Warum stinken so viele Kinos nach Popcorn?
Über die Verwahrlosung öffentlicher Räume (I)
Als Student ging ich drei Mal pro Woche ins Kino. Meist in die Spätvorstellung, 23 Uhr. Es gab noch „Filmkunsttheater“. Sie hießen Türkendolch, Isabella oder Theatiner. Die Kinosäle waren klein, niedrig und immer ein bisschen schummrig. Aber man konnte z.B. alle Filme eines Regisseurs hintereinander sehen. Oder ein ganzes Genre kennenlernen. Manchmal war man mit drei, vier anderen Besuchern allein im Kino. Und hinterher musste man sich beeilen, um den letzten Bus noch zu erwischen.
Man aß nichts, trank nichts, es ging nur um den Film.
Heute befinden sich Tiefgaragen in den Kino-Centern bzw. die Kinocenter sehen aus wie Tiefgaragen. Ihre Vorhallen sind eine Art Kirmes mit Fressbuden und Spielcasino und Nippesverkauf. Die Veloursteppiche trocknen die Kehlen aus und laden die Handys der Kinder auf, in allen Sälen herrscht suchtartiges Multitasking: Popcornfressen aus 20-Liter-Eimern, simsen und quatschen mit den Sitznachbarn. Es gibt riesige Säle für Teenies und winzige Schuhschachteln für Erwachsene. Und vor allem ist es so laut, dass man sich hinterher über die leisen deutschen Städte wundert.
Warum mich das alles so aufregt? Der infernalische Popcorn-Gestank? Die übersteuerten Wandlautsprecher? Die kommentierenden Fans (die den Film schon gesehen haben)? Die Bonbontütenraschler? Die Strohhalmsauggeräusche? Die hin- und her rollenden Flaschen und Coladosen? Der unbegrenzte Einlass für Zuspätkommer? Die dauerquatschenden Zuschauer? Die Werbung über 80 Dezibel? Der scheußliche Merchandising-Müll?
Ich kann im Kino einfach nicht abschalten. Alle Antennen sind dann auf Empfang.



