewind im Tal des dunkelgrün dahinplätschernden Flüsschens Authie. Unter Gartenfreunden gilt dieser zeitgenössische Hortus conclusus als Geheimtipp. Dass er überhaupt existiert, ist nur dem Zufall zu verdanken.

„Für einen Garten braucht man ein Stückchen Land und die Ewigkeit“, hat Gilles Clément gesagt, der Schöpfer dieser grünen Schatzkammer. Die Jardins de Valloires waren sein erster großer Wurf, ehe der Landschaftsarchitekt mit so prestigeträchtigen Projekten wie dem Parc André Citroën berühmt wurde, der 1999 in Paris eingeweiht wurde. Der heute 69-Jährige hat seit langem einen Lehrauftrag an der Ecole Nationale Supérieure du Paysage in Versailles.

Die Ewigkeit ist seit der Öffnung der Valloires-Gärten nicht vergangen, aber immerhin 25 Jahre. Jahre, in denen eine ganz besondere Saat aufgehen konnte. Den Garten anzulegen, stellte Clément nämlich damals vor die Herausforderung, seine Arbeit von hinten zu beginnen: Nicht die passenden Pflanzen für einen zuvor gewählten Standort zu wählen, sondern für Tausende von bereits vorhandenen Bäumen, Stauden und Samen einen gemeinsamen Platz zu finden. Diese waren das Geschenk des Pflanzenhändlers Jean-Louis Cousin aus Calais. Als der sich in den 80er Jahre zur Ruhe setzen wollte, besaß er noch an die 3000 Stauden, Bäumchen und Sämereien, vorwiegend asiatischen Ursprungs. Er wollte sie verschenken – aber niemand griff zu. Bis er auf einen Lokalpolitiker stieß, der begriff, was für eine großzügige Gabe das war und der half, mit dem Zisterzienserkloster das Terrain und mit Clément einen unkonventionellen Gartenarchitekten zu finden. Im Laufe zweier Jahrzehnte haben nun die fernöstlichen Gewächse in der picardischen Erde feste Wurzeln geschlagen.

Am Morgen trieben von der Küste her noch große Wolkenfrachter über den Himmel. Jetzt drängt die Sonne ihre Strahlen dazwischen. Und im Garten der Inseln, der im englischen Landschaftsstil angelegt ist und in dem auch die Schneeball-Beete liegen, flammen die Farben auf - Eidottergelb, Tulpenrot, Fliederlila.

„Im Inselgarten hat Clément die Pflanzen nicht nach Arten, sondern nach Farben und Formen zusammengestellt“, erklärt Direktor Romain Duthilleul. Auf der Goldinsel glänzen im Herbst die Blätter von Madonnenholunder und Haselnussstrauch goldgelb; auf der Wintergarten-Insel kleiden sich Bäume in auffallende Rinden. Einem Ahorn mit weiß-schwarz gefleckter Haut tätschelt der Direktor den Stamm: „Der trägt Schlangenlederdesign.“ Daneben schmückt sich eine Birke mit rosa-orangefarbener Rinde. Im „Bizarretum“ streckt die verdrehte Süntelbuche ihre Zweige wie Korkenzieher in den Himmel. Auf der „Schmetterlingsinsel“ taumeln im Sommer die bunten Falter um Honigpflanzen wie Akazie und Buddleia.

Eine Lücke zwischen zwei Hecken entlässt die Besucher auf einen ungemähten Wiesenhang. Hohe Gräser und Wildblumen wiegen sich im Wind. Von hier fällt der Blick hinunter auf den ehemaligen Klostergarten. Im Mittelalter zogen die Mönche in den Rechtecken Kräuter und Gemüse. Jetzt strecken rund tausend Rosenstöcke ihre blütenschweren Arme den Gästen entgegen. Von oben gesehen verweben sich ihre matten, prunkvollen Farben zu einem Orientteppich: pfirsich- und aprikosefarben, korallenrot und lachsrosa, dazwischen weiße und gelbe Tupfer. Und mittendrin Quadrate mit grasgrünen Kugeln - Salatköpfe. Sie sind nicht nur eine Verbeugung vor an der Arbeit der Mönche, sondern landen auch auf den Tellern des kleinen Restaurants am Eingang. Wer mag, darf aber auf der Wiese picknicken. Vorausgesetzt, er nimmt seinen Abfall wieder mit.

„Aus Zufall verschlägt es keinen hierher“, sagt Duthilleul. Eine Stunde Autofahrt ist die barocke Abtei – ein Feuer hatte die mittelalterlichen Bauten im 17. Jahrhundert bis auf den Kreuzgang zerstört – von Amiens entfernt und eine halbe von den breiten Sandstränden der Sommebucht. Je näher man Valloires kommt, desto schmaler wird die Straße an jeder Abzweigung. Links und rechts spannen sich apfelgrüne Flachsfelder. Dazwischen kauern Gehöfte aus Klinkerstein. Tauchten nicht regelmäßig Hinweisschilder auf, man könnte meinen, man habe sich längst verirrt. Aber dann legt sich das Teerband in enge Kurven, hinunter zur Authie, deren Ufer mit Weiden zugewuchert sind.

