Magda - Das Magazin der Autoren

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Lob der Weltläufigkeit

Letzte Folge: "Zum Abschied"

Von Stefan Schomann

Es gab eine Zeit, in der das Reisen noch eine Kunst war und kein Kinderspiel. Wie für alles im Leben, so stand auch fürs Unterwegssein eine ebenso gewählte wie geschmeidige Sprache zur Verfügung. Man pflegte noch Konversation statt Small-talk, zeigte Manieren statt dreister Ungeniertheit. Diese rhetorische Kultur in andere Sprachen zu übersetzen, kamen in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts jene Sprachführer auf, wie wir sie auch heute noch benutzen: praktische Hand- und Hilfsbüchlein, mit denen wir für jede Eventualität gerüstet sind.

Der Katalog der Berliner Staatsbibliothek verzeichnet über tausend solcher Sprachführer. Sie spiegeln nicht allein die Entwicklung des Genres wider, sondern erstaunlich konkret auch das Weltgeschehen ihrer Zeit. Von Beginn an dominieren die großen Verkehrssprachen, wohingegen „Thai für Deutsche“ oder der „Powerkurs Japanisch“ sichtlich Produkte unserer Tage sind. Freilich kannte schon die Kolonialzeit Leitfäden auch für exotische Gefilde, so etwa „Swahili für Postbeamte“ oder „Nepalesisch für Missionare“. Den Kehraus dieser Epoche begleiten dann Ratgeber wie der „deutsch-französische Sprachführer für den Soldaten“, eine feldgraue Fibel, die bereits 1914 eine Auflage von 60.000 erreicht hatte und offenbar ins Sturmgepäck gehörte.

In den zwanziger Jahren gewinnen wieder „Sprachführer für Reise und Haus“ die Oberhand, und „Esperanto in der Tasche“ baut gar auf die Utopie einer Welthilfssprache. Statt  dessen bricht schließlich der Zweite Weltkrieg los. 1942 dokumentieren der „Schnellkursus der finnischen Sprache“ oder der „deutsch-üsbekische Sprachführer für den Soldaten“ das ganze Ausmaß der Expansion, „Ukrainisch für die Landwirtschaft“ und „Polnisch auf Baustellen“ hingegen die Zwangsarbeit in der Heimat.

1946 kehrt endlich wieder Ordnung ein: mit Hilfe des „Polizei-Sprachführers in deutscher, englischer, französischer und russischer Sprache“, Erscheinungsort Berlin. Ganz im Dienste der Völkerverständigung steht auch der 1980 herausgebrachte „Sprachführer der Waffenbrüder“ des Warschauer Pakts, unter der Parole „Vereint für Frieden und Sozialismus – dem Feind keine Chance!“. Während Serbokroatisch zu Beginn der neunziger Jahre verramscht wird, erleben die baltischen Sprachen eine Renaissance. 

Die kultiviertesten Sprachführer erschienen von der Belle Époque an bis hinein in die dreißiger Jahre, als man noch im großen Stil zu reisen pflegte. Sie verhalfen dem Benutzer zu einer Gewandtheit in fremden Sprachen, über die wir heute kaum mehr in der Muttersprache verfügen.

Ein Lob der Weltläufigkeit anzustimmen, habe ich die folgenden Gespräche Satz für Satz aus einem Dutzend solcher Handbücher zusammengeklaubt. Sie erscheinen in wöchentlicher Folge. Man lese sie langsam, laut und deutlich.

 

 

I.  Ankunft

 

Endlich sind wir in dem ersehnten Italien angelangt.

Hatten Sie eine gute Fahrt?

Danke der Nachfrage.

Wünschen Sie Droschke oder Automobil?

Wir nehmen die Straßenbahn. Sie geht bis zu unserem Hotel.
Wohnen Sie im „Quirinale“ oder im „Grand Hotel?“

Im „Vesuvio“.

Sie werden sich dort sehr wohl befinden.

Die Elektrische kommt.

Steigen wir also ein!

Wir möchten auch ein Bad im Meere nehmen.

Können Sie schwimmen?

Wir bleiben nur fünf Minuten darin.

Ganz wie es Ihnen beliebt.

Wo befindet sich die Altstadt / die Gemäldegalerie / das deutsche Konsulat?

Wenn Sie es wünschen, zeige ich Ihnen alles, was sehenswert ist. Bitte, hier ist Ihr Hotel.

Guten Morgen. Mein Name ist K., wir haben ein Zimmer bei Ihnen bestellt.

