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Die Notenbank der Welt

Asiens Frischzellenkur für europäische Musik

Die Geigerin Sarah Chang

Die Geigerin Sarah Chang – ein Glücksfall für Deutschlands Premium-Komponisten

Noch steht er in voller Blüte, der Standort Deutschland, Weltmeister im Kulturschaffen, mit über 135 Orchestern und 86 Opernhäusern unangefochten Marktführer im globalen Musikbusiness, konkurrenzlos in seiner Vielfalt. Ein stolzes Erbe, Folge jahrhundertelang gepflegter Kleinstaaterei und kulturellen Imponiergehabes in der Mitte Europas. Föderal, phänomenal, feudal. Adel verpflichtet zum Entertainment. Kein Fürstenhof ohne Musici, auf jedem Misthaufen krähte ein Hahn.
Deshalb gibt es keine Weltgegend, in der über einen so großen Zeitraum eine so beeindruckende Fülle musikalischer Spitzenprodukte entstanden ist, wie der deutsch-österreichisch-ungarisch-böhmische Kulturraum in der Mitte des alten Europa. Globalisierung con spirito. Die Labels Bach, Beethoven und Brahms sind Exportschlager, Symbol für deutsche Wertarbeit.
Die Fürstenhäuser sind verschwunden, das musikalische Erbe braucht Pflege. Deutschland investiert vier Milliarden Euro an öffentlichen Mitteln in die Förderung der Kultur. Ohne dieses Geld müssten Opernhäuser und Theater schließen, säßen nicht nur Musiker und Sänger, Schauspieler und Tänzer auf der Straße, sondern viele tausend Menschen, ohne die der Kulturbetrieb nicht funktioniert.
Die Kulturnation baut ab - Der Staat schleicht sich davon Doch still und heimlich schleicht sich der Staat aus der Verantwortung. Die Streicher sitzen im Amt, in Rathäusern und Landesregierungen. Mit eingelegtem Rotstift reiten die Kämmerer in den Kulturkampf gegen Theater und Orchester. Seit der Wiedervereinigung wurden in Deutschland 33 Orchester aufgelöst, abgewickelt, stillgelegt, verloren im Osten annähernd 30 Prozent der Musiker ihren Job, im Westen waren es knapp sechs Prozent. Dabei hat sich die Zahl der Konzerte deutlich erhöht, und die der Besucher auch, auf 3,7 Millionen im Jahr. Zwar bringt die Bundesliga mit 7,4 Millionen (gelegentlich singenden) Besuchern doppelt so viele Fans auf die Beine, aber sie wird auch vom Gebührenzahler auf dem Umweg über die Einzugsermächtigung der GEZ erheblich höher subventioniert.
Ein Phänomen der E-Musik ist leider unübersehbar: Je klassischer die Musik, desto grauer die Haare. Nur einer von zwanzig Jugendlichen zwischen 14 und 19 Jahren hört noch klassische Musik. Der Sound ist uncool. Ein Generationenproblem? Oder eine Folge der zunehmend amusischen Erziehung in den Schulen? In Deutschland ist Musikunterricht pädagogisches Notstandsgebiet, Unterrichtsausfall die Regel. 80 Prozent des in den Lehrplänen vorgesehenen Musikunterrichtes finden entweder nicht statt oder werden von fachfremden Lehrern gegeben.
Konkurs einer Kultur? Nicht unbedingt. Ein globaler Rettungsschirm ist gespannt. In Japan ist Beethovens Götterfunke Kult, in Tokio gibt es mehr professionelle Orchester als in Berlin und der Dirigent Masaaki Suzuki feiert mit dem Bach-Collegium Japan auf seinen Europa-Tourneen Erfolge vor ausverkauften Sälen. Der Meister hätte seine Freude. Das Collegium singt in akzentfreiem Deutsch.


