Nach oben buckeln, nach unten treten?

Bei der Tour de France gibts nicht nur Speichenlecker

Seit längerer Zeit belästige ich Sie an dieser Stelle regelmäßig mit meinen sportlichen Erfolgen. Die von früher, kurz nach dem Krieg. So eine Kolumne ist ja prima dazu geeignet, den starken Mann zu spielen und über Dinge zu berichten, die sonst kein Mensch drucken würde. Ich sag nur: Siege! Sie pflastern meinen Weg wie die Knie eines Tennisspielers auf dem Ascheplatz. Außerdem lecken sie die Wunden meiner altersbedingt zunehmenden Eitelkeit, es geht schließlich mit jedem Jahr brutal abwärts mit der kinästhetischen Differenzierungsfähigkeit.

Was nicht anderes heißt als: Scheiß zentrales Nervensystem! Du lässt Bälle fallen, trittst daneben oder fällst vom Rad. Wahrscheinlich hat mich mein poröses Kleinhirn  bereits bei der sauerländischen Niederwerfung im Stich gelassen, mit deren Schilderung ich Sie schon mehrmals heimsuchte. Schlimm damals. Wenn ich Herrn Alzheimer sanft zur Seite schiebe, fällt mir immer wieder gramgebeugt ein, wie ich durch einen Sturz kurz vor dem Ziel doch kein Bottroper Meister im Skifahren geworden bin. Ich muss das endlich mal psychotherapeutisch aufarbeiten.

Dafür bleibt Lanzarote, und wie; auch wenn Sie nun glauben, dass ich ein Rad ab habe, aber ich konnte an einem Morgen im April des Jahres 1996 beim knüppelharten Anstieg zwischen La Santa und Tinajo den Berufsrennfahrer Bjarne Riis überholen. Nun werden Sie sagen, na und: Wer zum Teufel ist Bjarne Riis? Pfffffft. Dann kann ich, dann muss ich jetzt ehrfurchtsvoll die Stimme senken und so leise wie ein geöltes Ritzel im Rückenwind säuseln: Drei Monate später gewann er die Tour de France. Zugegeben, er fühlte sich bestimmt ein wenig überfahren, als ich schwer schnaufend an ihm vorbeiventilierte, doch der Erfolg bleibt. Im Ruhrpott würde man sagen, er kriegte von mir die Kette am schmecken, und in der Tat: Sporthistorisch war das für mich so, als würde ich heute Sebastian Vettel  mit einem VW-Golf überholen.

Mein Ausreissversuch dauerte ungefähr zwei Atemzüge. Aber für mich war es eine Ewigkeit, ein Triumpf der unbekränzten Möglichkeiten. Bjarne fuhr in einer kleinen Gruppe den Berg hinauf, er wirkte dabei so angestrengt wie ein Gewichtheber beim Kinderwagenschieben. Ich schlich mich von hinten an ihn heran, oder ehrlicher gesagt: Mein Kopf drohte zu zerplatzen und die Adern traten hervor, bis sie so dick wie Fahrradschläuche waren. Dann ging ich aus dem Sattel - wir Könner nennen das Wiegetritt - und buckelte mich aus dem letzten Loch pfeifend an dem großen Meister vorbei. Er blickte kurz zu mir herüber und schaute nachgerade sauer aus; ich glaube, die Beleidigung Ihrer Majestät der Felgenquäler wäre nur noch größer gewesen, wenn ich in Badelatschen vom Hollandrad aus meinen Schatten auf ihn geworfen hätte.

Er zuckte kurz, weil er sich wohl nicht sicher war, wie er mich am besten verachten sollte. Als ich schätzungsweise eine hexadezimale Sekunde vor ihm her strampelte, hörte ich ihn pfeifen (nicht aus dem letzten Loch!). Worauf er mich mit seinen Speichenleckern so windschnittig einholte, dass ich fürchtete, vom Sog seiner Wut verschluckt und in die Schlucht gespuckt zu werden. Ich versuchte mich an sein Hinterrad zu klemmen, aber alle Gesetze der Physik hatten sich plötzlich gegen mich verschworen. Ich sah ihre schwankenden Hinterteile noch über der Kuppe des Berges verschwinden. Ich wusste gar nicht, wie hässlich Ärsche grinsen können. Als ich endlich oben war, fühlte ich mich ganz schön gerädert.

Eigentlich war ich beruflich auf Lanzarote. Ich sollte Rennradfahren lernen und mit Bjarne Riis ein längeres Gepräch führen. Wenn mir vorher die Humorlosigkeit  dieses dänischen Fettverbrenners bekannt gewesen wäre, hätte ich sofort die Reihenfolge gewechselt. Stattdessen hatte er sich meinen Namen geben lassen - daher wurde aus unserem längeren Gespräch ein raunziges Wortgefecht, das so lange dauerte wie einmal Reifen flicken. Wenn überhaupt.

