Warum stinken so viele Kinos nach Popcorn?

Über die Verwahrlosung öffentlicher Räume (I)

Von Wolfgang Michal

Als Student ging ich drei Mal pro Woche ins Kino. Meist in die Spätvorstellung, 23 Uhr. Es gab noch „Filmkunsttheater“. Sie hießen Türkendolch, Isabella oder Theatiner. Die Kinosäle waren klein, niedrig und immer ein bisschen schummrig. Aber man konnte z.B. alle Filme eines Regisseurs hintereinander sehen. Oder ein ganzes Genre kennenlernen. Manchmal war man mit drei, vier anderen Besuchern allein im Kino. Und hinterher musste man sich beeilen, um den letzten Bus noch zu erwischen.

Man aß nichts, trank nichts, es ging nur um den Film.

Heute befinden sich Tiefgaragen in den Kino-Centern bzw. die Kinocenter sehen aus wie Tiefgaragen. Ihre Vorhallen sind eine Art Kirmes mit Fressbuden und Spielcasino und Nippesverkauf. Die Veloursteppiche trocknen die Kehlen aus und laden die Handys der Kinder auf, in allen Sälen herrscht suchtartiges Multitasking: Popcornfressen aus 20-Liter-Eimern, simsen und quatschen mit den Sitznachbarn. Es gibt riesige Säle für Teenies und winzige Schuhschachteln für Erwachsene. Und vor allem ist es so laut, dass man sich hinterher über die leisen deutschen Städte wundert.

Warum mich das alles so aufregt? Der infernalische Popcorn-Gestank? Die übersteuerten Wandlautsprecher? Die kommentierenden Fans (die den Film schon gesehen haben)? Die Bonbontütenraschler? Die Strohhalmsauggeräusche? Die hin- und her rollenden Flaschen und Coladosen? Der unbegrenzte Einlass für Zuspätkommer? Die dauerquatschenden Zuschauer? Die Werbung über 80 Dezibel? Der scheußliche Merchandising-Müll?

Ich kann im Kino einfach nicht abschalten. Alle Antennen sind dann auf Empfang.


 

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Ollyy

http://www.oliver-hallmann.de

Donnerstag, 14-10-10 15:19

Deshalb wurde ja auch das Heimkino erfunden! Dumm nur, wenn man Frau und Kind hat, die genau das Gleicht tun, wie die oben beschriebenen Kinobesucher. :-(

 

Fatima Sarah Parsons

Freitag, 22-10-10 00:33

Genauso geht's mir auch. Ein Horror. Wobei mir in NY weniger der Popcorn Plastik Butter Gestank auf die Geruchsnerven geht als das Geraschele und das Gefluestere und das Schreien der Babies, die gerne mit ins abendliche Kino geschleppt werden, damit man den babysitter spart. Ich sage: Kinderquaelerei. Diese Eltern sind sofort zu verhaften und einen Tag in den Kinos einzusperren und die KInder durefen dafuer bei einer Supernanny frueh zu Bett gehen.. Wolfgang, genial hast du das beobachtet. Du bist ein Supermann!

 

Wolfgang Michal

http://www.magda.de

Freitag, 22-10-10 12:45

Hallo Fatima, schön, dass du endlich mitarbeitest. Wir warten auf weitere New York-Berichte - mit oder ohne Plastik, Butter oder Babies.

 

Alfred Welti

Freitag, 29-10-10 18:36

Wolfgang Michal spricht mir aus dem Herzen. Meine Empfehlung ist, gelegentlich mal ins Hamburger Kino Abaton zu gehen. Alles, was Wolfgang geschildert hat, findet dort zwar auch statt, aber in gemilderter Form, weil dort noch etliche Leute seines Schlages Filme ansehen wollen.

 
 

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Mein fremder Freund: Ob der Islam zu Deutschland gehört, steht dahin. Sicher jedoch ist, dass jeder von uns einen Menschen kennt und mag, der einer fremden Kultur entstammt. Anlass genug, ihn in einer kleinen Portraitfolge aus dem ominösen Migrationshintergrund treten zu lassen, eh ihn Sarrazin abschafft. Ein ähnliches Ziel haben sich die Fotografen Wim Woeber und Ralph Wentz vorgenommen, der Porträts aus der Kölner Keupstraße wir im Rahmen unserer Serie zeigen.


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