Prostata und Pusteblume

Rainer Langhans im Dschungelcamp

Von Martin Rasper

Mehr Sanftheit in die Welt! (Foto: RTL)

Das sogenannte Dschungelcamp hat früher überhaupt nie jemand ernst genommen, den einen oder anderen der verpeilten Kandidaten vielleicht ausgenommen. Dieses Mal aber wurde der öffentliche Abenteuerurlaub vom Feuilleton geradezu  enthusiastisch begrüßt – was natürlich an Rainer Langhans liegt, der „fleischgewordenen Pusteblume“ (SZ), der schon ein ehemaliger Star war, als die durchschnittliche RTL-Redakteurin noch gar nicht geboren war.

Übers Dschungelcamp zu schimpfen, ist billig. Ich persönlich bin sowieso fein raus, denn ich kann so einen überdrehten Klamauk gar nicht anschauen, ich ertrage es nicht, rein körperlich. Was mir aber angesichts der derzeitigen Dschungel-Berichterstattung immer schmerzhafter bewusst wird, ist dies: was aus Rainer Langhans, gerade bei den heutigen medialen Möglichkeiten, hätte werden können. Eine Art Weltweiser nämlich, der aus heiterer Distanz uns Alltags-Wusler mit erbaulichen Sentenzen und pointierten Apercus versorgt, ein Dorfältester der alternativen Szene, ein Häuptling Silberwelle mit eingebauter Selbstironie, ein Helmut Schmidt mit Visionen, ein Sloterdijk fürs Herz; ein Einwerfer und Einflüsterer, ein Orakel, eine Pythia mit Prostata.

Vorbilder gibt es: etwa den Schauspieler Wolfgang Neuss, der lange nach dem Ende seiner ersten Karriere als Fernsehunterhalter irgendwann die gültige Form für sein Alterswerk gefunden hatte, nämlich bekifft im Wohnzimmer zu sitzen und der Welt da draußen so beharrlich zu erklären, wie sie eigentlich tickt – immer freundlich, immer zahnlos lächelnd, immer handwerklich sauber, d.h. mit Fallhöhe und Pointe und wenn‘s sein muss auch These-Antithese-Synthese – bis die Welt in Gestalt der SFB-Kameras endlich den Weg in sein Wohnzimmer gefunden hatte und soweit war, seine Weisheit aufzusaugen.

So ähnlich hätte ich mir das auch von Langhans gewünscht. Ansätze dazu waren ja da. Wenn man in München lebt, kann es immer passieren, dass Langhans plötzlich auf dem Fahrrad vorüberfährt, die Silberlocke im Fahrtwind wehend wie ein ferner Widerschein jener frischen Brise, die die 68er einst in die Gesellschaft brachten. Und tatsächlich gab es das mal als Geschäftsidee: „Mit Langhans durch München“, geführte Radtouren. Durch den Englischen Garten ging es da zum Beispiel, wo man früher freie Liebe machte mit weniger Kakerlaken als im Dschungelcamp, und über die Leopoldstraße, wo 1962 die „Schwabinger Krawalle“ losbrachen, frühes Fanal der Studentenrevolte, die dann aber lieber in Berlin stattfand; und Langhans erzählte davon, wie das so war und wie der Mensch durch Meditation, Demut und Sanftheit sich selbst finden kann. Doch irgendwie schlief das Ganze dann ein; auf Dauer ist es wohl doch zu anstrengend bzw. kapitalistisch, mit einer Idee wirklich Geld zu verdienen.

Wie sehr das Volk aber nach dieser Art geistiger Anregung lechzt, wurde in den vergangenen Wochen überdeutlich. Schon als Langhans in Interviews anfing, im Dschungelcamp die „Urszene“ der Kommune 1 zu erkennen, sich auf die „Gruppendynamik“ und die „Selbsterkenntnisprozesse“ zu freuen und das Camp als Chance für abgehalfterte B-Promis bezeichnete, endlich ihr Leben zu ändern, da reagierte das Feuilleton mit geradezu kindlicher Freude. Hoffnung schimmerte auch deshalb auf, als vermeldet wurde, Langhans werde, da Veganer, im Camp nicht gezwungen, sich von den senderüblichen Insekten zu ernähren. Herrliche Logik, muss man erstmal drauf kommen. Aber immerhin wurde hier, wenn auch leider im Gewand der politischen Korrektheit, andeutungsweise so etwas wie Respekt vor dem weisen Alten deutlich.

Doch leider, die Hoffnung trog. Sie kapieren es nicht. Man weiß nicht, ob der Sender auch nur eine Ahnung davon hat, welchen Schatz er da im Dschungel verballert. Wer weiß, vielleicht sind die Zeiten einfach zu bescheuert, vielleicht würde auch der späte Wolfgang Neuss heute nicht gehört werden. Und so ist an dieser Geschichte das einzig Reale wieder mal: die Kohle. Ich gönne sie ihm von Herzen.

 


 


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Mein fremder Freund: Ob der Islam zu Deutschland gehört, steht dahin. Sicher jedoch ist, dass jeder von uns einen Menschen kennt und mag, der einer fremden Kultur entstammt. Anlass genug, ihn in einer kleinen Portraitfolge aus dem ominösen Migrationshintergrund treten zu lassen, eh ihn Sarrazin abschafft. Ein ähnliches Ziel haben sich die Fotografen Wim Woeber und Ralph Wentz vorgenommen, der Porträts aus der Kölner Keupstraße wir im Rahmen unserer Serie zeigen.


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