Seien Sie uns willkommen! Haben Sie wohl die Güte, Ihren Namen ins Fremdenbuch zu schreiben?

Verfügen Sie über geräumige Zimmer? Gut gelüftet und nach der Sonne gelegen?

Zeigen Sie den Herrschaften Nummero 17.

Darf ich bitten, mir zu folgen. Für Ihr Gepäck wird Sorge getragen.

Sind Licht und Bedienung eingeschlossen?

Jawohl, der Herr.

Bitte, bringen Sie warmes Wasser und Handtücher.

Das Mädchen wird Ihnen sogleich alles geben.

Sind Bäder im Hause?

Selbstverständlich.

Und wo ist die Bequemlichkeit?

Hier entlang, bitte. Erlauben Sie mir zu bemerken, daß ...

Sehr liebenswürdig! Hier, für Ihre Bemühungen.

Ergebensten Dank. Ich wünsche einen angenehmen Aufenthalt.

 

 

 

II.  Beim Frühstück

 

Guten Morgen.

Guten Morgen.

Ich will klingeln, um zu hören, ob das Frühstück fertig sei.

Ja, die Herrschaften befinden sich bereits im Speisesaal.

Wir werden sogleich hinunter kommen.

Zum Frühstück bevorzuge ich Kringel / Honig / Tee mit Milch.

Hier ist auch Brot / Edamer Käse.

Wünschen Sie Schinken / Austern?

Bitte braten sie uns dieses Huhn.

Ich nehme Kaffee und Zwieback. Und etwas Gelee bitte.

Wünschen Sie Biskuits dazu?

Danke, nein.

Ist Ihnen der Kaffee auch süß genug?

Es ist der reinste Mokka.

Wenn er nicht süß genug ist, so sagen Sie es nur ohne Umschweife.

Gewiß doch.

Hier ist gut sein. 

Mein Herr, würden Sie wohl die Güte haben, mir diese Zeitung zu reichen, sobald Sie sie ausgelesen haben?

Aber selbstverständlich.

Liegt etwas Besonderes vor?

Man spricht vom Kriege.

Ich beschäftige mich wenig mit Politik.

Da haben Sie gewiß recht.

 

 

 

III. Im Bankhaus

 


Was steht zu Diensten, mein Herr?

 

Ich bitte, mir diesen Wechsel zu diskontieren. Er ist von einem Geschäftsfreund in London auf Sie gezogen. Beliebt es Ihnen, ihn anzunehmen?

 

Ja, das ist ein respektables Haus.

 

Das Papier ist zahlbar bei Sicht.

 

Ich werde es Ihnen sofort honorieren.

 

Sie können mir doch wohl einen Teil des Betrages in Gold auszahlen?

 

Seien Sie ohne Sorge.

 

Nehmen Sie Effekten in Verwahrung?

 

Ich bedaure.

 

Ist das Giro in Ordnung?

 

Ich rechne stündlich auf einen Brief meines Korrespondenten.

 

Wenn Sie gestatten, spreche ich morgen noch einmal vor.

 

Das ist mir recht. Würden Sie bitte hier gegenzeichnen?

 

Nebenbei bemerkt, wie stehen die österreichischen Staatspapiere?

 

Sie stehen al pari.

 

Können Sie eine Debetnota für diese Summe ausstellen?

 

Ich würde Ihnen das Agio gut schreiben.

 

Unter Abzug des Diskonts?

 

Die Zahlung erfolgt in Form des Inkassos mit Nachakzept.

 

Dringende Geschäfte könnten indes meine baldige Abreise erfordern.

 

Seien Sie ohne Sorge.

 

 

 

 

IV. Bekanntschaften

 


Guten Tag, gnädiges Fräulein.

 

Guten Tag.

 

Gestatten Sie, daß ich mich Ihnen vorstelle: mein Name ist X.

 

 

Angenehm, mein Name ist Y.

 

Ich hatte schon lange den Wunsch, Sie kennenzulernen.

 

Es freut mich ebenfalls, Ihre Bekanntschaft machen zu dürfen.

 

Ich bin nämlich fremd hier.

 

Aber Sie haben eine gute Aussprache.

 

Ich habe vieles auswendig gelernt. Doch die Umgangssprache fällt mir noch schwer.

 

Haben Sie keine Hemmungen!

 

Was halten Sie von einem Spaziergang?


Einverstanden. Nach welcher Seite gehen wir?


Lassen Sie uns nach dem Flusse gehen.


Welch schöner Tag!