Maasaki Suzuki – Japans Bach-Spezialist. Sein Chor singt in perfektem Deutsch


Lang Lang - Superstar des Klaviers – reist mit Beethoven um die Welt

Asiatische Interpreten spielen in der Formel Eins abendländischer E-Musik, wie der gutgelaunte Turbopianist Lang Lang („Das Leuchten des Himmels“), wie Yundi Li, der beim renommierten Warschauer Chopin-Wettbewerb die Goldmedaille gewann, die 15 Jahre lang nicht vergeben wurde, oder die Pianistin Helen Huang, in Japan geborenes und in den USA eingeschultes Kind taiwanesischer Eltern. Aus Korea kommt Sarah Chang, die Geigerin, die Yehudi Menuhin selig verzauberte.


Die japanische Pianistin Mitsuko Uchida beeindruckt durch ihr reifes, tief empfundenes Spiel

Die japanische Pianistin Mitsuko Uchida, aufgewachsen als Diplomatentochter in Wien, zählt wie die Geigerin Midori zur Weltklasse. Kent Nagano, US-Amerikaner japanischer Herkunft, leitet als Generalmusikdirektor die Bayerische Staatsoper, und der Cellist Yo-Yo Ma, laut „People“ der klassische Musiker mit dem meisten Sex-Appeal, durfte Barack Obama musikalisch ins Amt begleiten.

Eine Frischzellenkur für Europas Kulturerbe

Als erstaunlich reifes Wunderkind verzaubert Kit Armstrong, 16, Sohn einer Investmentbankerin taiwanesischer Herkunft, seinen Mentor Alfred Brendel und die staunende Musikwelt. Der kleine Mann komponierte mit sieben Jahren sein erste Sinfonie, spielt mit subtiler Reife Klavier, könnte sich aber auch vorstellen, in einem anderen Universum Wissenschaftler zu sein.

Für das Kulturerbe der abendländischen Musik ist die Begeisterung fernöstlicher Talente eine Frischzellenkur. Auf der Suche nach dem perfekten Klang reisen tausende Asiaten in das Land ihrer Träume und bewerben sich, gut vorbereitet und technisch hoch qualifiziert um einen Studienplatz an den 23 deutschen Musikhochschulen. An der Musikhochschule in Köln studieren im Sommersemester 267 Studenten aus Asien, darunter 46 Japaner. Tendenz steigend. An den bayerischen Hochschulen gibt es inzwischen eine Ausländerquote von 30 Prozent.

Das internationale Leistungsniveau ist anspruchsvoll. In der Spitze wird es eng. Im Wettbewerb „Neue Stimmen“ der Bertelsmann-Stiftung kamen zuletzt von 1200 Bewerbern nur zwei Deutsche unter die 50 Besten. Und wenn beim international angesehenen ARD-Musikwettbewerb nach strenger Auswahl unter Hunderten Bewerbern die Besten nach München eingeladen werden, hören sie auf den Namen Kim, Koh, Kwon oder Lee. Korea, neue Supermacht des schönen Gesangs, schickte zuletzt 26 Kandidaten. Ist den Deutschen das Singen vergangen? Nicht unbedingt. In der Breite ist noch Musik drin. Zwar können von dreißig Schülern einer Grundschulklasse gerade mal drei eine Melodie richtig nachsingen, doch immer noch macht jeder zehnte Deutsche irgendwie Musik, über drei Millionen sind Mitglied in einem der sechzigtausend deutschen Chöre, ein Millionenheer bläst oder trommelt, zupft oder streicht in einem Orchester, davon 1,6 Millionen in Blasorchestern und Spielmannszügen.

Was Kinder lernen können: Musik macht glücklich

Auch wenn dies die Hirnleistung nur geringfügig steigert, Hirnforscher und Pädagogen plädieren: Ein Instrument zu lernen heißt lernen lernen, und verweisen auf den gut entwickelten so genannten „Musikerbalken“ zwischen beiden Hirnhälften, der auf größere Koordinationsfähigkeit zwischen rechter und linker Hand hinweist. Musizierende Kinder entwickeln höhere Konzentrationsfähigkeit, zeigen weniger Aggression und verfügen über einen höheren Intelligenzquotienten. Entscheidend sei die Zeit zwischen dem siebten und zehnten Lebensjahr, in der die musikalischen Grundlagen gelegt werden.