Meine Redaktion war natürlich nicht sehr glücklich darüber, sie verdonnerte mich deswegen zur zügigen Abarbeitung von Punkt eins, was für mich bedeutete: sich frühmorgens mit hageren, süchtigen Typen zu treffen, die so lange in den engen Hosen herumfummelten, bis sie ihren Freudenspender für den Sattel familienfreundlich ausgerichtet hatten und sich nicht mal mehr von einem  steifen Glied in der Kette aufhalten lassen wollten. Ausgezehrte Kilometerfresser, die zum Frühstück Nudeln mampften, weil sie nachts schweißnass von Kalorien träumten. Echte Kerle , die sich für ihre Seniorenrennen in Kamp Lintfort oder Wuppertal-Elberfeld an die Hinterräder der Profis klebten, um schleimspuckend, aber glücklich über Stunden deren Zahnkränze zu bestaunen. Und die nach einer Woche fragten: „Sag mal, ist das eine schöne Insel?“

Doch sie brachten mir wirklich das Radfahren bei. Sie sagten: „Wer Helm trägt, zeigt Schwäche“, auch bei Abfahrten mit sechzig Sachen; und riefen, wenn einer pinkeln musste: „Zieh es hoch und spuck es aus!“ Sie streichelten ihre Räder, die sie liebevoll „Schätzchen“ nannten, viele nahmen Hotelhandtücher für die Pflege ihres Ritzels. Nach einer Woche wusste ich, was es heißt, im Windschatten zu fahren und so dicht am Rad des Vordermannes zu bleiben, dass kein Flicken mehr dazwischen passte. Torpedo Dreigang war ganz weit weg. Stattdessen schmierte ich meine blankrasierten Beine mit Franzbranntwein und den wundgescheuerten Hintern mit Lebertran ein. Nach tausend Kilometern steckten sie für mich eine Kerze an. Ich musste weinen. Danach gab es Nudeln.

Jetzt war gerade wieder Tour de France und ich dachte oft daran, wie ich das Radfahren lernte. Ich dachte nicht an Lance Armstrong, der sich selbst vom Sockel stürzte und endgültig im tiefen Sumpf des Dopingverdachtes stecken blieb. Er war für mich immer ein großer Held, auch wenn er sich, wie viele über ihn schreiben, nach seinem Hodenkrebs besonders gut mit Medikamenten auskennt. Ich dachte auch nicht an Alexander Nikolajewitsch Winokurow, der nach einer zweijährigen Sperre durch die Berge hechelte, als wäre nie etwas gewesen. Nicht an die vielen geschmierten Reporter der letzten Jahre. Nicht an den Sieger Alberto Contador, der einfach weiter fuhr, nachdem seinem stärksten Gegner Andy Schleck am Port de Balès die Kette absprang. Nicht mal an Fabian Cancellara dachte ich, dessen Rad, ha, ha, gedopt gewesen sein soll, weil es angeblich einen Elektromotor im Rahmen versteckt hatte. Wie heiter, aber ich wollte nicht wie ein Journalist denken.

Ich wollte diesmal nur Rennradfahrer sein. Einer, der die Schmerzen am Abend in den Waden kennt. Denn der Sport hat mich nie wieder losgelassen,  deshalb auch das hier: Vor mir aus kann jeder dopen. Gebt das Zeug endlich frei! Sie sind doch irgendwie alle rollende Apotheken, was ihre Leistungen für mich nicht im geringsten schmälert. Es bleibt die Kraft ihrer Beine. Die Kraft ihrer Herzen. Die Kraft ihres Willens. Sie fahren in drei Wochen über 3600 Kilometer. Sie hetzen in einer Geschwindkeit über grausam steile Berge, bei der sie in jeder Dreißigerzone geblitzt werden würden. EPO für alle! Weg mit der Heuchelei! Lassen Sie es sich gefälligst gesagt sein von jemandem, der Bjarne Riis überholte. Aber spätestens jetzt muss es raus: Ich hatte auch was genommen. Einen Radler, auf nüchternen Magen.


 


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Mein fremder Freund: Ob der Islam zu Deutschland gehört, steht dahin. Sicher jedoch ist, dass jeder von uns einen Menschen kennt und mag, der einer fremden Kultur entstammt. Anlass genug, ihn in einer kleinen Portraitfolge aus dem ominösen Migrationshintergrund treten zu lassen, eh ihn Sarrazin abschafft. Ein ähnliches Ziel haben sich die Fotografen Wim Woeber und Ralph Wentz vorgenommen, der Porträts aus der Kölner Keupstraße wir im Rahmen unserer Serie zeigen.



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