Feine Fäden

Posamente ziehen sich wie ein roter Faden durch die Geschichte der Stoffe und Staffagen

Von Sabine Böhne

Foto: Gattermann

Die rote Seidenbespannung an den sechs Meter hohen Wänden ist verschossen. Die Applikationen, die darauf vom Boden bis zur Decke reichen, sind angeschwärzt. Der Staub und die Feuchtigkeit von fast 300 Jahren haben die einst goldfarbenen Tressen ruiniert. „Wir haben lange überlegt, wie wir sie restaurieren können“, sagt Nadja Kuschel, als Restauratorin der Stiftung Preußische Schlösser und Gärten auch im Potsdamer Neuen Palais tätig. Dort zieren die filigranen Gespinstfäden aus Seide und geplättetem Silberdraht seit dem Jahr 1765 das so genannte Tressenzimmer. Wenn die Potsdamer im nächsten Frühjahr den 300. Geburtstag des Hausherren Friedrich II. feiern, soll die kostbare Deko wieder glänzen.

In Deutschland kommen nur wenige Experten für den Auftrag infrage. Einer von ihnen ist Tobias Gattermann aus München. Der Posamentiermeister hat sich darauf spezialisiert, historische Borten, Fransen und Quasten originalgetreu zu rekonstruieren. In seiner Posamenten-Manufaktur arbeitet er mit drei Mitarbeitern für Schlösser, Opernhäuser und Privatleute in ganz Europa.

Der Begriff Posamenten stammt von dem französischen Wort „passement“. Gemeint ist das „Durchziehen“ des Fadens bei dekorativen Besätzen wie Bordüren, Bändern und Behängen. Wie ein roter Faden zieht sich das Kunsthandwerk durch die Geschichte der Stoffe und Staffagen. Tressen und Troddeln zierten seit der Antike Decken oder Prunkkissen. Fransen und Quasten baumelten an Galauniformen ebenso wie an Pferdegeschirr oder Damenroben.

Ursprünglich dienten die Besätze zum Schutz von Saum und Stoßkanten. Fransen liefen als Kettfäden aus dem Gewebe heraus, wurden verknotet und verhinderten so das Ausfransen des Stoffes. Was zunächst rein praktische Gründe hatte, machte auch optisch viel her. Bereits die Pharaonen liebten Gewänder mit reichem Bortenbesatz und Quastenschmuck. Unter den Arabern stieg im 8. Jahrhundert die sizilianische Stadt Palermo zum ersten italienischen Zentrum für die Seiden- und Posamenten-Produktion auf. Später breitete sich die Kunst der kleinen Fäden in ganz Italien aus. Neben Königen und Kaufleuten begehrten vor allem Päpste und Bischöfe den textilen Pomp. Als italienische Handwerker im 14. Jahrhundert an den päpstlichen Hof in Avignon auswanderten, fand die Posamentier-Kunst bei Ludwig XIV. großen Anklang. Versailles mit seiner verschwenderischen Ausstattung prägte fortan den Stil in ganz Europa.

Hatten Adel und reiche Kaufleute ihre Paläste zum Schutz gegen die Winterkälte bis dato mit schweren Wandteppichen geschmückt, waren nun feine Bespannungen aus Seide und kunstvolle Draperien „en vogue“. Die Nachfrage nach Quasten, Troddeln und Kordeln stieg. Eine teure Marotte, da Textilien damals viel kostbarer waren als Möbel. Der Grund: Die Herstellung der Besätze ist langwierig und erfordert höchste Geschicklichkeit. Für große Quasten werden beispielsweise einzelne Fäden aus Seide oder Wolle um eine Holzform gewickelt und kunstvoll geflochten.