Man könnte sich keinen schöneren denken.


Man sagt, es wird in diesem Jahre kein Kernobst geben.


Aber die Apfelernte wird gut, höre ich.


Ich möchte am liebsten auf dem Lande leben.


Sind Sie unvermählt / verlobt / verheiratet?


Ja / nein, ich bin unvermählt / verlobt / verheiratet.


Darf ich mich nach Ihrem augenblicklichen Befinden erkundigen?


Danke, ich fühle mich wohl. Aber meine Mutter ist unpäßlich.

 

Was fehlt ihr?

 

Sie hat den Schnupfen.

 

Ich lasse gute Besserung wünschen.

 

Ich fürchte fast, es geht mit ihr zu Ende.

 

Das tut mir sehr leid.

 

Hier trennen sich unsere Wege.

 

Haben Sie für morgen schon etwas vor? Wir könnten das ...-Theater besuchen.

 

Ich habe große Lust, hinzugehen.

 

 

 

 

V. Im Theater

 

Haben Sie Einlaßkarten?

Wir wollen Sperrsitze nehmen.

Ich hatte eigentlich an eine Loge gedacht.

Ganz wie Sie wünschen.

Lassen Sie uns eintreten.

Wollen wir unsere Hüte hier abgeben?

Jawohl, sie würden uns im Saal nur belästigen.

Man wird bald anfangen.

Rufen Sie die Logenschließerin, ich möchte ein Programm kaufen.

Man gibt heute abend ein neues Stück.

Es ist viel feine Welt in den Logen.

Man zieht den Vorhang auf.

Die Dekorationen sind herrlich.

Diese Schauspielerin spielt sehr anmutig.

Sie sieht sehr jung aus.

Sie hat ein angenehmes Äußeres und eine reizende Stimme.

Ich finde sie zu affektiert.

Die Grundidee der Intrigue ist wirklich originell.

Jedoch unvollkommen durchgeführt.

Allerdings mißfällt mir der erste Liebhaber.

Aber sein Blick wirkt beredt.

Ich finde, er hat ein gezwungenes Spiel. Jeden Augenblick kommt er, ohne augenscheinlichen Grund, der Rampe näher.

Er macht eine stattliche Figur dabei.

Ohne Souffleur würde er steckengeblieben sein.

Das Stück ist wenig geeignet, sein Talent zur Geltung zu bringen.

Der Gang der Handlung ist zu langsam.

Doch die Schürzung des Knotens entwickelt sich.

Das Stück steckt voller Inkonsequenzen.

Aber es sind schöne Verse darin.

Der Vorhang fällt.

Lassen Sie uns gehen.

 

 

VI. Beim Schneider

 

Ich bitte, mir Maß zu einem Anzug zu nehmen.

Wie wollen Sie ihn gemacht haben?

Wie man ihn gegenwärtig trägt; jedoch nicht geckenhaft.

Jetzt sind karierte Stoffe modern.

Ich ziehe einfarbige vor.

Ja, die Mode hat ihre Launen.

Ich denke, Grün würde mich kleiden.

Ich habe Muster aller Art, mein Herr.

Die Rockärmel wünsche ich nicht zu kurz.

Sehr wohl, mein Herr. Wünschen Sie die Hose prall oder weit?

Machen Sie sie recht weit; ich liebe die Bequemlichkeit.

Wollen Sie, daß Ihre Beinkleider weit hinaufreichen?

Weder zu hoch hinauf noch zu weit hinab.

Ergebenster Diener, mein Herr.

[...]

Ich bringe Ihnen Ihren Anzug, mein Herr.

Wollen doch mal sehen, wie er mir passt.

Er sitzt wie angegossen!

Jedoch zu prall unter den Achseln.

So trägt man es jetzt.

Mir scheint, er schlägt Falten über den Hüften.

Das ist nur so im ersten Augenblick.

Es fehlen einige Knöpfe.

Das hat nichts zu bedeuten.

Die Hose kneift mich.

Wenn Sie sie zwei Stunden getragen haben, wird sich das ausgleichen.

Sie sind ein wahrer Künstler.

 

 

 

VII. Wohl zu speisen!

 

Sie bereiten mir doch das Vergnügen, mit mir zu speisen, nicht wahr?

Ich würde gerne annehmen, aber ich bin nicht danach angezogen.

Das macht nichts. Meine Frau ist mit den Kindern auf dem Lande.

Dann will ich nicht nein sagen.