Genau hier liegt der Reiz der Jardins de Valloires: Sie sind ein junges, farbenfrohes Paradies mitten im Grün einer alten, etwas verwilderten Kulturlandschaft. Sie spielen mit dem Gegensatz von umschlossener und freier, von geordneter und belassener Natur. In der Anlage selbst hat Gilles Clément mit der Starrheit des französischen Gartens gebrochen. Die Pflanzen hier sind nicht unterworfen, sondern liebevoll gezähmt. Und wenn der Wind Samen aus der Umgebung über die Mauer trägt, bitte sehr, dann dürfen auch diese hier und dort sprießen. „Jardin en mouvement“ nennt der Gilles Clément dieses Konzept - „Garten in Bewegung“. Es ist Ausdruck seines umweltpolitischen Verständnisses. Mit dem machte er 2007 sogar Schlagzeilen: Als Nicolas Sarkozy Staatspräsident wurde, annullierte Clément aus Protest gegen dessen Umweltpolitik alle Projekte mit der Regierung.

Ein anderer berühmter Name ist mit Valloires verbunden, der des Rosenzüchters David Austin. Er schuf die „Rose of Picardy“, eine Sorte mit kräftig-roten Blüten, die fruchtig duften. “Der Name ist eine Reminiszens an das berühmte Lied „Roses of Picardy“, erklärt Direktor Duthilleul. Britische Soldaten sangen es im Ersten Weltkrieg auf ihrem Weg an die nordfranzösische Front. Die Nase voller Rosenduft kann man sich heute nicht vorstellen, dass ganz in der Nähe, an der Somme, 1916 eine der schrecklichsten Schlachten der Geschichte gefochten wurde. Nach vier Monaten Stellungskrieg waren eine Million britischer, französischer und deutscher Soldaten getötet oder verwundet.

Glockenläuten und Kinderlachen dringen über die Backsteinmauer, hinter der die einstigen Klostergebäude liegen. Ein Schlagzeug scheppert gedämpft. „Drüben haben sie jetzt Musikstunde“, meint Romain Duthilleul. In den Räumen, in denen den Mönchen einst Stille geboten war, leben und lärmen heute Kinder, die aus schwierigen Familienverhältnissen stammen. Sie haben in Valloires einen friedlichen, versteckten Platz gefunden, typisch für einen Zisterzienserorden – nahe am Wasser und weit ab vom Schuss.

Der zuletzt geschaffene „Garten der Fünf Sinne“ macht vor allem Kindern Spaß. Was in fremden Gärten üblicherweise verboten ist, ist hier ausdrücklich erlaubt: Pflanzen anfassen und Früchte pflücken. So dürfen sie Stachelbeeren naschen und Sauerampfer kauen und sollen erraten, welche Pflanzen nach Zitrone, welche nach Cola oder Kakao riechen. Als wir vorbeikommen, stehen ein Vater und seine Tochter geneigten Ohrs vor einer Zitterpappel und lauschen dem Blättergeraschel. Vor kurzem hat Direktor Duthilleul etwas Neues hinzufügen lassen: einen großen Bienenstock. „Die Bienen gehören zum Gärtnerteam“, sagt er, „sie leisten die Bestäubungsarbeit im Park.

Der Weg zum Ausgang führt durch den Sumpf. Ein Bach windet sich vorbei an Weiden, Erlen, Pappeln. Ein japanischer Kuchenbaum lässt seine biegsamen Äste bis ins Wasser hängen. Seine Blätter riechen nach Karamell – aber erst im Herbst, wenn sie fallen. Bevor man das Paradies endgültig verlässt, kann man am Ausgang neben Rosenwässerchen und Blumenbüchern noch ein nützliches Mitbringsel erstehen: Eine Schachtel mit lebenden Marienkäfern für die ökologische Schädlingsbekämpfung im eigenen Garten.

Tipps und Infos:

Am Abend des 30. Juni 2012 wird es in den Valloires-Gärten richtig laut werden. Im Rahmen des Festivals „Jardins en scene“ wandelt sich der stille Ort zur Bühne für das grandios inszenierte Trommelspektakel der Gruppe Transe Express.

www.jardinsenscene-picardie.com/

Jardins de Valloires
80120 Argoules
Tel: 0033 (0) 3 22 23 53 55

www.jardinsdevalloires.com (Website auf englisch und französisch)


 


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Mein fremder Freund: Ob der Islam zu Deutschland gehört, steht dahin. Sicher jedoch ist, dass jeder von uns einen Menschen kennt und mag, der einer fremden Kultur entstammt. Anlass genug, ihn in einer kleinen Portraitfolge aus dem ominösen Migrationshintergrund treten zu lassen, eh ihn Sarrazin abschafft. Ein ähnliches Ziel haben sich die Fotografen Wim Woeber und Ralph Wentz vorgenommen, der Porträts aus der Kölner Keupstraße wir im Rahmen unserer Serie zeigen.


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