Vor allem die Hugenotten besaßen genügend Fingerfertigkeit für die „passementerie“. Als sie vor ihren religiösen Verfolgern am Ende des 17. Jahrhunderts aus Frankreich flohen, verbreiteten sie das Kunsthandwerk in ganz Europa. Dabei änderten sich die Formen mit den Moden. Für das 18. Jahrhundert sind zierlich gearbeitete Stücke wie die Tressen im Potsdamer Neuen Palais typisch. Hundert Jahre später wurden die Quasten pompöser, die Borten und Bordüren rustikaler. War zunächst Seide bevorzugt, kamen nun Wolle und Baumwolle zum Einsatz. Das Prinzip blieb jedoch das Gleiche: „Posamenten waren ein wichtiges Status-Symbol, das eine Umgebung enorm aufwertete“, sagt Vera Roeser, Textilrestauratorin der staatlichen Schlösser und Gärten in Hessen. Das Prinzip galt bis in die 40er Jahre des 20. Jahrhundert. Berühmtes Beispiel: das wallende Kleid aus grünem Samt, das Hollywood-Stylist Walter Plunkett 1936 für Scarlett O’Hara in dem Film „Vom Winde verweht“ entwarf. Am Kordelgürtel baumelten zwei Quasten der Größe „extra large“. 

In Deutschland gehört Schloss Sanssouci zu den ersten Adressen der Posamenten-Kunst. Für die dekorative Ausstattung mit Vorhängen, Raffhaltern und fein gearbeiteten Fransen-Gehängen scheute Friedrich II. keine Kosten. "Allein im Jahr 1768 hat er laut einer Schatullen-Rechnung 9764 Reichstaler für Tressen im Neuen Palais ausgegeben. Im Vergleich dazu kosteten Kronleuchter für das Theater 1000 Reichstaler", sagt Christa Zitzmann, leitende Textilrestauratorin. Im Schloss Sanssouci erstrahlt das Rokoko-Interieur mit seinen aufeinander abgestimmten Seidentapeten, Vorhängen und Posamenten längst wieder in altem Glanz.  

Daran hat auch die Dresdnerin Susanne Heilmann einen großen Anteil. Allein 300 winzig kleine Knöpfe oder zwölf filigrane Seidenquasten fertigte sie nach historischen Vorlagen allein für das Voltaire-Zimmer an. Damit die Repliken aussehen wie das Original, arbeitet die Posamentiererin genau wie ihre Kollegen vor 300 Jahren. Sie umwickelt eigens angefertigte Holzformen mit Seidenfäden und fixiert sie mit einem Netz aus feinen Kordeln. Sie dreht kunstvoll von Hand Fransen aus dem so genannten Leonischen Gespinst, einem Metall-Faden. Sie umwickelt winzige Pergamentstücke mit farbigen Seidenfäden und formt daraus millimeterkleine Blütchen. Manchmal braucht sie eine Woche für eine Quaste. Da die historischen Muster in der Regel nicht überliefert sind, muss die Posamentiererin so lange ausprobieren, bis sie die richtige Kombination von Fäden und Farben gefunden hat.

In kriminalistischer Kleinarbeit suchen währenddessen Textilrestauratoren im ganzen Land weiter verschmutzte Quasten, zerfranste Kordeln und ausgebleichte Vorhänge in Dachkammern und Depots und versuchen ursprüngliche Sets für Salons und Schlafgemächer zu rekonstruieren. Die Arbeit wird den Posamentierern so schnell nicht ausgehen. 


 


Mit ... teilen: 



Artikel empfehlen
Mein fremder Freund: Ob der Islam zu Deutschland gehört, steht dahin. Sicher jedoch ist, dass jeder von uns einen Menschen kennt und mag, der einer fremden Kultur entstammt. Anlass genug, ihn in einer kleinen Portraitfolge aus dem ominösen Migrationshintergrund treten zu lassen, eh ihn Sarrazin abschafft. Ein ähnliches Ziel haben sich die Fotografen Wim Woeber und Ralph Wentz vorgenommen, der Porträts aus der Kölner Keupstraße wir im Rahmen unserer Serie zeigen.


NEU

Streit
06.12.2013

Süsssauer
07.04.2014

Die Reportage
06.03.2014

Die Stadt und ich
24.05.2012

Wiese und Weltall
02.11.2013

Bel Etage
15.12.2014

KrossMedia
06.10.2014