Was essen Sie? Barbe, Bouillon, Büchsenfleisch? Ei (sing), Eier (plur), Setzeier, rohe Eier, verlorene Eier? Gepökelt, geröstet, gesotten, halbgar? Kapaun, Kitz, Klops, Kuchen? (Siehe auch Früchte.)

Ich möchte Gurkensalat.

Möchten Sie eine große / kleine Portion?

Eine kleine / große wäre mir lieber.

Wünschen Sie Schoten?

Danke, ich habe zur Genüge.

Ah, man bringt bereits die Pasteten.

Welch ein Augenschmaus!

Kellner, kennen Sie diese Gruppe von Herren, die so lebhaft gestikulieren? Es sind wohl Journalisten?

Ja, mein Herr.

Und jene andere Gruppe dort?

Das sind Deputierte.

Man speist hier in der Tat vorzüglich.

Darf ich Sie um das Salznäpfchen / die Butter / ein Messer bitten?

Wenn Sie mir dafür den Senf / den Käse / das Brot reichen würden?

Mit dem größten Vergnügen!

Ich werde Ihnen etwas Braten vorlegen. Von welcher Seite soll ich abschneiden?

Von welcher Seite Sie wollen.

Ist Ihnen eine Keule oder der Bürzel lieber?

Ich koste beides. Es schmeckt gar zu köstlich.

Ich freue mich sehr, daß es nach Ihrem Geschmack ausfällt. Möchten Sie noch etwas Erfrischendes trinken?

Ich möchte lieber eine Vanillencrême.

Sehr wohl. Kellner, auf wieviel belaufen sich unsere Ausgaben?

Essen für zwei macht sieben Schillinge, eine Flasche Burgunder vier Schillinge, Bedienung sechs Pence, macht im ganzen elf und einen halben Schilling.

Hier sind zwölf Schillinge. Der Rest ist für Sie.

Ergebensten Dank, mein Herr.

 

 

VIII. Die Abendgesellschaft

 

 

Welch eine glänzende Gesellschaft!

Sehr schöne Frauen, entzückende Toiletten.

Man führt ein großes Haus.

Nähern wir uns diesen beiden Damen!

Beginnen wir eine Unterhaltung mit diesen Herren.

Meine Damen, wir gestatten uns die Ehre, Ihnen einen Guten Tag zu wünschen.

Das Vergnügen ist ganz auf unserer Seite.

Wir sind entzückt, Ihre Bekanntschaft zu machen.

Ihre Gesellschaft ist uns außerordentlich schmeichelhaft.

Welch ein Vergnügen, sich an Ihrem Anblick erfreuen zu dürfen!

Ihre Begleitung ist uns willkommen.

Sehen Sie, so macht man mit vier Worten Bekanntschaft.

Wie unangenehm sind doch diese Förmlichkeiten.

Wie heißt übrigens der Herr, welcher singt?

Er ist Dilettant.

Die Dame, welche die Harfe spielt, ist wohl Engländerin?

Welche Haltung sie annimmt!

Sehen Sie nur, wie graziös jenes Paar tanzt.

Obgleich es sehr heiß ist.

Hier kommt der Diener mit dem Präsentierteller.

Eine kleine Erfrischung tut uns not.

Erlauben Sie uns, auf Ihr Wohl zu trinken?

Auf das Wohl der gesamten Gesellschaft!

 

 

IX. Zum Abschied

 

Was, Sie wollen uns schon verlassen?

Ich habe unaufschiebbare Geschäfte / bin noch zu einem Balle eingeladen.

Bleiben Sie doch noch einen Augenblick.

Es fängt an spät zu werden.

Ich bitte Sie!

Sehr zu meinem Leidwesen muß ich nun aufbrechen.

Wie schade!

Ich habe die Ehre, mich Ihnen zu empfehlen.

Ist es Ihnen wirklich ernst damit?

Ich will Ihnen nicht weiter zur Last fallen.

Aber nicht doch!

Es tut mir überaus leid, Ihre Gesellschaft nicht länger genießen zu können.

Wir hoffen, Sie gesund wiederzusehen.

Guten Abend.

Gute Nacht.

Leben Sie wohl!

Auf Wiedersehen.

Empfehlen Sie mich Ihrer Frau Gemahlin.

Beehren Sie uns recht bald wieder!

Ergebenster Diener!

Vergessen Sie nicht, uns Ihre Anschrift zu schicken.

Ich lasse von mir hören.

Versprechen Sie uns, wiederzukommen?

Ich sage Ihnen nicht Adieu.

 

 

 

 


 


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