Doch Musik ist kein Therapeutikum, ist sich selbst genug. Die Violinistin Anne Sophie Mutter. warnt davor, die Kunst zu instrumentalisieren. „Zunächst einmal macht sie Kinder und Jugendliche einfach glücklich.“

Glück ist also Übungssache. Aber macht Üben Spaß? „Spaß ist langweilig“, sagt der Tanzpädagoge Royston Maldoon in dem Film „Rythm is it“, in dem Sir Simon Rattle und die Berliner Philharmoniker Berliner Schulkinder auf Trab bringen – „Spaß muss man sich erarbeiten.“

Nachwuchspflege ist Fundament aller Tonkunst und ein Zukunftsbusiness, das sich auszahlt. Deshalb werden japanische Kinder in den Schulen der Instrumentenbauer unterrichtet, allein bei Yamaha sind es 1,1 Millionen. Jeder zweite Erstklässler in Japan lernt Geige oder Klavier. China strebt in der E-Musik zur Großmacht. Was in deutschen Lehrplänen schüchtern verklingt, wird in China mit großem Ehrgeiz gefördert. Und mit preußischen Tugenden wie Disziplin und Selbstaufgabe.

„In China bestimmt der Lehrer, im Westen ist der Schüler sein eigener Boss“ bemerkt Virtuose Lang Lang. „Das chinesische System verlangt mehr Fleiß, mehr Disziplin, mehr harte Arbeit.“ Keine Grundschule ohne Musikklasse. „Jeder junge Chinese kennt Schubert und Mozart viel besser als deutsche Schüler.“ Was Wunder: Zehn Millionen chinesische Kinder haben Klavierunterricht.

„Das deutsche Bildungssystem ist nicht darauf angelegt, wirklich Leistung zu fördern“, urteilt die Germanistin Bärbel Gutzat, die lange Jahre in China deutsche Sprache gelehrt hat. der konfuzianisch geprägten Gesellschaft habe Bildung einen hohen Stellenwert. Lehrer genießen Respekt, stehen in der traditionellen Rangfolge über dem Vater.

Viel Harmonie: Nordkorea und die abendländische Musik

Impressionen aus einem Schurkenstaat: Nordkorea singt. Von Kindheit an. Schon bei den ganz Kleinen geht es los, im Schulkinderpalast arbeiten Musikpädagogen die Begabungen heraus. Kinder lernen Volksmusik, Lieder, Tanz. Abendländische Musik gehört zum Lehrplan, Schubert-Lieder gehören zum Pensum. Abends, nach der Schule lernen sie weiter; samstags besuchen sie die Musikkooperative. Die Begabten kommen auf die Musikmittelschule, aus der die Musikhochschule ihren Nachwuchs rekrutiert. Dann und wann holen sie einen Ausbilder aus dem kapitalistischen Westen. Alexander Liebreich, 41, Chefdirigent des Münchner Kammerorchesters, hat mehrmals in Nordkorea junge Dirigenten unterrichtet und ist beeindruckt von der Offenheit, mit der sich die Musiker auf Mozart und Mendelssohn, Beethoven, Brahms und Prokofjew einlassen. „Sie haben ein ganz anderes Aufnahmevermögen, als ich es von Studenten in Europa kenne“, sagt der Dirigent. „Wie sie rangehen, das ist Leidenschaft pur! Man merkt, dass sie damit groß geworden sind. Manchmal empfinde ich Traurigkeit über das was wir verloren haben, dieses elementare Bedürfnis nach Musik, nach Kultur. Wie weit sind wir davon entfernt!“ Er kommt der Sache näher. In diesem Jahr wird er zu ersten Mal das Tongyeong International Music Festival in Südkorea leiten

Fotografische Beratung: Nele Braas


 


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